Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos: Gefährliche Liebschaften - Kapitel 64
Quellenangabe
typefiction
authorde Laclos, Choderlos
titleGefährliche Liebschaften
publisherHyperion Verlag
addressMünchen
volume1
translatorFranz Blei
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060526
projectid097c69ad
Schließen

Navigation:

Zweiundsechzigster Brief

Cécile Volanges an Sophie Carney.

Meine liebe Sophie, bedaure Deine Cécile, Deine arme Cécile –sie ist sehr unglücklich! Mama weiß alles. Ich begreife nicht, wie sie das alles nur hat erraten können und doch weiß sie alles. Gestern abend kam's mir so vor, als ob Mama etwas schlechter Laune wäre, aber ich gab nicht weiter acht darauf; währenddem sie sich Patience legte, unterhielt ich mich noch mit Frau von Merteuil, die bei uns zu Abend gegessen hatte, viel über Danceny. Ich glaube aber nicht, daß man uns hören konnte. Sie ging fort und ich auf mein Zimmer.

Ich war gerade beim Ausziehen, als Mama eintrat und meine Kammerjungfer hinausschickte; sie verlangte den Schlüssel zu meinem Schreibtisch! Der Ton, mit dem sie mir das sagte, machte mich so zittern, daß ich mich nur mit Mühe aufrecht erhalten konnte. Ich tat, als wenn ich den Schlüssel nicht finden könnte; aber endlich mußte ich ihn ja doch hergeben. Und gleich im ersten Schubfach, das sie öffnete, waren die Briefe von Danceny. Ich war so bestürzt, daß ich auf ihre Frage, was das wäre, nichts anderes sagen konnte als daß es nichts wäre: ich sah noch, wie sie den ersten, den sie fand, zu lesen anfing, wankte zu einem Stuhl und fiel in Ohnmacht. Sobald ich wieder bei Besinnung war, hatte meine Mutter das Zimmermädchen hereingerufen und sagte, ich solle sofort zu Bett gehen. Sie ging und nahm alle Briefe von Danceny mit. Ich zittere, wenn ich daran denke, ihr wieder unter die Augen zu treten. Ich habe die ganze Nacht hindurch geweint.

Ich schreibe jetzt bei Tagesgrauen, in der Hoffnung, daß Josephine bald kommt. Wenn ich allein mit ihr sprechen kann, werde ich sie bitten, Frau von Merteuil ein kurzes Billet zu überbringen, das ich ihr schreiben will; geht es nicht, so lege ich es Deinem Briefe bei und Du wirst so gut sein, es ihr zu geben so als ob es von Dir käme. Nur von ihr kann ich einigen Trost erwarten. Wenigstens werden wir von ihm sprechen, denn ich kann nicht hoffen, ihn je wiederzusehen. Ich bin so unglücklich! Vielleicht ist sie so gut und bestellt einen Brief an Danceny. Ich darf mich dafür nicht Josephine anvertrauen und noch weniger meiner Kammerfrau; die hat es vielleicht gerade meiner Mutter gesagt, daß ich Briefe in meinem Schreibtische habe.

Ich kann Dir nicht länger schreiben, denn ich muß noch an Frau von Merteuil und an Danceny schreiben. Dann lege ich mich wieder ins Bett, damit man nichts merkt, wenn jemand ins Zimmer kommt. Ich werde sagen, daß ich krank bin, um der Zusammenkunft mit Mama zu entgehen. Und lüge dabei nicht einmal viel, denn ich leide wirklich mehr als wenn ich das Fieber hätte. Meine Augen tun mir weh vor lauter Weinen; und auf dem Magen liegt es mir wie ein Gewicht, das mich nicht atmen läßt. Wenn ich nur daran denke, daß ich Danceny nicht mehr sehen soll, möchte ich am liebsten gleich tot sein.

Adieu, meine liebe Sophie. Ich kann nicht mehr, meine Tränen ersticken mich.

den 7. September 17..

[Nota: Der Brief Cécile Völanges an die Marquise von Merteuil enthält, was diese an Sophie Carnay meldet, mit noch weniger Details. Der Brief an den Chevalier Danceny hat sich nicht wiedergefunden – der Grund dafür findet sich im 64. Briefe der Frau von Merteuil an den Vicomte.]

 << Kapitel 63  Kapitel 65 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.