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Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos: Gefährliche Liebschaften - Kapitel 60
Quellenangabe
typefiction
authorde Laclos, Choderlos
titleGefährliche Liebschaften
publisherHyperion Verlag
addressMünchen
volume1
translatorFranz Blei
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060526
projectid097c69ad
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Achtundfünfzigster Brief

Der Vicomte von Valmont an die Marquise von Merteuil

Ich fand Ihren Brief gestern bei meiner Rückkunft. Ihr Zorn hat mir Spaß gemacht. Sie würden Dancenys Dummheit nicht intensiver empfinden können, wenn er sie sich gegen Sie selbst hätte zuschulden kommen lassen. Aus Rache bringen Sie sicher seiner Maitresse bei, ihm Hörner aufzusetzen. Ach ja, Sie sind, was man ein Luder nennt, aber was für ein entzückendes! Und ich wundere mich gar nicht darüber, daß man Ihnen weniger widersteht als Danceny.

Jetzt kenne ich ihn auswendig, diesen schönen Helden aus dem Roman! Er hat kein Geheimnis mehr vor mir. Ich erzählte ihm, so oft er es hören wollte, daß die reine Liebe das kostbarste Gut wäre, daß ein schönes Gefühl mehr wert wäre als zehn Liebesverhältnisse, daß ich in dem Augenblick selber schon ganz Gefühl und reine Liebe war. Daraufhin fand er natürlich meine Anschauungen den seinen so verwandt, daß er vor Entzücken darüber einfach alles sagte und mir unverbrüchliche Freundschaft schwor. Dabei sind wir nun unseren Absichten allerdings nicht näher gekommen.

Erst schien mir dieses sein System zu sein, daß ein Mädchen viel mehr Vorsicht in der Behandlung verdiene als eine Frau, weil ein Mädchen nur zu verlieren habe. Er findet weiters und insbesondere, daß nichts einen Mann rechtfertigen könne, der ein Mädchen in die Notwendigkeit versetzt, ihn zu heiraten oder ohne ihn entehrt zu leben, wenn die Frau viel mehr Geld hat als der Mann, was sein eigener Fall ist. Die absolute Sorglosigkeit der Mutter, die reine Unschuld der Tochter, alles das macht ihn schüchtern und hält ihn zurück. Die Schwierigkeit besteht nun nicht darin, diese seine Bedenken zu bekämpfen, wie wahr sie auch sein mögen. Mit ein bißchen Geschicklichkeit und Leidenschaftlichkeit hätte man sie bald zerstört, einmal schon, weil sie ans Lächerliche grenzen, und dann, weil man doch die Autorität des alten Brauches für sich hat. Aber was es verhindert, daß man ihm beikommt, ist: er fühlt sich in diesem Zustand ganz glücklich! Und daran ist etwas. Wenn die erste Liebe im allgemeinen aufrichtiger, inniger scheint, »reiner«, wie man sagt, –wenn sie weniger schnell vorwärts geht zum Ziel, so ist das nicht, wie man meint, Schüchternheit oder besondere Delikatesse, als vielmehr das Staunen des Herzens über dieses unbekannte Gefühl, worüber es sozusagen bei jedem Schritt stehen bleibt, um das Entzücken, das es empfindet, zu genießen. Und dieser Zauber ist so mächtig über ein junges Herz und beschäftigt es so sehr, daß es darüber alle andern Freuden und Genüsse vergißt. Das ist so war, daß selbst ein verliebter Wüstling, wenn anders ein Wüstling so lieben kann, in diesem Zustand viel weniger Eile, zum Genuß zu kommen, verspürt – so daß zwischen dem, wie es Danceny mit der kleinen Volanges hat, wie es ich mit der spröden Frau von Tourvel habe, der Unterschied nur mehr minder ist.

Es wären, um unseren jungen Mann in Hitze zu bringen, mehr Hindernisse nötig gewesen als er vorfand. Besonders hätte mehr Geheimnisvolles dabei sein müssen, denn das Geheimnisvolle macht kühn. Ich glaube fast, daß Sie uns geschadet haben, indem Sie die zwei so gut bedienten. Ihr Arrangement wäre bei einem Manne, der sich auskennt, vorzüglich gewesen, bei einem Manne, der nur die Begierde gehabt hätte. Aber Sie hätten voraussehen müssen, daß für einen jungen, honetten und verliebten Menschen die größte Gunstbezeigung die ist, seine Liebe auf die Probe gestellt zu sehen; und daß er, je sicherer er geliebt zu sein ist, auch desto weniger unternehmend ist. Was jetzt tun? Ich weiß nichts. Ich habe aber keine Hoffnung, daß die Kleine vor der Heirat genommen wird, und wir haben nichts für unsere Mühe. Es tut mir leid, aber ich sehe kein Mittel.

Während ich schreibe, tun Sie etwas Besseres mit Ihrem Chevalier. Das erinnert mich daran, daß Sie mir eine Untreue zu meinen Gunsten versprochen haben, und ich habe Ihr Versprechen schriftlich. Ich gebe zu, daß der Wechsel noch nicht präsentiert würde, aber es wäre generös von Ihnen, nicht darauf zu warten, die Zinsen zahle ich. Was meinen Sie, meine schöne Freundin? Sind Sie von Ihrer Treue noch nicht müde? Ist dieser Chevalier denn wirklich so über alle Maßen? Aber lassen Sie mich nur machen, und ich will Sie zuzugeben zwingen, daß Sie an ihm einiges Verdienst nur entdeckten, weil Sie mich vergessen hatten.

Adieu, meine schöne Freundin; ich küsse Sie, wie ich nach Ihnen verlange, und spreche den Küssen des Chevaliers diese meine Glut durchaas ab.

..., den 5. September 17...

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