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Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos: Gefährliche Liebschaften - Kapitel 58
Quellenangabe
typefiction
authorde Laclos, Choderlos
titleGefährliche Liebschaften
publisherHyperion Verlag
addressMünchen
volume1
translatorFranz Blei
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060526
projectid097c69ad
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Sechsundfünfzigster Brief

Cécile Volanges an Sophie Carnay.

Du hattest Recht, meine liebe Sophie, – mit Deinen Prophezeiungen hast Du mehr Glück als mit Deinen Ratschlägen. Danceny war, wie Du voraussahst, stärker als der Beichtvater, stärker als Du und als ich selber – und somit stehen wir wieder genau da, wo wir vorher waren. Ach! Es tut mir nicht leid darum; und Du, wenn Du mich zankst, tust es nur, weil Du nicht weißt, wie schön es ist, Danceny zu lieben. Du hast leicht reden, was man tun darf und was nicht. Wenn Du aber selbst erfahren hättest, wie sehr einem der Kummer eines, den man liebt, weh tut, wie seine Freude die unsere wird, und wie schwer es ist, nein zu sagen, wenn man ja sagen möchte, da würdest Du Dich über nichts mehr wundern. Ich hab's gefühlt und sehr lebhaft gefühlt und versteh es doch nicht. Glaubst Du, daß ich Danceny weinen sehen kann, ohne selbst mitzuweinen? Ich versichere Dir, es ist mir ganz unmöglich. Und wenn er zufrieden ist, bin ich so glücklich wie er selbst. Du hast leicht sagen: das was man spricht, ändert nicht das was ist, und ich bin sicher, daß es doch ist.

Ich möchte Dich an meiner Stelle sehen – nein, das ist's nicht, was ich sagen will; denn ich möchte meinen Platz wahrhaftig mit niemandem tauschen, aber ich möchte, daß Du auch einen liebst – nicht nur, weil damit Du mich dann verstündest, und mich weniger zanktest, als darum, weil Du dann auch glücklicher wärest, oder um es besser auszudrücken: Du würdest erst dann anfangen, glücklich zu werden.

Unsere Amüsements, siehst Du, unser Lachen und so, das ist nichts als Kinderspiel, es bleibt nichts davon zurück, wenn's vorüber ist. Aber die Liebe ...! die Liebe ...! ein Wort, ein Blick, ihn nur da zu wissen – das ist das Glück! Wenn ich Danceny sehe, wünsche ich mir gar nichts mehr; wenn ich ihn nicht sehe, wünsche ich nur ihn. Ich weiß nicht, wie das ist, aber man möchte fast sagen, daß alles, was mir gefällt, ihm ähnlich sieht. Wenn er nicht bei mir ist, denke ich an ihn, und wenn ich ohne Ablenkung ganz an ihn und nur an ihn denken kann, bin ich auch glücklich; ich mache die Augen zu, und gleich sehe ich ihn; ich rufe mir seine Worte zurück, und ich höre ihn; das macht mich so atmen und dann fühle ich alles wie Feuer und Bewegung und kann kaum ruhig bleiben. Es ist wie eine Marter und doch ist diese Marter ein unaussprechlicher Genuß. Ich glaube, wenn man einmal Liebe fühlt, gibt man davon selbst auf die Freundschaft weiter. Meine Freundschaft für Dich hat sich nicht geändert und ist immer noch gerade so wie im Kloster, aber was ich Dir da sage, bezieht sich auf Frau von Merteuil. Es kommt mir vor, als liebe ich sie mehr als Danceny und als Dich, und manchmal möchte ich, sie wäre er. Das kommt vielleicht daher, daß das keine Freundschaft aus der Kinderzeit ist wie die unsere; oder daher, weil ich sie so oft mit Danceny zusammen sehe, daß ich mich so irre. Sicher ist, daß sie beide mich sehr glücklich machen; und nach allem glaube ich nicht, daß es ein großes Unrecht ist was ich tue. Ich verlange auch nur zu bleiben wie ich bin, und es ist auch nur der Gedanke an meine Heirat, der mir Kummer macht. Denn ist Herr von Gercourt so, wie man mir sagt, und ich zweifle gar nicht daran, was wird dann aus mir werden!? Adieu, meine Sophie, ich habe Dich immer gleich lieb.

Paris, den 4. September 17..

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