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Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos: Gefährliche Liebschaften - Kapitel 53
Quellenangabe
typefiction
authorde Laclos, Choderlos
titleGefährliche Liebschaften
publisherHyperion Verlag
addressMünchen
volume1
translatorFranz Blei
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060526
projectid097c69ad
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Einundfünfzigster Brief

Frau von Tourvel an den Vicomte von Valmont.

So erfüllen Sie die Bedingungen, unter denen ich Ihnen erlaubte, mir hin und wieder zu schreiben? Und sollte ich mich nicht darüber beklagen, wenn Sie mir nur von einem Gefühl sprechen, dem mich hinzugeben ich mich auch dann noch fürchtete, wenn ich es selbst ohne Verletzung all meiner Pflichten tun dürfte.

Übrigens: wenn ich noch neue Gründe nötig hätte, mir diese heilsame Furcht zu bewahren, hätte ich sie, wie mir scheint, in Ihrem letzten Briefe gefunden. Denn in dem Augenblick, wo Sie glauben, der Liebe eine Verteidigung zu schreiben, was machen Sie da? – Sie zeigen mir nur ihre schlimmsten Leidenschaften. Wer wird aber ein Glück um den Preis der Vernunft kaufen, ein Glück, dessen Freuden von kurzer Dauer sind und dem langes Bedauern wenn nicht gar Reue nachfolgt?

Selbst Sie, bei dem die Gewöhnung an diese gefährlichen Ekstasen deren Effekt abschwächen sollte, müssen Sie nicht selbst zugeben, daß die Leidenschaft oft stärker wird als Sie selber, und sind Sie es nicht auch, der sich über die ungewollte Verwirrung, die sie hervorruft, beklagt? Welche schreckliche Verwüstung brächte das nicht über ein unerfahrenes und empfängliches Herz, eine Verwüstung, deren Macht das Opfer, das dieses Herz bringen müßte, noch vergrößerte?

Sie glauben, oder Sie wollen mich glauben machen, daß die Liebe zum Glück führt; und ich bin so fest überzeugt, daß sie mich so unglücklich machen würde, daß ich nie mehr das Wort Liebe hören möchte. Bloß davon reden stört mir die Ruhe, und es ist ebenso Geschmack wie Pflicht, daß ich Sie bitte, darüber zu schweigen.

Und nach allem muß Ihnen diese Bitte zu gewähren leicht fallen. In Paris werden Sie Gelegenheit genug finden, ein Gefühl zu vergessen, das seinen Ursprung vielleicht nur in Ihres Lebens Gewohnheit hat und seine Stärke nur in dem Nichtstun auf dem Lande. Sind Sie denn nun nicht an demselben Ort, wo Sie mich so oft ganz gleichgültig angesehen haben? Können Sie denn da einen Schritt tun, ohne einem Beispiel Ihrer Flatterhaftigkeit zu begegnen? Und sind Sie da nicht von Frauen umgeben, die viel liebenswerter sind als ich und mehr Recht auf Ihre Gunst haben? Ich besitze nicht diese Eitelkeit, die man meinem Geschlecht vorwirft, und noch weniger jene falsche Bescheidenheit, die nichts als ein raffinierter Stolz ist. Und mit ehrlicher Überzeugung kann ich es Ihnen hier sagen, daß ich wenige Mittel zu gefallen an mir kenne; aber wenn ich auch alle hätte, würde ich sie nicht für stark genug halten, Sie festzuhalten. Von Ihnen zu verlangen, sich nicht mehr um mich kümmern zu wollen, wäre nur Sie zu bitten, heute wieder zu tun, was Sie schon einmal taten und was Sie ganz bestimmt in einiger Zeit wieder tun würden, auch wenn ich Sie um das Gegenteil bäte.

Diese Tatsache, die ich nicht außer Augen lasse, wäre allein schon ein Grund, stark genug, Sie nicht mehr anhören zu wollen. Ich habe noch tausend andere: aber ohne mich darüber weiter auszulassen, halte ich mich an dieses, Sie zu bitten – zum wievielten Male! – mir nicht mehr von einem Gefühl zu sprechen, auf das ich nicht hören, und das ich noch weniger beantworten darf.

Den 1. September 17..

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