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Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos: Gefährliche Liebschaften - Kapitel 51
Quellenangabe
typefiction
authorde Laclos, Choderlos
titleGefährliche Liebschaften
publisherHyperion Verlag
addressMünchen
volume1
translatorFranz Blei
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060526
projectid097c69ad
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Neunundvierzigster Brief

Der Vicomte von Valmont an Frau von Tourvel (mit dem Poststempel Paris).

Nach einer stürmischen Nacht, während welcher ich kein Auge schloß, und die ich in einer verzehrenden Glut der Erregung zubrachte, oder in der völligen Niedergeschlagenheit aller Kräfte meiner Seele, komme ich zu Ihnen, gnädige Frau, um die Ruhe zu suchen, deren ich bedarf, und die zu erlangen ich noch kaum zu hoffen wage. Die Situation, in der ich mich befinde und aus der ich Ihnen schreibe, läßt mich wahrhaftig mehr denn je die unwiderstehliche Gewalt der Liebe erkennen, und es wird mir schwer, so viel Gewalt über mich zu gewinnen, nur einige Ordnung in meine Gedanken zu bringen; und jetzt sehe ich schon, daß ich diesen Brief ohne Unterbrechung nicht beendigen werde. Könnte ich hoffen, daß Sie einmal diese Erregung teilen, die ich in diesem Augenblicke empfinde? Doch wage ich zu glauben, Sie könnten nicht unempfindlich dagegen sein, würden Sie meinen Zustand ganz kennen. Glauben Sie mir, gnädige Frau, die kühle Ruhe, der friedliche Schlaf der Seele, das Bild des Todes – das führt nicht zum Glück, dies können nur die tätigen, wirkenden Leidenschaften; und trotz der Schmerzen, die Sie mich jetzt erdulden lassen, glaube ich Ihnen mit gutem Gewissen versichern zu können, daß ich in diesem Augenblicke glücklicher bin als Sie. Umsonst überschütten Sie mich mit Ihrer verzweifelnden Unerbittlichkeit; sie hindert mich nicht, mich ganz meiner Liebe hinzugeben und in dem Rausch, den sie mir gibt, die Verzweiflung zu vergessen, der Sie mich ausliefern. So räche ich mich für die Verbannung, zu der Sie mich verurteilen. Niemals machte mir das Schreiben an Sie so viel Freude; niemals empfand ich während dieser Beschäftigung eine so wunderbare weiche und doch intensive Erregtheit. Alles scheint meine Ekstase zu vermehren: die Luft, die ich atme, ist voll Wollust, der Tisch, auf dem ich Ihnen schreibe, ist zum erstenmal diesem Zwecke geweiht und wird zum geheiligten Liebesaltar für mich werden, und ich werde darauf den Schwur schreiben, Sie ewig zu lieben! ... Verzeihen Sie, ich bitte Sie, die Verwirrtheit meiner Sinne. Ich sollte mich vielleicht weniger einer Leidenschaft ergeben, die Sie nicht teilen ... und ich muß Sie für einen Augenblick verlassen, um eines tollen Rausches Herr zu werden, der mit jedem Augenblick wächst und stärker ist als ich ...

Ich kehre zu Ihnen zurück, gnädige Frau, und nicht anders als in der gleichen Ergebenheit. Doch ist das Gefühl des Glückes weit von mir geflohen, und hat dem der grausamsten Entbehrung Platz gemacht. Was nützt es, Ihnen von meinen Gefühlen zu sprechen, wenn ich umsonst nach den Mitteln suche, Sie davon zu überzeugen? So vieles habe ich versucht und nun verläßt mich das Vertrauen und die Kraft zugleich. Wenn ich mir noch die Freuden der Liebe zurückrufe, so nur um desto stärker deren Entbehrnis zu empfinden. Ich sehe nirgends sonst Trost als in Ihrer nachsichtigen Güte und ich fühle in diesem Augenblicke nur zu sehr, wie ich sie nötig habe. Niemals war meine Liebe ehrfurchtsvoller, niemals weiter von aller Kränkung, und ich darf es wohl sagen: sie ist so, daß die strengste Tugend sie nicht zu fürchten brauchte. Aber ich selbst fürchte, Ihnen allzulange von den Qualen zu erzählen, die ich empfinde. Da ich sicher bin, daß Sie, die Sie die Ursache meiner Schmerzen sind, diese nicht teilen, darf ich auch Ihre Güte nicht mißbrauchen, und das wäre es, wollte ich Ihnen noch länger meinen trostlosen Zustand beschreiben. Nur dieses noch: Ich beschwöre Sie, mir zu antworten, und niemals an der Wahrheit meiner Gefühle zu zweifeln.

Paris, den 30. August 17..

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