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Gutenberg > Aloys Blumauer >

Gedichte. Zweiter Theil

Aloys Blumauer: Gedichte. Zweiter Theil - Kapitel 2
Quellenangabe
typepoem
authorAloys Blumauer
titleGedichte. Zweiter Theil
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung
seriesAloys Blumauer's gesammelte Schriften
volumeDritter Theil
year1871
illustratorTh. Hosemann
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130902
projectida98e096f
wgs9151
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Glaubensbekenntniß eines nach Wahrheit Ringenden.

Zwei Kräfte sind es, die den Menschen lenken,
Sie leiten ihn bald süd-, bald nordenwärts;
Natur gab ihm Verstand, um recht zu denken,
Um recht zu handeln, gab sie ihm das Herz.

Und zwei so schwachen Kräften unterthänig,
Wie schwer wird oft dem Sterblichen das Ziel!
O der Verstand hienieden weiß so wenig,
Und ach, das Herz wünscht, ahnet, glaubt so viel!

Im Wahn, der Wahrheit selber nachzufliegen,
Jagt oft der Geist nach einer Wolke bloß:
Im Wahn, der Tugend selbst im Arm zu liegen,
Liegt oft das Herz dem Laster in dem Schooß.

Und sind nicht diese Führer auf den Wegen
Des Glücks oft mit sich selbst im Widerspruch?
Ist nicht oft das, was die Vernunft als Segen
Erkennt und billigt, der Empfindung Fluch?

Glaubt nicht das Herz oft Tugend da zu finden,
Wo der Verstand nur Irrthum, Täuschung sieht?
Beweist nicht die Vernunft mit ihren Gründen
Oft Rechte, die das Herz als Laster flieht?

Kann uns ein Licht, das jedes Wölkchen trübet,
Wohl zeigen, wo die helle Wahrheit sei?
Bleibt ein Gefühl, das auch den Irrthum liebet,
Wohl stets der reinen, wahren Tugend treu?

D'rum meinen Viele, die's bequemer finden,
Sich einer fremden Hülfe zu vertrau'n:
Man müsse, wo die Wahrheit zu ergründen
So schwer ist, nur auf fremden Glauben bau'n.

Allein, ist glauben sicherer, als wissen?
Gehorsam besser, als das Selbstgefühl?
Und bringt ein Licht, das wir entlehnen müssen,
Uns leichter als das eigene zum Ziel?

Ist nicht der Funke, der im Menschen flimmert,
Ein Licht, so gleich vertheilt als allgemein?
Und wird die Sonne, die hier Lands uns schimmert
In andern Zonen ohne Flecken sein?

Ist's sichrer, sich die Augen zu verbinden,
Um an des andern Stab einher zu gehn?
Gab die Natur uns Augen zum Erblinden,
Und Füße, um nicht selbst darauf zu stehn?

Und dennoch ist in manchen Prüfungsstunden
Das Herz so gern dem Glauben unterthan,
Und oft schlägt ihm die strenge Wahrheit Wunden,
Die nur allein der Glaube heilen kann.

Ja, auch dem Glauben ist sein Reich beschieden,
So gut wie der Vernunft; allein, wer kennt
Die Linie, die sein Gebiet hienieden
Von dem Gebiete des Verstandes trennt?

Nur da, wo die Vernunft mit ihren Blößen
Nicht hinreicht, fängt das Reich des Glaubens an.
Doch wer hat des Verstandes Arm gemessen,
Und wer bestimmt, wie weit er reichen kann?

Muß nicht der Glaube bloß zum Mantel dienen,
Den stets der Geist um seine Blößen warf?
Und darf der Sterbliche sich auch erkühnen,
Noch mehr zu denken, als er wissen darf? –

O du, der mir den Geist voll Durst nach Wahrheit
Und ein so weiches Herz zum Glauben gab,
Dir leg' ich hier, am Throne deiner Klarheit,
Ein frei Bekenntniß meines Glaubens ab.

Nur dir, Unendlicher! weil meine Seele
Vor deinem Blick allein sich nicht verschließt,
Nur dir, weil du allein nur, wenn ich fehle,
Und nicht der Mensch in Rom, mein Richter bist.

Nur dir, weil du nicht so wie Menschen strafen,
Nicht unduldsam wie Menschen zürnen kannst,
Und einen Geist, den du selbst frei geschaffen,
Nicht so wie sie ans Joch des Glaubens spannst.

Und leuchtet nicht mein Geist mit deinem Lichte?
Hast du nicht jeden Strahl ihm zugezählt?
Geht mit dem Mond die Sonne zu Gerichte,
Wenn er nicht so wie sie die Nacht erhellt?

So höre denn, und zünde, wenn ich fehle,
Nur einen Strahl von deinem Licht mir an:
Ein Strahl aus deiner Hand in meine Seele,
Ein Strahl des Heils, kein Strahl vom Vatikan. –

Ich glaube, daß du manchen Lebensmüden
Mit Glauben an die bess're Zukunft labst,
Allein ich weiß auch, daß du mir hienieden
Den regen Geist nicht bloß zum Glauben gabst.

Ich glaube, daß der Glaub' in allen Zeiten
Den schwachen Geist des Menschen aufrecht hielt,
Daß er ihn stärkt in Widerwärtigkeiten,
Und ihn mit süßen Hoffnungen erfüllt;

Allein ich weiß – die Welt hat es erfahren –
Daß selbst der Glaub' in deiner Priester Hand
Mehr Böses that in siebzehn hundert Jahren,
Als in sechstausend Jahren der Verstand.

Ich glaube, daß der Mensch in einer Zone
Dem Licht sich mehr als in der andern naht,
Allein ich weiß, er hat kein Recht zum Lohne,
Weil Rom, nicht Japan, ihn erzeuget hat.

Ich weiß, daß ich den Himmel nicht verdiene,
Und daß du wenig Dank mir schuldig bist,
Weil ich dir, Herr! in einem Tempel diene,
Der meines Vaters Haus' am nächsten ist.

Ich glaube, daß dir eine Art zu dienen
Mehr als die andere gefallen kann;
Allein ich weiß, du hörest den Braminen
So gut als wie den frommen Christen an.

Ich glaube, daß du das Gesetz der Liebe
Auf harten Stein einst für die Menschen schriebst;
Allein ich fühl' es, daß es kraftlos bliebe,
Wenn du's nicht auch ins weiche Herz uns grübst.

Ich glaube, daß du uns ein Buch gegeben,
Das manche Spur von deiner Hand verräth,
Daß du darin für unser Erdenleben
Manch Samenkorn des Guten ausgesä't;

Allein ich kenn' ein Buch von dir geschrieben,
Und leserlich für jede Kreatur,
Ein Buch, das einzig unverfälscht geblieben,
Das große Buch der heiligen Natur.

Ich glaube, daß du Menschen ohn' Erbarmen
Mit eig'nem Mund ein gleiches Maß gedroht;
Allein mein Herz hört aus dem Mund des Armen
Viel dringender und lauter dein Gebot.

Ich glaube, daß Geheimnisse dich ehren,
Die nur ein Geist von deiner Größe faßt;
Allein ich weiß, daß du für diese Lehren
Uns keine Geisteskraft gegeben hast.

Ich glaube, daß du auf geweihte Tempel
Und auf Altäre gnädig niedersiehst;
Allein ich weiß, daß nur die Welt dein Tempel
Und unser Herz dein liebster Altar ist.

Ich glaube, daß du uns zu allen Zeiten
Durch Wunder kund gethan, wie stark du bist:
Allein ich seh's, daß dieser Bau der weiten
Und schönen Welt dein größtes Wunder ist.

Ich glaube, daß die schon verklärten Seelen
Dir werth sind, die der Mensch sonst heilig nennt,
Und daß wir gern auf ihren Beistand zählen,
Weil sie von uns kein solcher Abstand trennt;

Allein ich weiß, daß um des Menschen Bitte
Zu prüfen, deine Weisheit keinen Rath,
Und, um sie zu gewähren, deine Güte
Nie einen fremden Antrieb nöthig hat.

Ich glaube, Herr! daß meiner Seele Schwächen
Mich manchmal ab von deinen Wegen zieh'n,
Und daß ich durch beständige Verbrechen
Werth deines Zorns und deiner Rache bin;

Allein ich weiß, daß meine Bosheit alle
So wenig je dein Herz verbittern kann;
So wenig, als ein kleiner Tropfen Galle
Den unermessnen weiten Ocean.

Ich glaube, daß uns Menschen zu erlösen
Ein Werk von dreiunddreißig Jahren war,
Doch weiß ich, daß es nur ein Wort gewesen,
Das Millionen Welten uns gebar.

Ich glaube, Herr! daß meines Geistes Kräften
Ein ew'ger Wirkungskreis dort oben winkt;
Allein ich weiß, daß er von den Geschäften
Nur eines Tag's schon matt in Schlummer sinkt.

Ich glaube, daß du nur auf einer Bahne
Den Geist des Menschen zur Erkenntniß rufst;
Allein ich weiß, daß du im Oceane
Des Sternenlichts auch manchen Irrstern schufst.

Ich glaube, daß du Sinne mir gegeben,
Auf die allein mein Geist sein Wissen baut,
Ja, daß du diesen Führern selbst mein Leben
Und alle meine Kenntniß anvertraut;

Allein ich weiß, daß meine beiden Augen,
Durch die geführt, mein Geist so willig geht,
Mir nicht einmal zu unterscheiden taugen,
Ob deine Sonne gehet oder steht.

Ich glaube, daß mein Herz, trotz seinen Schwächen,
Der Tugend nur zum Sitz bestimmet ist;
Allein ich weiß, daß Tugend und Verbrechen
Unmerklich oft in Eins zusammenfließt.

Ich glaub', es kann mein Leiden hier auf Erden
In deinen Augen mir verdienstlich sein;
Allein ich weiß, der Kinder Leiden werden
Nie eines guten Vaters Herz erfreu'n.

Und so, o Herr! dem Widerspruch zum Raube,
Gibt sich mein Geist der Ungewißheit preis:
So stürzt Vernunft das nieder, was ich glaube,
Und so verdammt der Glaube, was ich weiß.

Und ach! in diesen dichten Finsternissen,
Worin mein Geist stets mit sich selber ringt,
Wer sagt mir, ob mein Glauben oder Wissen
Hienieden mich der Wahrheit näher bringt?

Soll ich, o Herr! dem Glauben ganz entsagen,
Weil er den freien Geist tyrannisirt?
Sag', oder soll ich den Verstand verklagen,
Daß er zum Mörder meines Glaubens wird?

Ist's Sünde, nicht auf einen Führer bauen,
Den die Vernunft als einen Irrwisch haßt?
Ist es Verdienst, dem Lichte nicht zu trauen,
Das du mir selber angezündet hast?

Kann ich dein Wort nur in der Bibel lesen,
Steht dein Gebot auf zweien Tafeln nur?
Sprachst du nur dort, und ist's ein ander Wesen
Als du, das mit mir spricht durch die Natur?

Ist das nur Tugend, was ich darum übe,
Weil mich der Glaub' allein es üben lehrt?
Und ist all' das, was der Natur zu Liebe
Geschieht, von dir nicht eines Blickes werth?

Hast du allein an jenem Guten Freude,
Was einem deiner Gläubigen entsprießt?
Und ist dir's völlig Eines, ob der Heide
Ein Titus oder ein Thersites ist? –

O du, der mir den regen Trieb nach Wahrheit
Und dieses Herz voll Treu' und Glauben gab,
O sende von dem Sitze deiner Klarheit
Nur einen Strahl auf meinen Geist herab!

Sieh' diesen schweren Kampf, den mein Gewissen
Mit dem Verstande kämpft, mitleidig an;
Und lehre mich ein Mittel, wie mein Wissen
Mit meinem Glauben sich vereinen kann. –

Und hast du denn von dieser meiner Bitte
Dein gütig Ohr auf immer weggewandt,
So nimm – ich fleh's, o Herr! zu deiner Güte –
Nimm mir den Glauben oder den Verstand.

*

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