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Gedichte. Zweiter Theil

Aloys Blumauer: Gedichte. Zweiter Theil - Kapitel 126
Quellenangabe
typepoem
authorAloys Blumauer
titleGedichte. Zweiter Theil
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung
seriesAloys Blumauer's gesammelte Schriften
volumeDritter Theil
year1871
illustratorTh. Hosemann
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130902
projectida98e096f
wgs9151
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Lob- und Ehrengedicht auf die sämmtlichen neuen schreibeseligen Wiener Autoren.

– – – – – Ridiculum acri
Fortius et melius magnas plerumque secat res.

Horatius.

In einer Stadt, es ist ein närrisch Ding,
Wo man, um sich zu dinstinguiren,
Zuweilen lieber auf allen Vieren,
Oder wohl gar auf den Köpfen ging:
(Wovon zwar das Letzte zu dieser Frist
Wohl anging, weil um manche Wade,
Die derb und voll ist, weit mehr Schade,
Als um die hohlen Köpfchen ist);
In dieser Stadt wird nun viel gelesen,
Noch mehr geschrieben von all dem Wesen
Der olim geehrten Pfaffheit; anbei
Von Stubenmädchen und ihren Röcken,
Von Handlung, Finanz und Polizei,
Von Kaufmannsdienern und ihren Säcken,
Von Fräulein, Frauen und ihren Gecken,
Von Schneidern, Pensionen und Leichen,
Von Dienern, die ihren Herren gleichen.
Von Thieren mit langen und kurzen Ohren,
Von Advokaten und Professoren,
Von Brüderschaften und Rosenkränzen,
Von Fahnen, die zu viel flimmern und glänzen,
Von Bäckern, Kaufleuten, Mäklern und Juden,
Von Ablaßkrämern und ihren Buden,
Von Lukaszetteln und Kardinalen,
Von Jesuiten und ihren Kabalen,
Von Fast und Pochlin und Erzthurmknöpfen,
Von Mönchen und ihren hohlen Köpfen,
Vom Papsten und seinen schönen Füßen,
Von Damen, die gern den Pantoffel küssen,
Und weiß der Himmel wovon noch! – Kurzum
Da ist kein Pudendum, noch Skandalum,
Das nicht ein rüstiger Federheld
Sammt seiner Person auf den Pranger stellt.
Das macht, die allzeitfertigen Herrn
Die möchten nun einmal auch gar zu gern
Erfahren wie der gaffenden Welt
Ein Kindlein aus ihren Händen gefällt,
Drum drehn sie ihre Püppchen geschwinder, dann
Der fertigste Töpfer eins drehen kann.
Und drücken, damit man den Vater nicht
Verkenn', ihm die Finger ins Angesicht,
Und stellen's zur Schau. – Da läuft und gafft,
Was Augen und Füße hat, spottet und klafft,
Schilt, tadelt und lobt, klatscht, pfeifet und schmäht,
Läßt eine Stunde sich narren – und geht.
Das Autorlein aber schlägt, mit dem Lohn
Im Sacke, sein Schnippchen – und schleicht davon.
Hieraus erwächst nun von selbst ein gar
Erbaulich Problemchen, das lautet: Wer war
Von beiden Theilen der größere Narr?
Wag es ja keiner zu resolviren,
Er möchte sein bischen Verstand riskiren.

Doch ihr, schreibeseligen Knaben,
Laßt euch nicht stören in eurer Ruh,
Schont eurer Hände nicht, schreibet zu!
Ihr werdet hier immer Leser haben.
Ihr habt ja ein englisches Publikum.
Es läßt sich prellen und lobt euch drum,
Denkt euch, ihr lebet in jenem Land,
Wo man einst Diebe und Beutelschneider
Des Witzes wegen noch lobenswerth fand;
Zwar ist das Privilegium leider
ei uns nicht mehr im Gange, dafür
Erlaubt euch das Recht jetzt, jedem Herren,
Der's selbst so will, die Ficken zu leeren;
Und will er Ersatz, so gebt ihm dafür
Den eisernen Rechtsspruch: Volenti non fit
Injuria
, und er wird sich damit
In utroque Foro bescheiden lassen.

Doch man muß leben und leben lassen,
Und christlich thun! – Nicht wahr, ihr Herrn,
So goldene Sprüchelchen hört ihr gern? –
Nun gut! so legt denn eine Weile
Die Federn weg, und hört mir in Ruh,
Als eurem handfesten Lobredner zu.

Man weiß, seit jener Ehrensäule
Der Lais, daß auch von Metzen der Staat
Gar manchen beträchtlichen Vortheil hat.
Die Sach' ist erweislich; zum Beispiel, so fließt
Der goldene Regen, der oft in Strömen
Aus Männerhänden in ihren Schoos sich ergießt,
Viel sich'rer wieder in kleineren Strömen
In die Kanäle des Staates zurück,
Als wenn er sich inner den heiligen Dämmen
Der Klöster sammelt, und unberührt,
Zum stehenden, faulen Sumpfe wird.
Für's zweite schützt so ein Venusmädchen
Die Tugend junger ehrlicher Mädchen
Gar sehr, indem sie – selbst längst verführt –
Der bösen Männerlust Ableiter wird.
Zum dritten füllt so ein Mädchen den Beutel
Der Aerzte, und lehrt die liebe Jugend gar früh
Mit Salomon rufen: O wie
Ist unter'm Monde doch alles so eitel!

Nach dieser tüchtigen Apologie
Der Mädchen, die sonst für ihre Sünden
So selten einen Lobredner finden,
Soll's, dächt' ich, nun eben kein Hexenwerk sein,
Für euch auch, ihr Herren Autorlein,
Die panegyrische Trommel zu rühren.
Und eurer Sache das Wort zu führen.

Drum hör', o Wien, mit beiden Ohren,
Der zahlreiche Orden deiner Autoren
Ist, seit man Gäns' und Papiermühlen hat,
Der nützlichste, wichtigste Zweig im Staat.
Denn sind die Herren Lumpenfärber
Nur rechte gewandte Papierverderber,
So fördert ja ihr Handwerk gar sehr
Den Absatz der Lumpen. Und wer kann mehr
Und besser Papier verderben, als sie? –
Ist wer, der mir nicht glaubet, der gehe,
Und kaufe die Lumpen, und lese sie! –

Nun komme mir erst einer, und schmähe,
Und sage, diese Herren sei'n
Wie Hummeln im Staate, den will ich hinein
In alle uns're Buchläden führen,
Ihm da ihre Werke produziren,
Und hat er nun sich glaubend gesehn,
Dann soll der Verleumder mir eingestehn:
Daß so ein Autor mit zweien Händen
Dem Staate dreimal mehr Kinder verschafft,
Als die gesammte Bürgerschaft
Mit ihren hochgesegneten Lenden.

Und ist das noch nicht genug, so sagt, wer erhält
Die Pressen in Athem, wer treibt sie geschwinder
Als so ein rüstiger Federheld?
Was wären Buchhändler, Drucker und Binder
Ohn' ihn? – Und ach, die unbarmherzigen
Verleger, die sonst, wie Kanibalen,
Vom Autorgehirne sich mästeten.
Die lassen sich's nun mit Weib und Kindern gefallen,
Und lernen endlich erkennen, daß man
Von Menschenhandarbeit auch leben kann.
Wer lehrte sie das? Wer entwöhnte sie
Vom Menschengehirne? – Wer anders, als die,
Die, statt des Gräuels, menschlicher dachten,
Und statt des Gehirns ihnen Handarbeit brachten.
Seid stolz, ihr Herrn, die ihr das gethan,
Ihr werdet unvergeßlich bleiben,
Die Menschheit wird euch obenan
In ihre geheiligten Jahrbücher schreiben:
Auch denken bereits an euern Lohn
Die Ephemeriden der Menschheit schon.

Und dann erst der Nutzen, den eure Schriften
In der gesammten Wienerwelt stiften! –
Durch euch kommt Licht in's Volk? denn was ihr schreibt,
Dringt bis in die Käs'- und Gewürzkrämerbuden;
Die Magd, die sonst nur Kaffeebohnen reibt,
Schwätzt nun von Reformen der Christen und Juden,
Und weiß auf ein Haar, was jeder Zweig im Staat
Für Beulen und Anomalien hat.
Nur ihr versteht die Kunst, nur ihr,
Den niedrigsten Pöbel aufzuklären,
Ohn' daß er es merkt; denn würdet ihr,
Wie sonst geschah, ihn geradezu lehren,
Dumm, wie er ist, und in seine Dummheit verliebt,
Er würde, erbost, gegen eure Broschüren sich wehren;
Allein ihr wißt, wie man Kindern Arzneien gibt,
Und laßt eure Blätter, eins nach dem andern,
Als Pfefferdüten, als Zuckerpapier
Ganz heimlich in seine Taschen wandern.
In Schenken und Bierhäusern waltet ihr:
Denn sitzet oft ein Zirkel von Schneidern,
Nichts Böses ahnend, bei Wein und Bier,
Und schwätzt von Kriegsaffairen und Kleidern,
Hui kömmt, eh sichs der Zirkel versieht,
Ein Stückchen Holländerkäs' und mit
Ein Blättchen von euch: man guckt und spitzt das Ohr,
Und kann nur einer aus ihnen buchstabiren,
So nimmt er's, und liest's seinen Trinkbrüdern vor.
So lernt der Pöbel räsonniren,
Und das durch euch, macht ein satirisch Gesicht
Zu allem, was er sieht: nennt seine Landsleut' Affen,
Den Papst Tyrann, und seine Geistlichen – Pfaffen.
O fehlten mir doch die centum Ora nicht,
Aus denen sonst die Panegyriker blasen,
Ich bliese, traun, in ellenlangen Phrasen
Der Nachwelt euer Lob in's Angesicht.

Und dir, o Wien, will ich mit einem Wunsche fröhnen,
Der soll dein Glück, verkennst du es nur nicht,
Das seiner Vollendung schon nah ist, krönen.
Es mehre sich in dir mit jedem Tag
Der edle nützliche Schriftstellerorden:
Es schreibe, was nur schreiben mag!
Der Mezger höre auf vom Morden
Des armen Viehs, und nehme die Feder zur Hand;
Der Schuster stecke die Ahl' an die Wand,
Und schreibe Theorien von Schuhen;
Der Schneider laß Scheer' und Nadel ruhen,
Und schreibe von Moden ein Lehrgedicht;
Kein Müller mahl', kein Zimmermann hoble nicht:
Der hoble die Welt, und jener mahle
Die Wahrheit zu Staub, und streu mit satirischer Galle
Vermischt, sie den Lesern in's Angesicht;
Der Töpfer modle am Recht; der Schmied erhebe den Hammer
Der Kritik über die Theologie;
Der Schreiner meublire Zimmer und Kammer
Mit schön geglätteter Philosophie;
Der staubgewohnte Perückenmacher kämme
Die Religion; der Weber webe Systeme:
Und so nach allen Zünften und Ständen
Thu jeder mit seinen fertigen Händen
Was Autorpflicht ist! Und das, o Wien,
Wird, glaub's dem Propheten, aller Zeiten
Und Völker Augen auf dich ziehn,
Und deinen Ruhm bis über die Sterne verbreiten.

*

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