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Gedichte. Zweiter Theil

Aloys Blumauer: Gedichte. Zweiter Theil - Kapitel 121
Quellenangabe
typepoem
authorAloys Blumauer
titleGedichte. Zweiter Theil
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung
seriesAloys Blumauer's gesammelte Schriften
volumeDritter Theil
year1871
illustratorTh. Hosemann
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130902
projectida98e096f
wgs9151
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Epilog auf die Abreise Pius VI. von Wien,

den 22. April 1782.

So sahn wir denn – was wir wohl nimmer sehen werden –
Der Kirche sichtbar Haupt, das Ebenbild von dem,
Der, als er seine Kirche hier auf Erden
Gegründet, ohne Diadem
Und baarfuß ging, der in Jerusalem
Aus einer Eselin, die er sich miethen,
Nicht schenken ließ, demüthig eingeritten,
Der's duldete, daß man ihm da Hosanna rief,
Der aber, als man ihm von einer Krone sagte,
Vor dieser einzigen fort auf die Berge lief,
Und eh' auf einer Dornenkrone schlief,
Als einen Griff nach einer goldnen wagte.
Wir sahn das Nachbild dessen, der
Als Lehrer seiner Jünger und als Herr
Die Füße ihnen wusch, und sie –
Aus Demuth, nicht bloß aus Ceremonie –
Es auch so machen hieß, der durch sein ganzes Leben
Der Diener seiner Diener – zwar
Nicht hieß – doch in der That es war;
Dem's Wonne war, umsonst die Sünden zu vergeben,
Der seinen Mördern noch am Kreuze Gutes that,
Und sterbend seinen Vater um Vergeben,
Und nicht um Fluch für seine Feinde bat;
Der seinen Anverwandten zugethan,
So lang er lebte, war, sie durch Gehorsam ehrte,
Und Hoheit, Titel, Rang entbehren lehrte,
Ja, dessen Vater gern ein Zimmermann
Bis an sein Ende blieb; der darum auch sein Reich
Aus einen armen Fischer bauen wollte,
Der ihm sodann in allem gleichen sollte.

Und diesem einzigen und ersten Muster gleich
Denkt Pius, den wir sahn? denn was von Schimmer
Ihn hie und da umgab, war immer
Nur Staat, der ihm als Fürst von Rom gebührt,
Theils auch Gepränge nur, womit sein hoher Wirth
Als Gast ihn ehrte. Sonst war Heiligkeit
Sein Glanz, und Demuth nur sein Kleid.
Und o, der Gaben schönste, die hienieden
Gott seinen Auserwählten nur beschieden,
Die war an ihm – Genügsamkeit!

Und nun, was that der heil'ge Weise
Für uns? – Ist etwa die Geschichte seiner Reise:
Er kam und segnete und ging? – O nein!
Auf so was schränkt ein Pius sich nicht ein:
Zwar war das erste, was mit vollen Händen
Er Josephs Unterthanen auszuspenden
Nicht müde ward, nur Segen; doch auch den
Gab er den frommen Gläubigen
Mehr mit dem Herz, als mit den Händen;
Und wenn der Pöbel hie und da
Mehr auf die Hand als auf das Herz des Gebers sah,
So war's nicht seine Schuld: dem Pöbel
Wird jede Ceremonie zum Nebel,
Er sieht nicht durch! – Gebt ihm das Heiligste,
Selbst die Religion in einem reichen Kleide
Von Prunk und Ceremonie,
Er starrt sie an mit eines Kindes Freude,
Und sieht – auf Kleid und Schnirkel nur erpicht –
Vor lauter Putz die Heil'ge selber nicht.
Wenn dieser Pöbel nun nur Augenweide
Bei seiner heil'gen Messe fand,
Wenn er, indem des hohen Priesters Hand
Dem Höchsten ein gefällig Opfer brachte,
Das Haus des Herrn zum Opernhause machte,
Wenn er den Rang des Priesters nach den Stufen maß,
Und ihn – weil er am Tabernakel saß –
Für einen Gott ansah; wenn er bei jenem Segen,
Womit des Herren Mund sonst Kranken Heilung sprach,
Aus Ungestüm sich Arm und Beine brach –
So war's nicht seine Schuld. Ja dieser Schwachen wegen,
Die in dem ersten heil'gen Wahn
An ihm ein überirdisch Wesen sahn,
That der Demüthige Gewalt sich an,
Und ließ – um sie zu überführen,
Daß er von Fleisch und Blut, wie and're Menschen sei –
Von ihrem Mund sich Hand und Fuß berühren.
Dies und des Guten vielerlei
That Pius uns. – Und nun, wie lohnte
Ihm Joseph dies? – Mit einer Achtung, die
Das Oberhaupt der Kirche nie
Geziemender sich wünschen konnte!
Mit noch was mehr? Er ließ auch den Gefürsteten,
Wie er sein Volk beherrsche, sehn.
Und Pius sah an Joseph einen Mann,
Der für sein Volk nur lebt, der gerne Nächte
Durchwacht, damit sein Unterthan
In Sicherheit und Ruhe schlafen möchte;
Der ob des Bürgers Wohl so ganz sein Selbst vergißt
Und von dem Guten, das in Strömen
Aus seiner Hand sich über uns ergießt,
So wenig – o sogar nichts selbst genießt!
Der seinen Schimmer nicht in Diademen
Voll Edelsteinen sucht, der jenen Glanz nicht liebt,
Den nur die Pracht den Weltbeherrschern gibt,
Der keinen Glanz als jenen seiner Staaten
Verlangt, und angethan mit seinen weisen Thaten
Mit freudigem Bewußtsein sagen kann:
Das ist mein Kleid! – Sah Pius nun den Mann,
Der, o so ganz, sich seinen Völkern weihet,
Und für ihr Wohl nicht Schweiß, noch Mühe scheuet,
Sagt, fiel ihm nicht bei diesem Anblick bei:
Daß es gemächlicher und leichter sei,
Die Völker eines Reichs zu segnen, als von ihnen
Sich Dank und Segen – zu verdienen;
Fiel ihm nicht bei, daß eine ird'sche Krone
Viel drückender und schwerer sei,
Als überird'scher Kronen – drei? –

Und hat nun Pius seinem weisen Sohne
Die hohe Kunst zu herrschen abgesehn,
Läßt er auf seinem eignen Throne
Von nun an Josephs Vorbild sich zur Seite stehn,
Und bringet er in sein Gebiet
Auch Josephs Geist und Josephs Liebe mit.
Und wuchert er damit zu seiner Völker Glücke,
Sagt – kehrt er nicht von Wien belohnt genug zurücke?

*

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