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Gedichte und Aufsätze zur deutschen Sprache

Karl Kraus: Gedichte und Aufsätze zur deutschen Sprache - Kapitel 27
Quellenangabe
typeessay
authorKarl Kraus
titleGedichte und Aufsätze zur deutschen Sprache
publisherVerlag Volk und Welt
year1971
correctorreuters@abc.de
senderRoland Welcker
created20070725
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Von Humor und Lyrik

In diesem Sommer habe ich die Gelegenheit wahrgenommen, die überwältigende Humorlosigkeit der deutschen Literatur von zahlreichen berühmten Beispielen auf mich einwirken zu lassen. Das Wesen des deutschen Humors, dem Betrachter eine Belustigtheit aufzudrängen, die er selbst dann nicht mitmachen könnte, wenn er auch nur imstande wäre, ihre Ursache zu ergründen, hat sich mir am faßlichsten in Gerhart Hauptmanns »Jungfern vom Bischofsberg« offenbart, einem Lustspiel, das ich aus Furcht vor einer Enttäuschung am Dichter des Hannele und der Pippa seinerzeit gemieden hatte und das mir nun durch das Mitleid mit dem Humor jenes archäologischen Fundes einer Wurst geradezu die Bedingungen einer Gerhart Hauptmann-Tragödie zu erfüllen schien. Es war sicherlich kein Zufall der Wahllosigkeit, daß ich unmittelbar vorher Nietzsche, an den die fröhliche Wissenschaft um dieses blamierte falsche Gelehrtentum sichtlich anknüpft – eine Zopfneckerei, die pedantischer und enger ist als alles Zopftum –, gelesen und mich an Witzen, wie etwa, daß die deutsche Kultur an der »Rhinoxera« leide, delektiert hatte und an ähnlichem polemischen Geist, der nun einmal – ja, so sind sie diese Deutschen – der Unsterblichkeit einverleibt ist. Und mit dem Respektmangel, zu dem einen kein anderer Autor so sehr autorisiert wie der, der Kant einen Idioten genannt hat, darf auch gesagt sein, daß ich unmittelbar darauf zu den höchsten Vorbildern deutschen Mißhumors vordrang. Zu den Dioskuren der Witzlosigkeit, deren Xenien ich bis dahin noch nicht in ihrer erschöpfenden Fülle genossen hatte. Ich fand sie in einem merkwürdigen Band »Nachträge zu Goethes sämtlichen Werken, gesammelt und herausgegeben von Eduard Boas, Leipzig, Verlag von L. H. Bösenberg 1841«, der einfach vorbildlich ist für alle falsche Optik, durch die sich die Literaturgeschichte vor jeder andern menschlichen Betätigung auszeichnet. Es muß wirklich so sein, daß schon die bloße Möglichkeit, sich berufsmäßig mit Dingen des Geisteslebens zu befassen, den Menschen dahin bringt, das Kleine groß und das Große klein zu sehen. Die Xenien sind ganz bestimmt nichts anderes als die Ausführung des Vorsatzes zweier Schriftsteller, weil sie sich langweilten, es darum auch andern zu tun, und sie hätten das Jahr ihrer Entstehung kaum überlebt, wenn nicht eben zwei Namen darunter stünden, die wie ein gemeinsamer Schritt vom Erhabenen zum Lächerlichen und doch nicht Lustigen nur dem Staunen Raum lassen, daß es im geistigen Gebiet solche Verwandlungen geben kann. Es ist denn auch wirklich schwer, die Dioskuren auseinanderzuhalten und die Spuren Schillers von jener tieferen Humorlosigkeit, die die Satire »Götter, Helden und Wieland« oder die »Aufgeregten« geschrieben hat, zu unterscheiden und umgekehrt. Verdrießlich ist dabei nicht, daß der Schöpfer der Helena und der Pandora keine Heiterkeit verbreiten konnte, wohl aber daß er es wollte, und erstaunlich ist, daß es ihm gelang. Denn die Urteilslosigkeit der Literaturgeschichte kann sich mit Recht auf die Empfänglichkeit der Zeitgenossenschaft berufen, die von jenem Boas wie folgt vermerkt wird:

Am 31. Oktober 1517 ward die kirchliche Reformation in Deutschland begonnen; im Oktober 1796 nahm die literarische ihren Anfang. Damals schlug Luther seine Thesen zu Wittenberg an, jetzt erschien der Schillersche Musenalmanach mit den Xenien. Niemals zuvor hatte Einer den Mut gehabt, alle sanktionierten Dummheiten so schonungslos aufzurütteln, die Heuchler so scharf zu geißeln. Unermeßlichen Vorteil zog das deutsche Schrifttum aus diesem Ereignis, und wir wollen hier einen kurzen Abriß seiner Geschichte geben.

– – Da erzürnten sich endlich die Leuen zu Jena und Weimar heftig; sie beschlossen, einmal furchtbar Gericht zu halten, und Schiller ging mit dem gewohnten Feuer darauf ein, als Goethe den Anschlag zu den Xenien machte. Alles Kraftlose, Gemeine, Altersmorsche und Selbstsüchtige sollte befehdet, jedoch die Grenze des frohen Humors nicht überschritten und alles Kriminelle vermieden werden, damit die Musen dem Scharfrichter nicht ins Handwerk fielen. So ging man denn lustig ans Werk, und in ganzen Schwärmen wie Zugtauben flatterten die bunten Epigramme mit der Botenfrau zwischen Jena und Weimar hin.

– – Auch die frische, unbefangene Jugend jauchzte laut den Xenien entgegen, und viele derjenigen Literaten, welche verschont geblieben waren, freuten sich hämisch der Flamme auf des Nachbars Dach ... Die aber (die Dioskuren) saßen lächelnd und unnahbar in ihrer Götterruhe, machten psychologische Studien an der fieberhaften Aufregung ihrer lieben Zeitgenossen, und ließen sich durch alles Gebell und Gewinsel nicht stören ...

In voller Nachlebensgröße tritt hier weniger sympathisch die Doppelgestalt hervor, die, schon in Marmor, psychologische Studien an der Erregung macht, als die ahnungslose Botenfrau, die mit den Epigrammen zwischen Jena und Weimar hin- und herflattern mußte.

Schiller schrieb den 12. Dezember 1796 an Goethe: »Ich werde, wenn der Streit vorbei ist, Cotta vermögen, alles, was gegen die Xenien geschrieben worden, auf Zeitungspapier gesammelt drucken zu lassen, daß es in der Geschichte des deutschen Geschmackes ad Acta kann gelegt werden.« ...

In diese Geschichte des deutschen Geschmackes gehört nicht so sehr alles, was gegen die Xenien geschrieben wurde, wiewohl es ja auch trostlos genug sein mag, sondern das Werk selbst und die Begeisterung dafür. Zwar ist die frische, unbefangene Jugend jenes Zeitalters, die sich somit kaum von der heutigen unterschied, sofort als das Literatentum agnosziert, das sich hämisch der Flamme auf des Nachbars Dach freut; aber die Anspruchslosigkeit, die hier eine Flamme gewahrte, zeigt, welches Minimum von Satire damals genügt hat, um den Instinkt der Schadenfreude, der dieser Zunft wie keiner andern eingeboren ist, in Betrieb zu setzen. Das Feuer hätte schon an den schlechten Hexametern ein natürliches Hindernis finden müssen. Gleich das erste Distichon, das den »ästhetischen Torschreiber« fragen läßt:

Halt Passagiere! Wer seid Ihr? Weß Stand es und Charakters?
Niemand passieret hier durch, bis er den Paß mir gezeigt

deutet an, daß hier in der Tat ein großer Widerstand zu überwinden war, um die Grenze des frohen Humors zu überschreiten, und gar nicht so uneben wie solche Distichen war jenes, mit dem einer geantwortet hat:

– ^ ^ – – – – – ^ ^ – ^ ^ – –
In Weimar und in Jena macht man Hexameter wie der;
– ^ ^ – ^ ^ – – – – – ^ ^ –
Aber die Pentameter sind doch noch excellenter.

Gewiß gehört aber in die Geschichte des deutschen Geschmackes mehr als solche Polemik die Art, wie der Literarhistoriker auf die Gegenschriften reagiert. Unter einem Dutzend, das er anführt, bespricht er eine folgendermaßen:

10. Urian's Nachricht von der neuen Aufklärung, nebst einigen anderen Kleinigkeiten. Von dem Wandsbecker Boten. (Hamburg, 1797.)
Herr Claudius gehört zu den Leuten, die den Mund gern etwas voll nehmen, und von Allem, was sie betrifft, recht viel Spektakel machen. So freute er sich gewiß auch innerlich über den Xenienangriff; denn er konnte doch eine Entgegnung schreiben, und die Leute sprachen nun von ihm. Zuerst berichtet Herr Urian den Dänen über das neue Licht, das in Frankreich aufgegangen, denn schießt er grobe, plumpe Epigrammenpfeile auf Schiller und Goethe ab. Nur ein witziger Vers steht unter allen:

Der Wilhelm.

Wie er so leidig spielt mit Namen!
Nennt seinen Liebling Nickel,
Und seine Nickels Damen.

Das Xenion aber lautet:

18. Erreurs et vérité.
Irrtum wolltest du bringen und Wahrheit, o Bote von Wandsbeck.
Wahrheit, sie war dir zu schwer; Irrtum, den brachtest du fort!

Dazu die Erläuterung des Herrn Boas:

Matthias Claudius in Wandsbeck, der Übersetzer des Buchs »Des erreurs et de la vérité« von Marquis St. Martin, wovon jener sehr naiv gestand: »Dies Buch ist ein sonderliches Buch, und die Gelehrten wissen nicht recht, was sie davon halten sollen, denn man versteht es nicht. – Ich verstehe es auch nicht.«

Claudius, der sich mithin im Gegensatz zu den zeitgenössischen Literaten der Flamme auf dem eigenen Dach gefreut haben muß, hatte gewiß nicht mehr Humor als dem besten Deutschen von der Natur zugemessen wurde, immerhin etwas weniger gewaltsamen, als in 413 Xenien enthalten ist. Daß aber der Dichter des Abendliedes ein Reklameheld war, diese Entdeckung konnte nur der deutschen Literaturgeschichte gelingen, und daß unter die Leute, die den Mund gern etwas voll nehmen, ein Literarhistoriker Claudius einreihen kann und nicht etwa Claudius den Literarhistoriker, gehört zu den Dingen, die eben nur in der deutschen Literaturgeschichte möglich sind. Noch im Jahre 1841 also, 26 Jahre nach seinem Hingang, konnte über einen Mann, dessen edlen Sinn jedes Wort, das er geschrieben hat, verbürgt und der nicht Goethes Umfang und Größe, aber tiefere lyrische Augenblicke als selbst er erreicht hat, in so niedrigem Ton geschrieben werden. Den Begriff, den jener Boas von der lyrischen Schöpfung hat, offenbart er aber auch in allem, was er für Goethe zu sagen hat; etwa so:

Goethe war eine viel künstlerischere Natur; er beherrschte seine Werke immer und warf nichts aufs Papier, ehe es nicht glatt und vollendet vor seinem Geiste stand.

Trotzdem gibt's aber Varianten bei Goethe, durch deren Mitteilung sich Boas ja ein Verdienst erworben hat:

– – wir belauschen den Dichter, wie er doch zuweilen noch glättete, oder neue Linien eingrub, und finden dadurch ein Mittel, seinem hohen Bildungsgange folgen zu können.

Was nun diese Varianten betrifft, so geht ihre Bedeutung dem Literarhistoriker nicht aus ihnen selbst hervor, sondern:

Übrigens bin ich gegen den Einwand gewaffnet, »daß diese Varianten, sowohl in Hinsicht auf Masse als Inhalt, zu geringfügig seien, um hier mitgeteilt zu werden.«

Ein im deutschen Sprachgebiet, wo man den Wald vor lauter Blättern nicht sieht, wohl möglicher Einwand, dem Boas aber wie folgt begegnet:

Ich denke, es reicht vollkommen hin, wenn ich darauf erwidere: Die Veränderungen müssen doch wohl nicht so ganz bedeutungslos sein, da Goethe sonst gewiß Alles gelassen hätte, wie es früher war.

Ohne Zweifel. Und da geschieht es dem Literarhistoriker, der zuerst die endgültige Fassung von Wanderers Nachtlied mitteilt, daß ihm der Drucker den Schluß so hinsetzt, wie etwa der Ungar in der Anekdote ein Reimwort zitiert.

Über allen Gipfeln
Ist Ruh,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vöglein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest auch du.

Wird hier durch die Umstellung zweier Worte das Werk entwertet, so zeigt die Urfassung in der Tat, wie wenig Worte verändert werden mußten und wie weit doch der Weg zu einem Gipfel deutscher Lyrik war:

Unter allen Gipfeln ist Ruh;
In allen Wäldern hörest du
Keinen Laut!
Die Vögelein schlafen im Walde;
Warte nur! balde, balde
Schläfst auch du!

(Man hätte nur »Die Vögelein schlafen« erhalten gewünscht.)

Dieser Goethesche Ernst rührt doch mit jedem Buchstaben an tiefere menschliche Gründe als der Entschluß, die Grenze des frohen Humors nicht zu überschreiten, aber auch nicht zu erreichen. Und wann wäre dieses Gebiet von einem deutschen Geist jemals betreten worden? Wobei ich natürlich mit dem denkbar größten Respekt jenen Humor außer allen Zweifel stelle, den die Humorlosen als so etwas wie ein metaphysisches Schmunzeln über sämtliche Schwächen der Menschheit definiert wissen wollen und der zwar behaglicher und geruhsamer, aber nicht dankenswerter ist als alle Versuche, sie mit Langeweile zu geißeln.

Man wird schon gemerkt haben, daß ich Humor mit Witz verwechsle, aber ich tue es gern, indem ich tatsächlich nicht weiß, was das Wesen des Humors ist, wenn ihm der Witz fehlt. Ich will ja nicht behaupten, daß ich zur Beurteilung dieser Dinge kompetent sei, aber an den großartigsten Beispielen von deutschem Humor ist er mir als die Eigenart erschienen, keinen zu haben und für diese menschliche Schwäche ein verstehendes Lächeln aufzubringen. Jean Paul, der gewiß in vielem verehrungswürdige und trotz umfassender Bildung unbeschränkte Geist, sagt, daß der Humor, als das umgekehrte Erhabene, nicht das Einzelne, sondern das Endliche durch den Kontrast mit der Idee vernichte; es gebe für ihn keine Toren, sondern nur Torheit und eine tolle Welt. Es wird wohl noch wenigen Lesern gelungen sein, an des Feldpredigers Schmelzle Reise nach Flätz diese Erkenntnis zu überprüfen; aber ich glaube, daß der Witz unzweifelhaft daran festzustellen ist, daß er im Einzelnen das Endliche durch den Kontrast mit der Idee vernichtet, während der Humor eigentlich daran zu erkennen ist, daß er durch die Ausflucht in das Allgemeine dieses Kontrastes gar nicht habhaft und seine Beziehung auf die Idee oder seine Vernichtung des Endlichen nur glaubhaft wird, weil er nicht das Temperament hat, sich zu dem Einzelnen so herabzulassen, daß es nicht mehr vorhanden ist, was diesem doch widerfährt, wenn sich der Witz nur zu regen beginnt. Da ich infolge einer angeborenen Unzulänglichkeit Romane nicht zu Ende lesen kann, indem ich, der imstande ist, sechzehn Stunden ohne Unterbrechung und ohne Ermüdung zu arbeiten, schon beim geringsten Versuch, mir zu erzählen, daß Walter beim Betreten des Vorzimmers auf die Uhr sah, was mich so wenig angeht wie alles was weiter geschah, in tiefen traumlosen Schlaf verfalle, so sind mir sicherlich, nebst allem, was die Menschheit in Spannung versetzt, zahllose Perlen entgangen, die gesammelt ein Schatzkästlein deutschen Humors ergeben würden. Selbst die anerkanntesten Abkürzer – von Kleist, der mit einem »dergestalt daß« über alles Unwesentliche bei der Vergewaltigung der Marquise von O. hinweggeht, bis zu Heinrich Mann, der überhaupt nur jenes Wesentliche andeutet, das ihm die Erscheinungen sowie Hintergründe des mondänen Lebens erschlossen haben – konnten mir's nicht leichter machen, da ich mir eben nichts »erzählen« lasse und mir die letzte Lokalnotiz oder deren Dichtung bei Peter Altenberg stets unendlich mehr gesagt hat als jedes Werk einer Kunstform, die, wie keine andere, der Sprachschöpfung entraten kann (um alles andern willen was nichts mit der Sprache zu schaffen hat, wie Bericht und Psychologie) und in deren unkontrollierbarer Weise die wirkende Persönlichkeit zugunsten der Wirkung abdankt. Es scheint mir überhaupt keine andere Wortkunst zu geben, als die des Satzes, während der Roman nicht beim Satz, sondern beim Stoff beginnt. Dagegen vermöchte ich von der Lyrik nichts Höheres auszusagen, als was mir ein Berliner Raseur, ungefragt aber bedankt, ins Ohr geflüstert hat: »Ja, der Bart hats in sich!« Im Drama bleibt die reine Schöpfung um die Notwendigkeit verkürzt, sie durch szenische Anweisungen und Behelfe für die reale oder vorgestellte Bühne zu ergänzen. Was die humoristischen Vertreter der Gattung betrifft, so möchte ich gestehen, daß mich seit der Minna von Barnhelm, die bekanntlich ein echt deutsches Lustspiel ist, eine unbestimmte Furcht vor dem Genre beseelt hat, welche durch Freytags »Journalisten« nicht behoben werden konnte, so gern ich einräume, daß es großen Schauspielern gegeben war, in den Rollen solcher Stücke eine gewisse Heiterkeit zu verbreiten. Die typische Hoffnung der Literarhistoriker, daß dieser oder jener Autor dem Publikum endlich »das deutsche Lustspiel schenken« werde, habe ich immer als eine bange Erwartung mitgemacht und erlöst aufgeatmet, sooft nichts daraus wurde. Was Grabbe in seiner maßlos einfältigen Schrift über die »Shakspero-Manie« (die in jeder Zeile belustigender wirkt als ein deutsches Lustspiel und zum Beispiel sein eigenes) gegen den Falstaff sagt, ist so übel nicht: »Ein Charakter, der bloß des Lebensgenusses wegen komisch und witzig ist«, sei »von der Grundlage der deutschen National-Komik, welche auch das Lustige unmittelbar auf Ideale bezieht und daher schon dessen Erscheinung als solche schätzt, weit entfernt«. Das ist er in der Tat. Man vergleiche nur jede Geste dieser Gestalt – die erst in der dem deutschen Publikum bekannten Oper »Die lustigen Weiber von Windsor« zur Leibhaftigkeit ihres Genies herabgekommen ist – mit allem, was das deutsche Lustspiel auf der Grundlage der deutschen National-Komik hervorgebracht hat. Wann aber hätte gerade sie das Lustige auf andere Ideale bezogen als auf das Fressen und Saufen, hinter dessen Komik doch nicht die Spur eines tragischen Zugs, wie er jener ritterlichen Verlumpung anhaftet, wahrnehmbar wird! Siebzig Jahre ›Fliegende Blätter', die den Frohsinn einer Nation von deutscher Burschenherrlichkeit zu deutscher Philisterschäbigkeit fortgebracht haben, sprechen wohl ebenso viele Bände für das Wesen deutscher Erlustigung: in Wort und Bild Illuminierung des Umstands, daß »Humor« Feuchtigkeit bedeutet. Die Charaktere, die aus solcher Belletristik in solches Leben hineingewachsen sind und umgekehrt, haben mit dem Falstaff nicht einmal den Lebensgenuß, sondern bloß dessen Mittel gemeinsam; ganz gewiß nicht den Ertrag der Komik und des Witzes. Wenn die deutsche Literatur nur an das Thema des Fressens und Saufens rührt, so stellt sie die lebendige Atmosphäre der Unappetitlichkeit her, die die physische Zeugenschaft dieses Aktes zur Pein macht, und es vollzieht sich alles mit dem Anspruch, daß die Aufnahme von Lebensmitteln an und für sich etwas Bemerkenswertes und Komisches sei. Nichts wird dem deutschen Humoristen zum größeren Erlebnis als die Vorgänge der Verdauung, und man erinnert sich noch, daß eine deutsche Sängerschar auf einer Ozeanfahrt sich und die Leser in der Heimat mit nichts Besserem zu zerstreuen wußte als mit der gegenseitigen Beobachtung der Seekrankheit und ihrer Begleiterscheinungen. Daß ein Wein gepantscht sein kann, ist ein Motiv, das von jeher deutsche Lustigmacher zu einem Grimm befruchtet hat, der in einem befreienden Lachen seinen versöhnlichen Ausklang zu finden hatte, und der deutsche Humor macht den Säufer nicht zum abschreckenden Beispiel, sondern sich zum Kumpan. In die Kategorie solcher urwüchsigen Geistlosigkeit gehört ein Gedicht, das ich in einer deutschen Zeitschrift, »Die Meister«, finde, die sich die Aufgabe gestellt zu haben scheint, vor deren Lektüre zu warnen. Von Ludwig Anzengruber, den die Liberalen zum Dichter gemacht haben, weil er den »Pfarrer von Kirchfeld« geschrieben hat, und dem, da er längst keiner mehr ist, die Klerikalen noch seine anständige Gesinnung nachtragen, rührt das Folgende her, das als Muster feuchtfröhlicher Fadaise schon ganz geschluckt werden muß:

Herr Wirt

Herr Wirt, was war das nächtens für
Ein gottverfluchter Tropfe?
Es schmerzt mich heute morgens schier
Ein jedes Haar am Kopfe!
Wie muß die edle Gottesgab'
Verschändet und ver hunzt sein?
Mein Seel, was ich getrunken hab',
Das war wohl eitel Kunstwein!

Ei, heb' die Hand beteuernd nicht,
Daß dieser Soff Natur ist.
Man weiß ja doch, verdammter Wicht,
Daß leicht wie Spreu dein Schwur ist.
Üb' Iieber Treu und Redlichkeit,
Schreib's an die Etikette,
Damit sich sachte noch beizeit
Ein Christmensch davor rette.

Du hättest nur wie vor und eh
' was Kellerei betrieben
Und dir sei an organische
Chemie ganz fremd geblieben?!
Hör du, es ist doch ganz umsunst,
Hier Lügen zu erstinken,
's ist Kunstwein, denn 's ist eine Kunst,
Von diesem Wein zu trinken.

Von der Banalität abgesehn, die solche Anstrengung braucht, um zu solchem Einfall zu kommen, und nebst aller Versquetscherei ist der Reim »verhunzt sein« und »Kunstwein« bemerkenswert. Es ist aber der typische Reim der deutschen Lustigkeit, den die von ihr Befallenen noch als Reim hören. Heine ist gewiß von anderer Art, da er mit etwas mehr wurzellosem Witz als urkräftigem Behagen die Herzen aller Hörer zwingt. Aber in einer seiner Klapperstrophen, die durch die Lizenz, daß sich der dritte Vers nicht reimen muß, einer Welt von Frechheit Mut zur Satire gemacht haben, reimt sich der vierte folgendermaßen:

Von Köllen bis Hagen kostet die Post
Fünf Taler sechs Groschen preußisch.
Die Diligence war leider besetzt
Und ich kam in die offene Beichais'.

Hier ist wirklich die äußerste Einheit gedanklichen und klangliches Wertes erreicht. Der Dichter hat getrost einen Hinweis unterlassen können, daß »preußisch« »preußäsch« ausgesprochen werden soll, um den Reim zu ermöglichen. Es hätte ihm ohnedies nichts geholfen, da »Beichais« – man weiß zuerst gar nicht, was das ist – leider nun einmal »Beischäß« und nicht »Baißäsch« ausgesprochen wird. Da kann einer nur das Dichterwort zitieren, daß die Diligence leider besetzt war; bei solchem Mangel an Sorgfalt für das Wort muß man wohl oder übel in die Beichais' kommen. Aber ein Dichterohr merkt keinen Unterschied und eine Kultur hat von der Lieder süßem Mund, der die Vorstellung »preußisch« mit einer »Chaise« in Harmonie bringt, ihren Begriff von Lyrik abgenommen. Und ein erschrockener Wildgans-Verehrer fragt mich, ob ich am Ende auch das Buch jener Lieder meine, das »einen Teil des deutschen Kulturbesitzes ausmacht«, wenn ich von einer Lyrik spreche, die im tiefsten Einklang mit dem, was das Publikum zu hören wünscht, ihm das einsagt, was es aus Zeitmangel nicht selber dichtet. Er hat's erraten, aber ich meine es nicht nur auch, sondern auch nur es, denn alles weitere kommt ja davon, ist ja bereits von einem Publikum, das sich ausnahmsweise Zeit genommen hat und unter die Literaten gegangen ist. Und um den, der die Rechnung ohne den Wirt Humor gemacht hat, beim Wort zu nehmen: wem könnte es ferner liegen, als mir, zu bestreiten, daß die Heine'sche Lyrik einen Teil des deutschen Kulturbesitzes ausmacht.

Nicht zu ihm gehören Couplets von Nestroy, der von diesem Wirt keinen Kunstwein bezieht und dafür auch ein sprachliches Charakterbild von Versoffenheit hergestellt hat, das auf festeren Beinen schwankt als die gesamte deutsche Lustigkeit von Goethe und Schiller bis Anzengruber und Hauptmann. In der Fortsetzung des »Lumpazivagabundus« tritt der schon ganz verkommene Knieriem mit dem folgenden Entree auf die Szene:

Herr Wirt, ein' saubern Slibowitz,
Ich hab' jetzt g'rad auf einen Sitz
Drei Hering' 'pampft in mich hinein.
Drauf 'trunken a vier Halbe Wein,
Hernach hab' ich ein' Heurig'n kost't,
Acht Würsteln und sieb'n Seidel Most,
Dann friß ich, denn das war net gnua,
Fünf Brezeln und ein 'Kaas dazua,
Drum möcht' ich, denn ich hab' so Hitz',
Mich abkühl'n mit ei'm Slibowitz.

Hab'n Sie 's schon g'hört, daß s' drent beim Rab'n
Mich heut hinausgeworfen hab'n?
A jede Ripp' in mir hat 'kracht,
Mein Plan zur Rache ist schon g'macht.
Die Gäst' drent hab n mir d' Freud' verdurb'n,
Jetzt beutl' ich z'Haus den Schusterbub'n,
Und wenn mich jemand hier tuschiert,
Wird heut mein Weib noch malträtiert;
Ich lass' gern , komm' ich schiach nach Haus,
Mein' Zorn an der Familli aus!

Das wiegt natürlich – und kein Mensch kennt es – als Gestalt einen ganzen Schalanter auf und ist einfach das Denkmal eines Volkstums. Vor solcher Vergeistigung des Ordinärsten wird der deutsche Humor der Viktualien kleinlaut. Aber gegen diese Lyrik, in der man nach den Schlägen, die das Weib bekommt, skandieren kann, und gegen dieses versoffene Organ, in dem sich so organisch die Rache mit dem Krachen der Rippen zum Reim fügt, hat halt doch auch die Loreley einen schweren Stand. Nebst den scharfen Spuren, die er bei Lichtenberg und bei Busch hinterließ, dürfte der deutsche Humor, jener, der nicht von der eigenen Belustigung lebt – der Humor der Sprache, nicht der des »Stoffes« (Alkohols) – ganz auf Nestroy aufgegangen sein. Und da er in ihm konzentriertester Spiritus war (und nicht bloß jene Feuchtigkeit, die den deutschen Sinn in Laune versetzt), so ergab er auch den echten Lyriker. Aber zum deutschen Kulturbesitz gehört das Bewußtsein, daß Humor sich dann bildet, wenn der Wein gepantscht ist, und Lyrik, wenn sie wie eine Blume ist. Wiewohl sie dann doch auch nur eine Kunstblume ist.

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