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Gedichte und Aufsätze zur deutschen Sprache

Karl Kraus: Gedichte und Aufsätze zur deutschen Sprache - Kapitel 1
Quellenangabe
typeessay
authorKarl Kraus
titleGedichte und Aufsätze zur deutschen Sprache
publisherVerlag Volk und Welt
year1971
correctorreuters@abc.de
senderRoland Welcker
created20070725
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Abenteuer der Arbeit

Was leicht mir in den Schoß fiel,
wie schwer muß ich's erwerben,
bang vor des Worts Verderben.
O daß mir dieses Los fiel!

Zuerst war's in der Hand mir,
dann wollt' es sich entfernen,
da mußt' ich suchen lernen;
es schwindet der Verstand mir.

Das Wort hier ist ein Zunder
für das an jener Stelle
Gleich brennt die ganze Hölle.
Das Wort ist mir ein Wunder.

Wie öffnet es die Lider,
die sonst geschlossen waren.
Hier gibt es nur Gefahren.
Ich kenn' das Wort nicht wieder.

Tausch' ich es, wird's mich täuschen.
Wie es sich an mich klettet,
seitdem ich es gerettet
aus vielfachen Geräuschen.

Das was mir einfiel, hat mich,
der ich's nie haben werde,
ich steh' auf schwanker Erde
und setze selber matt mich.

Ich wähl' im Zweifelsfalle
von zweien Wegen beide.
Ich röste mich am Leide,
bin in der Teufelsfalle.

Ein unerschrockner Tadler
will ich mir nichts erlauben,
als aus dem reinsten Glauben
zu spielen Kopf und Adler.

Und wenn der Kopf aufs Wort kam,
der Adler fällt getroffen –
so blieb der Zweifel offen,
ich weiß nicht, wie ich fortkam.

Wer mit dem Geist verwandt ist,
in Bildern und in Schemen
die Welt beim Wort zu nehmen –
beim Himmel kein Pedant ist!

In sprachzerfallnen Zeiten
im sichern Satzbau wohnen:
dies letzte Glück bestreiten
noch Interpunktionen.

Wie sie zu rasch sich rühren,
wie sie ins Wort mir zanken –
ein Strich durch den Gedanken
wird mich ins Chaos führen;

obgleich ein Strichpunkt riefe ,
dem Komma nicht zu trauen :
ein Doppelpunkt läßt schauen
in eines Abgrunds Tiefe!

Dort droht ein Ausrufzeichen
wie von dem jüngsten Tage.
Und vor ihm kniet die Frage:
Läßt es sich nicht erweichen?

Wie ich es nimmer wage,
und wie ich's immer wende,
ein Werk ist nie zu Ende –
am Ausgang steht die Frage.

Und eh' mein Herz verzage,
den Ausgang zu erreichen,
setz' heimlich ich ein Zeichen –
dem Zeichen folgt die Frage.

Es zündet immer weiter
der Blitz, der mich zerrissen.
Mein eignes besseres Wissen
will Antwort vom Begleiter.

Mit angstverbrannter Miene
stock' ich vor jeder Wendung,
entreiß' mich der Vollendung
durch eine Druckmaschine.

Wie schön ist es gewesen,
am Wege waren Wonnen.
Was heimlich süß begonnen,
nun werden's Leute lesen.

O Glück im Wortverstecke
des unerlösten Denkens,
Versagens und sich Schenkens –
was bog dort um die Ecke?

Noch nicht erseh'n, erseh'n ich's.
Vorweltlich Anverwandtes,
eh' ich's gesetzt hab', stand es,
und nun mir selbst entlehn' ich's.

Entzückung fand der Gaffer
am tausendmal Geschauten.
Aus tagverlornen Lauten
erlöst er die Metapher.

Im Hin- und Wiederfluten
der holden Sprachfiguren
folgt er verbotnen Spuren
posthumer Liebesgluten.

In Hasses Welterbarmung
verschränkt sich Geist und Sache
zu weltverhurter Sprache
chiastischer Umarmung.

Wer sprechen kann, der lache
und spreche von den Dingen.
Mir wird es nie gelingen,
sie bringen mich zur Sprache.

Das Wort trieb mit den Winden
und spielt mit Wahngestalten.
Im Wortspiel sind enthalten
Gedanken, die mich finden.

Wenn ich so weiter fortspiel',
vor solchem kühnen Zaudern
wird es die Nachwelt schaudern.
Denn alles war im Wortspiel.

Dem ewigen Erneuern,
zum Urbild zu gelangen,
entrinn' ich nur, gefangen
in neuen Abenteuern.

Durch jedes Tonfalls Fessel
gehemmt aus freien Stücken,
erlebt sich das Entrücken
auf einem Schreibtischsessel.

Was leicht mir in den Schoß fiel,
wie schwer muß ich's erwerben,
bang vor des Worts Verderben.
O daß mir dieses Los fiel!

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