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Gedichte in Prosa

Charles Baudelaire: Gedichte in Prosa - Kapitel 9
Quellenangabe
typepoem
authorCharles Baudelaire
titleGedichte in Prosa
publisherInsel-Verlag Leipzig
printrun26. bis 28.Tausend
yearo.J.
translatorCamill Hoffmann
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150311
modified20171009
projectid7589c335
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Die Einsamkeit

Ein menschenfreundlicher Journalist sagt mir, daß die Einsamkeit den Menschen bös beeinflusse; und um seine Behauptung zu stützen, zitiert er, wie alle Ungläubigen, Aussprüche der Kirchenväter.

Ich weiß, daß der Dämon mit Vorliebe die verlassenen Orte aufsucht, und daß der Geist des Totschlags und der Unzüchtigkeit sich in der Einsamkeit wunderbar entflammt. Aber es wäre möglich, daß diese Einsamkeit nur der müßigen und ziellosen Seele gefährlich ist, die sie mit ihren Leidenschaften und Chimären bevölkert.

Es ist gewiß, daß ein Schwätzer, dessen höchstes Vergnügen darin besteht, von der Höhe einer Kanzel oder einer Tribüne zu sprechen, sehr Gefahr laufen würde, auf Robinsons Eiland ein rasender Wahnsinniger zu werden. Ich verlange von einem Zeitungsschreiber nicht die herzhaften Tugenden Crusoes, aber ich will, daß er die Liebhaber der Einsamkeit und des Geheimnisvollen nicht anklage.

Es gibt in unserem geschwätzigen Geschlechte Individuen, die mit weniger Widerstreben das Todesurteil empfangen würden, wenn es ihnen gestattet wäre, von der Höhe des Schafottes eine tönende Rede zu halten, ohne befürchten zu müssen, daß ihnen die Trommler von Santerre zu unrechter Zeit das Wort abschneiden.

Ich beklage sie nicht, weil ich ahne, daß ihnen ihre rednerischen Ergüsse Genüsse verschaffen, die jenen gleich sind, welche den andern die Einsamkeit und die Andacht bieten; aber ich verachte sie.

Ich wünsche vor allem, daß mein verdammter Zeitungsschreiber nach meinem Belieben mich unterhalten lasse. »Empfinden Sie denn«, sagte er mit sehr apostolischem Nasentone, »niemals das Bedürfnis, Ihre Genüsse zu teilen?« Sehen Sie den schlauen Neider! Er weiß, daß ich die seinen verschmähe, und will sich in die meinen eindrängen, der abscheuliche Freudenstörer!

»Dies große Unglück, nicht allein sein zu können!« sagt irgendwo La Bruyère, um gleichsam alle die zu beschämen, die, sich zu vergessen, unter die Menge laufen, offenbar aus Furcht, sich selbst nicht erträglich zu sein.

»Fast all unser Unglück kommt daher, daß wir es nicht gekonnt haben, daheim zu bleiben,« sagte ein anderer Weiser, Pascal glaube ich, indem er alle diese Narren, die das Glück in der Zeitströmung und in der Prostitution suchen, in die Zelle der Andacht ruft.

*

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