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Gedichte in Prosa

Charles Baudelaire: Gedichte in Prosa - Kapitel 6
Quellenangabe
typepoem
authorCharles Baudelaire
titleGedichte in Prosa
publisherInsel-Verlag Leipzig
printrun26. bis 28.Tausend
yearo.J.
translatorCamill Hoffmann
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150311
modified20171009
projectid7589c335
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Der Kuchen

Ich reiste. Die Landschaft, in der ich weilte, war von einer unwiderstehlichen Größe und Vornehmheit. Etwas von ihr drang ohne Zweifel in diesem Augenblick in meine Seele. Meine Gedanken schwangen mit der Leichtigkeit der Atmosphäre; die gewöhnlichen Leidenschaften, wie der niedrige Haß und die Liebe, erschienen mir jetzt ebenso entfernt wie die Wetterwolken, die in tiefen Abgründen vorüberzogen; meine Seele schien mir ebenso weit und rein wie der Himmelsdom, der sich über mir wölbte; die Erinnerung an irdische Dinge gelangte nur abgeschwächt und verschwommen an mein Herz wie der Glockenton einer unsichtbaren Herde, die ferne, sehr ferne vorüberzieht, am Abhang eines andern Berges. Über den kleinen, unbeweglichen, infolge der ungeheueren Tiefe schwarzen See ging manchmal der Schatten einer Wolke wie der Widerschein des Mantels eines Luftriesen, der durch den Himmel fliegt. Und ich erinnere mich, daß diese festliche und seltene Stimmung, durch eine große, vollkommen stille Bewegung hervorgerufen, mich mit einer Freude erfüllte, die mit Schrecken vermischt war. Kurz, ich fühlte mich durch die begeisternde Schönheit, von der ich umringt war, in vollkommenem Frieden mit mir selbst und dem All; ich glaube sogar, daß ich in meiner vollkommenen Glückseligkeit und in meinem gänzlichen Vergessen alles irdischen Bösen dahin gelangt war, die Bücher, die vorgeben, der Mensch wäre gut geboren, nicht mehr so lächerlich zu finden – als die unheilbare Materie ihr Bedürfnis erneuerte und ich die Müdigkeit zu lindern und meinen durch einen so langen Aufstieg verursachten Hunger zu stillen gedachte. Ich zog aus meiner Tasche ein großes Stück Brot, eine Ledertasse und ein Fläschchen mit einem gewissen Elixier, das die Apotheker jener Zeit an die Touristen verkauften und das man gelegentlich mit Schneewasser mischte.

Ich zerschnitt ruhig mein Brot, als ein ganz leiser Lärm mich die Augen erheben ließ. Vor mir stand ein kleines zerlumptes, schwarzes, zerzaustes Wesen, dessen tiefe, scheue und gleichsam flehende Augen das Stück Brot verschlangen. Und ich hörte es mit tiefer und heiserer Stimme das Wort seufzen: »Kuchen!« Wie ich die Benennung hörte, mit der es wohl mein fast weißes Brot beehren wollte, konnte ich mich des Lachens nicht enthalten und schnitt eine Scheibe ab, die ich ihm anbot. Langsam näherte es sich, ohne die Augen von dem Gegenstand seines Verlangens zu lassen; dann das Stück mit der Hand packend, fuhr es rasch zurück, als hätte es gefürchtet, daß mein Angebot nicht aufrichtig war oder daß ich es schon bereute.

Aber in demselben Augenblicke stürzte sich ein andrer kleiner Wilder darauf, der, ich weiß nicht woher, kam und dem ersten so vollständig ähnlich war, daß man ihn für seinen Zwillingsbruder halten konnte. Zusammen rollten sie auf dem Boden, um die kostbare Beute streitend, und ohne Zweifel wollte keiner seinem Bruder die Hälfte opfern; erbittert faßte der erste den zweiten bei den Haaren; dieser schnappte nach dessen Ohr mit den Zähnen und spie ein blutiges Stückchen mit einem köstlichen, gemeinen Fluche aus. Der rechtmäßige Besitzer des Kuchens versuchte seine Krallen in die Augen des Usurpators zu bohren; dieser dagegen verwendete alle Kräfte darauf, seinen Gegner mit der einen Hand zu würgen, während er sich anstrengte, mit der andern den Kampfpreis in seine Tasche zu stecken. Aber neubelebt durch Verzweiflung, richtete sich der Besiegte wieder auf und stieß den Sieger mit dem Kopf gegen den Magen, daß er zur Erde rollte. Wozu einen häßlichen Kampf schildern, der wahrhaftig länger dauerte, als es die kindlichen Kräfte zu erlauben schienen? Der Kuchen wanderte von Hand zu Hand und wechselte jeden Augenblick die Tasche; aber wehe! er änderte auch seinen Umfang. Und als sie endlich ermattet, keuchend, blutend innehielten, infolge der Unmöglichkeit fortzufahren, gab es eigentlich keinen Gegenstand des Kampfes mehr: das Stück Brot war verschwunden und in Brosamen im Sande zerstreut.

Dies Schauspiel hatte mir die Landschaft verschleiert, und die stille Freude, in der sich meine Seele ergötzte, bevor sie diese kleinen Menschen gesehen, war gänzlich verschwunden; ziemlich lange blieb ich darum traurig, indem ich mir unaufhörlich wiederholte: »Es gibt also ein herrliches Land, wo das Brot Kuchen genannt wird, ein so seltener Leckerbissen, daß es geeignet ist, einen ganz brudermörderischen Krieg hervorzurufen!«

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