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Gedichte in Prosa

Charles Baudelaire: Gedichte in Prosa - Kapitel 21
Quellenangabe
typepoem
authorCharles Baudelaire
titleGedichte in Prosa
publisherInsel-Verlag Leipzig
printrun26. bis 28.Tausend
yearo.J.
translatorCamill Hoffmann
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150311
modified20171009
projectid7589c335
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Fräulein Bistouri

Als ich im Schein der Gaslaternen an das Ende des Faubourg kam, fühlte ich einen Arm sich leise unter den meinen schmiegen und hörte eine Stimme, die mir ins Ohr sagte: »Sie sind Arzt, mein Herr?«

Ich sah mich um; es war ein großes, starkes Mädchen, mit weit offenen Augen, ein wenig gepudert, die Haare mit den Bändern ihrer Kappe im Winde wehen lassend.

»Nein, ich bin kein Arzt. Lassen Sie mich in Ruh.« – »O ja! Sie sind Arzt. Ich sehe es ja. Kommen Sie zu mir. Sie werden sehr zufrieden sein mit mir, kommen Sie!« – »Gewiß, ich werde Sie besuchen, aber später, nach dem Arzt, zum Teufel! . . .« – »Ah! ah!« machte sie, immer in meinen Arm eingehängt und in Lachen ausbrechend, »Sie sind ein Schelm von einem Arzt, ich kannte viele solche. Kommen Sie.«

Ich liebe leidenschaftlich das Geheimnis, weil ich immer Hoffnung hege, es zu lösen. Ich ließ mich also von dieser Begleiterin, oder vielmehr von diesem unerwarteten Rätsel mitschleppen.

Ich übergehe die Schilderung ihrer Höhle; man kann sie in einigen wohlbekannten alten französischen Dichtern finden. Nur ein von Regnier unbemerktes Detail: zwei oder drei Porträts berühmter Ärzte hingen an den Mauern.

Wie wurde ich gehätschelt! Ein großes Feuer, heißer Wein, Zigarren; und indem sie mir diese guten Sachen anbot und selbst eine Zigarre anzündete, redete das komische Ding zu mir: »Tuen Sie wie zu Hause, lieber Freund, machen Sie sichs bequem. Das wird Sie an das Spital erinnern und an die beste Zeit Ihrer Jugend. – Ah! wo haben Sie sich diese grauen Haare geholt? So haben Sie nicht ausgesehen, als Sie interner Arzt in L . . . waren, es ist noch nicht lange her. Ich erinnere mich, daß Sie bei schweren Operationen assistiert haben. Da war einmal ein Mensch, der gern schneidet und sticht und sägt! Sie haben ihm die Instrumente gereicht, die Fäden und die Schwämme. Und wenn die Operation zu Ende war, sagte er stolz, auf die Uhr blickend: ›Fünf Minuten, meine Herren!‹ – O! ich komme überall herum. Ich kenne alle diese Herren gut.«

Nach einigen Augenblicken begann sie, mich duzend, von neuem: »Du bist Arzt, nicht wahr, mein Kätzchen?«

Dieser unbegreifliche Refrain ließ mich aufspringen. »Nein!« schrie ich wütend.

»Also Chirurg?«

»Nein! nein! Außer, daß ich dir den Kopf abschneide! . . .«

»Warte,« fing sie wieder an, »du wirst sehen.«

Und sie zog aus dem Schrank einen Bund von Papieren heraus, der nichts anderes war, als eine Sammlung von Porträts berühmter Ärzte unserer Zeit, von Maurin lithographiert, wie man sie vor mehreren Jahren in den Auslagen des Quai Voltaire sehen konnte.

»Schau! erkennst du diesen da?«

»Ja, das ist X. Der Name steht übrigens darunter, aber ich kannte ihn persönlich.«

»Ich hab es gewußt! Und hier ist Z., der in seinen Vorträgen, wenn er auf X. zu sprechen kam, zu sagen pflegte: ›Dieses Ungeheuer, das in seinem Gesicht die Schwärze seiner Seele trägt!‹ Das alles, weil der andere in irgendeiner Angelegenheit nicht seiner Ansicht war! Wie hat man sich damals in der Anstalt darüber belustigt! Erinnerst du dich? – Wart, hier ist K., welcher der Regierung die Revolutionäre denunzierte, die er in seinem Spital behandelte. Das war zur Zeit der Revolution. Wie ist es möglich, daß ein so schöner Mann so wenig Herz hatte? – Und das da ist W., ein famoser englischer Arzt; ich hab ihn auf seiner Reise nach Paris gekapert. Er sieht aus wie ein Fräulein, nicht wahr?«

Und als ich ein zusammengeschnürtes Paket, das noch auf dem Tischchen lag, berührte, sagte sie: »Warte ein wenig; – diese da sind die internen Ärzte und hier drin sind die externen.«

Und wie einen Fächer entfaltete sie eine ganze Anzahl von Bildern, die viel jüngere Physiognomien darstellten.

»Bis wir uns wiedersehen, gibst du mir dein Bild, nicht wahr, mein Lieber?«

»Aber«, sagte ich ihr, indem auch ich meine fixe Idee verfolgte, »warum hältst du mich für einen Mediziner?«

»Weil du so nett und so gut zu den Frauen bist!«

›Sonderbare Logik!‹ sagte ich zu mir selbst.

»O, darin täusch ich mich nicht; ich hab schon eine hübsche Anzahl gekannt. Ich habe diese Herren so gern, daß ich sie, wenn ich auch nicht krank bin, manchmal besuche, nur um sie zu sehen. Manche sagen mir kalt: ›Sie sind überhaupt nicht krank!‹ Aber andere verstehen mich, weil sie in meinen Mienen lesen.«

»Und wenn sie dich nicht verstehen . . .?«

»Teufel! dann hab ich sie unnützerweise gestört, lasse zehn Francs auf dem Kamin zurück. – Die Leute sind so gut und so lieb! – Ich habe in der Pitié einen kleinen Internen entdeckt, der hübsch ist wie ein Engel, und wie höflich, und wie er arbeitet, der arme Bursche! Seine Kameraden sagten mir, daß er keinen Sou besitzt, weil seine Eltern arme Leute sind, die ihm nichts schicken können. Das hat mir Vertrauen eingeflößt. Und schließlich bin ich ziemlich hübsch, wenn auch nicht mehr ganz jung. Ich hab ihm gesagt: ›Komm zu mir, komm oft zu mir. Und mach keine Umstände vor mir, ich brauche kein Geld.‹ Du begreifst, daß ich ihm das auf alle Art zu verstehen gab; ich hab es ihm nicht so geradezu gesagt; ich hatte solche Angst, ihn zu demütigen, das liebe Kind! – Wirst du glauben, daß ich einen dummen Wunsch habe, den ich ihm nicht zu sagen wage? – Ich möchte, daß er mich mit seinen Instrumenten und mit seiner Schürze besucht, und selbst mit ein wenig Blut darauf!«

Sie sagt das mit so unschuldiger Miene, wie ein zärtlicher Mann zu einer Schauspielerin, die er liebt, sagen würde: ›Ich will Sie in dem Kostüm der prächtigen Rolle sehen, die Sie kreiert haben.‹

Beharrlich frage ich wieder: »Kannst du dich an die Zeit und an den Anlaß erinnern, da in dir diese seltsame Leidenschaft zum erstenmal auflebte?«

Ich mache mich schwer verständlich; endlich gelingt es mir. Aber da antwortet sie mir mit sehr trauriger Miene, und, wenn ich mich recht erinnere, sogar die Augen wegwendend: »Ich weiß nicht . . . Ich erinnere mich nicht.«

Welch seltsame Dinge findet man nicht in einer großen Stadt, wenn man herumzukommen und zu beobachten weiß! Das Leben wimmelt von unschuldigen Ungeheuern! Herr, mein Gott! Du, der du der Schöpfer und Meister bist; du, der du das Gesetz und die Freiheit geschaffen hast; du, der du der König bist, der geschehen läßt, und der Richter, der vergibt; du, der du voll Ursachen und Gründe bist, und der du meinem Geiste die Lust am Entsetzen eingegeben hast, um mein Herz zu bekehren, wie die Heilung in die Schneide eines Messers; Herr, habe Erbarmen, habe Erbarmen mit den wahnsinnigen Männern und Frauen! O Schöpfer! kann es Ungeheuer geben in den Augen dessen, der weiß, warum sie sind, wie sie wurden, und was gar geschehen müßte, daß sie nicht werden?

*

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