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Gedichte in Prosa

Charles Baudelaire: Gedichte in Prosa - Kapitel 18
Quellenangabe
typepoem
authorCharles Baudelaire
titleGedichte in Prosa
publisherInsel-Verlag Leipzig
printrun26. bis 28.Tausend
yearo.J.
translatorCamill Hoffmann
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150311
modified20171009
projectid7589c335
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Die Wohltaten des Mondes

Der Mond, der die Laune selbst ist, blickte, während du schliefest, durch das Fenster in deine Wiege und sagte zu sich: »Das Kind gefällt mir.«

Und er stieg weichen Schrittes seine Wolkenleiter hinab und trat geräuschlos durch die Glasscheiben. Dann breitete er sich mit der schmiegsamen Zärtlichkeit einer Mutter über dich und streute seine Farben über dein Antlitz. Deine Augen blieben seitdem grün und deine Wangen ungewöhnlich blaß. Als deine Augen diesen Besuch sahen, wurden sie so seltsam groß; und er umschlang so sanft deine Kehle, daß du davon immer den Hang zum Weinen behalten hast.

Indessen erfüllte der Mond in höchster Freude das ganze Gemach wie eine phosphoreszierende Luft, wie ein leuchtendes Gift; und dieses Licht lebte, dachte und sprach: »Du wirst ewig unter dem Zauber meines Kusses stehen. Du wirst schön sein nach meiner Art. Du wirst lieben, was ich liebe und was mich liebt: das Wasser, die Wolken, das Schweigen und die Nacht; das endlose und grüne Meer, das gestaltlose und vielgestaltige Wasser; den Ort, wo du nicht sein wirst; den Geliebten, den du nicht kennen wirst; die unheimlichen Blumen; die Düfte, die verwirren; die Katzen, die auf den Pianos sich krümmen und wie Frauen mit rauher und süßer Stimme stöhnen!

»Und du wirst von den mich Liebenden geliebt werden, angebetet von meinen Anbetern. Du wirst die Königin der Männer mit grünen Augen sein, die ich bei meinen nächtlichen Liebkosungen umhalste; jener, die das Meer lieben, das endlose, stürmische und grüne Meer, das gestaltlose und vielgestaltige Wasser, den Ort, wo sie nicht sind, das Weib, das sie nicht kennen, die finsteren Blumen, die Weihrauchpfannen einer fremden Religion, die Düfte, die den Willen stören, und die wilden und wollüstigen Tiere, die die Sinnbilder ihres Wahnsinns sind.«

Und darum, du verwunschenes, verwöhntes, liebes Kind, liege ich nun zu deinen Füßen, in deinem ganzen Wesen den Abglanz der furchtbaren Gottheit suchend, des prophezeienden Paten, des vergiftenden Ernährers aller Mondsüchtigen.

*

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