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Gedichte in Prosa

Charles Baudelaire: Gedichte in Prosa - Kapitel 11
Quellenangabe
typepoem
authorCharles Baudelaire
titleGedichte in Prosa
publisherInsel-Verlag Leipzig
printrun26. bis 28.Tausend
yearo.J.
translatorCamill Hoffmann
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150311
modified20171009
projectid7589c335
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Die Augen der Armen

Ah! Sie wollen wissen, warum ich Sie heute hasse? Es zu verstehen wird Ihnen ohne Zweifel weniger leicht sein, als mir, es Ihnen zu erklären; denn ich glaube, Sie sind das schönste Beispiel der weiblichen Begriffsstutzigkeit, dem man begegnen kann.

Wir verbrachten zusammen einen langen Tag, der mir kurz erschienen war. Wir versprachen einander fest, daß wir alle unsere Gedanken nur gemeinschaftlich denken, und daß unsere beiden Seelen von nun an nur eine einzige sein würden; ein Traum, der nichts Eigentümliches an sich hat, außer daß er von allen Menschen geträumt, von niemandem verwirklicht wird.

Abends wollten Sie sich, etwas ermüdet, vor das neue Café an der Ecke eines neuen Boulevards setzen, der noch voll Kalkschutt war und schon stolz seine unvollendete Pracht zeigte. Das Café strahlte. Selbst das Gas entfaltete die ganze Glut eines Debüts und erhellte mit all seiner Stärke die vor Weiße blendenden Wände, die glänzenden Spiegelflächen, das Gold der Einfassungen und der Gesimse, die vollwangigen Pagen, die von gekoppelten Hunden gezerrt werden, die Damen, die dem auf ihrem Finger sitzenden Falken zulächeln, die Nymphen und Göttinnen, die auf ihrem Kopfe Früchte, Pasteten und Wildbret tragen, die Heben und Ganymeds, deren ausgestreckte Arme die kleine Amphora mit Fruchtcreme oder den doppelfarbenen, verzierten Eisobelisken anbieten: die ganze Geschichte und die ganze Mythologie in den Dienst der Schlemmerei gestellt.

Gerade vor uns pflanzte sich auf der Straße ein Mann von ungefähr vierzig Jahren auf, mit müdem Gesichte, ergrauendem Bart, an der einen Hand einen kleinen Knaben haltend und auf der andern ein kleines Wesen tragend, das zu schwach war, um zu gehen. Er versah das Amt einer Bonne und führte die Kinder aus, die Abendluft zu genießen. Alle in Lumpen. Ihre drei Gesichter waren ungewöhnlich ernst, und ihre sechs Augen hingen an dem neuen Café mit gleicher, nur durch das Alter verschieden betonter Bewunderung.

Die Augen des Vaters sagten: »Wie schön das ist! Wie schön das ist! Es ist, als wäre alles Gold der armen Leute herbeigeströmt, auf diesen Wänden aufgetragen zu werden.«

Die Augen des kleinen Knaben: »Wie schön das ist! Wie schön das ist! Aber es ist ein Haus, in das nur Leute eintreten können, die nicht wie wir sind.«

Und die Augen des Kleinsten waren allzu bezaubert, um etwas anderes auszudrücken, als eine berauschte und tiefe Freude.

Die Sänger sagen, daß das Glück die Seele gut mache und das Herz erweiche. Das Lied hatte recht an jenem Abend, was mich betrifft. Nicht nur daß ich durch jene Familie gerührt wurde, sondern ich schämte mich auch unserer Gläser und unserer Karaffen, die größer waren als unser Durst. Ich wandte meine Blicke zu den Ihren, teuere Geliebte, um darin meinen Gedanken zu lesen; ich versenkte mich in Ihre so schönen und so seltsam süßen Augen, in Ihre grünen, von der Laune beherrschten und vom Monde gebannten Augen, als Sie mir sagten: »Diese Leute dort sind mir unerträglich mit ihren torweit aufgerissenen Augen! Könnten Sie den Besitzer nicht ersuchen, sie von hier zu entfernen?«

So schwer ist es, sich zu verstehen, mein lieber Engel, und so wenig ist der Gedanke mitteilbar, selbst unter Leuten, die sich lieben!

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