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Gutenberg > Aloys Blumauer >

Gedichte. Erster Theil

Aloys Blumauer: Gedichte. Erster Theil - Kapitel 86
Quellenangabe
typepoem
authorAloys Blumauer
titleGedichte. Erster Theil
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung
seriesAloys Blumauer's gesammelte Schriften
volumeZweiter Theil
year1871
illustratorTh. Hosemann
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130902
projectida98e096f
wgs9151
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An Herrn J. F. Ratschky.

Im Brachmonat 1781.

Fünf Monden lang,
An Faulheit krank,
Lag meine Mähre
Schon auf der Streu,
Und ich dabei.
Der Sporn der Ehre
War viel zu schwach;
Was er auch stach,
Ich streckt' und dehnte
Mich aus, und gähnte,
Und ward nicht wach.
Ich sah den Maien
Doch träumend nur,
Das Jahr erneuen.
Selbst die Natur
Sprang aus dem Bette,
Und zog sich an;
Und in die Wette
Erscholl ihr dann
In lauten Schlägen
Gesang entgegen.
Doch Aug' und Ohr
Blieb mir, wie vor,
Fest zugeriegelt,
Als wären sie
Mit Pech versiegelt.
Die Harmonie
Von hundert Chören
Vermochte nicht
Mich aufzustören,
Bis dein Gedicht
Mich aufgerüttelt:
Ich las, und sieh!
Die Lethargie
War abgeschüttelt,
Mein Kopf ward warm
Und in dem Arm
Kam mir ein Jucken
Wie Fieberzucken,
Und, Freund, für dich
Ergossen sich
Durch meine Finger
Die kleinen Dinger
Zur Antwort hier
Auf das Papier.

Du, dem hienieden
Das höchste Gut,
Ein tanzend Blut
Und frohen Muth
Natur beschieden,
Du machest dir
Selbst öde Mauern,
Wo Menschen trauern,
Zum Lustrevier,
Und malest mir
Kirch' und Kapelle,
Und selbst die Schwelle
Am Kerkerthor
So reizend vor,
Wie in der That
Wohl kein Prälat
Den Kandidaten
Den Aufenthalt
Der Herr'n Kastraten
Ex voto malt.

Allein der Bauer
Sei noch so schön,
D'rin wohnet Trauer.
Dem Vögelchen
Wird hinterm Gitter,
War's auch von Gold,
Der Zucker bitter:
Viel lieber holt
Es sich die Speise
Mit Müh', und lebt
Nach eig'ner Weise.
Es flattert, strebt
Nach Seinesgleichen:
Du magst ihm Trank
Und Futter reichen,
Es härmt sich krank,
Sieht seine Brüder
In freier Luft,
Hört ihre Lieder,
Sieht aus der Gruft
Der Liebe Freuden,
Und härmt sich ab
In seinem Grab.

Zu solchen Leiden
Verdammten sich
Die Emigranten
Der Menschheit, bannten
Das all' von sich
Was uns hienieden
Ein guter Gott
Zur Lust beschieden:
Ihr täglich Brod
Sind Sehnsuchtsblicke
In's Vaterland,
Das sie verbannt.
Und nicht zurücke
Die Armen läßt,
Die, ach! so fest
Ein Schwur gefangen,
Und von der Welt
Gesondert hält.
Drum laß die Stangen
Nur immerhin
Von Golde prangen,
So bleibt ihr Sinn
Am Golde hangen.

O, glaube mir,
Es würde dir
Gar schlecht behagen,
Durch einen Schwur
Von der Natur
Dich loszusagen,
Und immerhin
An jedem Sinn
Ein Schloß zu tragen.

Bedenke nur,
Wie die Natur
Die Ueberläufer
Der Menschheit straft.
Ein blinder Eifer
Gibt ihnen Kraft,
Das inn're Treiben
Der Menschlichkeit
Zu übertäuben!
Doch pflegt im Streit
Den Geißelstreichen
Kein Härchen breit
Der Trieb zu weichen,
Dem Heid' und Christ
Gleich zinsbar ist.
Was hilft all' Ringen
Mit ihrem Fleisch?
Wer kann sich keusch
Und fühllos singen?
Ein Opiat
Wär' in der That
In solchen Nöthen
Viel besser, als
Was durch den Hals,
Den Wurm zu tödten,
Den Kämpfern rinnt:
Wenn Leib und Seele
In Flammen sind,
Und durch die Kehle
Noch Feuer rinnt,
Wer kann da sagen,
Ich habe mich
Mit meinem Ich
Herumgeschlagen?
Was Wunder denn,
Wenn sie im Bette
Gespenster seh'n,
Und in der Mette
Das hohe Lied
An Sulamith –
Das uns're Zeiten
So mystisch deuten –
Im gleichen Ton,
Wie Salomon,
Herunter singen,
Und oft dabei
Nach Athem ringen?

Wie vielerlei
Gefahren dräuen
Der Phantasey,
Wenn fromme Laien
Dem Priesterohr
In Schildereien
Ganz ohne Flor,
Abconterfeien,
Was sie verübt?
Allein es gibt
Noch mehr Gefahren:
Ein Mädchen, kaum
Von achtzehn Jahren,
Spricht nur von Traum
Und von Ideen,
Läßt stotternd kaum
Im Nebel sehen,
Was sie gethan;
Da muß der Mann
Durch zwanzig Fragen
Das gute Kind
So lange plagen,
Bis es die Sünd'
Ihm so genau
Wie Gerhard Dow,
Im Kleinen malet.
So angestrahlet
Vom Schein der Lust,
Muß nicht die Brust
Ihm höher pochen,
Und Wollust kochen?
Ein Amtsgesicht
In solchen Fällen
Hilft wahrlich nicht.
Sich zu verstellen.
Kein Ordenskleid
Hemmt da das Bäumen
Der Menschlichkeit,
Und des geheimen
Verlangens Spur
Glüht auf den Wangen
Zu deutlich nur,
Dich hält, Natur!
Kein Eid gefangen,
Kein Skapulier
Und kein Brevier
Bannt deine Triebe.
Der Arme hier
Verdammt die Liebe,
Und glüht von ihr,
Erwehrt sich kaum,
Selbst in den Sünden
Sie schön zu finden.

Ein Busenbaum
Zwar ahnet kaum
Das Echauffiren
In diesem Fall;
Denn judiziren
Muß nun einmal
Er über jeden
Gewissensfall:
Drum hat er jeden,
Wie sich's gebührt,
Bei'm Sündenwägen
Privilegirt.
Von Amtes wegen,
Weil ihn aus Pflicht
Der Kitzel sticht.

Kraft dieser Lehre
Die stets zur Ehre
Der Menschheit ist,
Bestimmt und mißt
Ein Kasuist
Auf seiner Elle
Die Sündenfälle
Ohn' alle Fahr.
Und darf sogar
Ohn' Angst und Grauen
Der Sünderin
In's Antlitz schauen,
Die Sünde kühn
Anatomiren,
Mit Seel' und Sinn
Sich drein verlieren,
Darf, ohne Scham,
Dir jeden Schlamm
Von Lust filtriren.
Noch nicht genug,
Er kann ein Buch,
Wie Sanchez, schreiben,
Und seinen Sinn
Zum Lustpfuhl in
Die Schwemme treiben,
Der gute Mann
Wird ohne Schaden
Darin sich baden,
Und bleibt – ein Schwan:

Genug für itzt!
Denn sieh, es schwitzt
Schon Roß und Reiter.
Auf einem Ritt
Bei solchem Schritt
Kömmt man nicht weiter.
Zudem sind ja
Die Verschen da,
Die kleinen Dinger
Dir, traun! von je
Gar bösliche
Gedankenzwinger.
Und Schritt vor Schritt
In dem Gebiet
Einher zu reiten
Ermüdet sehr;
Es auszureiten
Schickt es sich mehr
Zum Galoppiren,
Als zum Trottiren.

*

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