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Gutenberg > Aloys Blumauer >

Gedichte. Erster Theil

Aloys Blumauer: Gedichte. Erster Theil - Kapitel 8
Quellenangabe
typepoem
authorAloys Blumauer
titleGedichte. Erster Theil
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung
seriesAloys Blumauer's gesammelte Schriften
volumeZweiter Theil
year1871
illustratorTh. Hosemann
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130902
projectida98e096f
wgs9151
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Auf die Einweihung des neuen Tempels der Loge zur wahren Eintracht.

den 7. Februar 1783.

Wie baust du mir, frug einst von ihren Zinnen
Die Unerreichlichste im Range der Göttinnen,
Die Wahrheit, einen Mann, der ihr
Der Baukunst Meister schien, wie baust du mir
Ein meiner würdig Haus, wo ich zuweilen
Mich niederlassen kann, um, ungeseh'n
Dem Maulwurfsaug' der Sterblichen,
Im Kreise meiner Freunde zu verweilen? –
Der weise Architekt schwieg eine Weile, dann
Begann er so: »Des höchsten Berges Spitze,
Die keines Menschen Aug' erreichen kann,
Wähl' ich, o Göttin, dir zu deinem Sitze.
Hier in den höchsten Regionen
Der Erdenluft, wo ich des Erdballs Zonen
Weit ausgebreitet unter mir,
Mit einem Blicke übersehe,
Dem Quell des Lichts, der Sonn' und dir,
Erhab'ne Göttin, in der Nähe,
In einer Ferne, die kein Menschenlaut
Erreicht, in einer Höh', wovor dem Blicke graut,
Da, Göttin, will ich mit Vertrauen
Auf meine Kunst dir einen Tempel bauen.
Da sollst du einen Platz, von Säulen bloß
Umschlossen, einfach, aber groß –
So wie du selbst – zum Aufenthalte haben.
In diese Säulen will ich dann
Der ält'sten Weisheit Ueberbleibsel graben,
In Bildern, die nur der entziffern kann,
Dem du's vergönnst. Den Tempel selber müssen
Nicht Dach noch Seitenwand umschließen:
Nein! himmelan und seitwärts sei
In die Unendlichkeit dem Blick die Aussicht frei!
Kein Sterblicher erklimmt, um da uns auszuspähen,
Die steile Felsenwand; nur eine schmale Bahn
Führt die Berufenen zum Heiligthum hinan.
Und da, wo nur allein des Tempels Höhen
Zugangbar sind, bau' ich ein festes Thor
Dem Haufen der Profanen vor.
Hier soll es nie Unwürdigen gelingen,
In dieses Heiligthum sich einzudringen.
Doch weil kein Schloß hienieden unzersprengbar ist,
Und weil ich leider sehen mußte,
Wie schlau schon oft die Hand der List
Die stärksten Riegel wegzuschieben wußte,
O Göttin, so erlaube mir,
Daß ich an deines Tempels Schwelle
Zwei unbestechliche, bewährte Wächter stelle.
Die Weisheit und die Stärke stell' ich hier
Zu Wächtern auf. Die eine soll mit scharfen Blicken
Das Innerste des Suchenden durchspäh'n,
Ihn wägen, und ob er auch deiner werth ist, seh'n,
Und ist er's nicht, so weist die and're ihn zurücke.
Ja, wär' er eines Fürsten Sohn,
Und fänd' er sich an seinem Prüfungstage
Nur um ein Gran zu leicht auf deiner Wage,
So muß er fort von deinem Thron!
Und daß wir stets getreu der weisen Strenge bleiben,
Will ich mit Flammenschrift an deine Pforten schreiben:
Hinweg, Unwürdige! O laß doch alle, die
Du deine Freunde nennst, mit Flammenzügen
Im Herzen diesen Spruch tief eingegraben trügen!
So sprach der Architekt. – Und sieh!
Die Göttin lächelte mit innigem Vergnügen
Ihm Beifall zu. Da ging er und begann
Des Tempels Bau nach seinem weisen Plan; –
Und als er fertig war, ließ sich die Göttin nieder,
Versammelte die ihr getreuen Brüder
In ihrem Heiligthum, und hieß sie dann
Den neuen Bau, zum ewigen Gedeihen,
Der Wahrheit und der Eintracht weihen.

*

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