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Gutenberg > Aloys Blumauer >

Gedichte. Erster Theil

Aloys Blumauer: Gedichte. Erster Theil - Kapitel 7
Quellenangabe
typepoem
authorAloys Blumauer
titleGedichte. Erster Theil
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung
seriesAloys Blumauer's gesammelte Schriften
volumeZweiter Theil
year1871
illustratorTh. Hosemann
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130902
projectida98e096f
wgs9151
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Wunderseltsame Klage eines Landmädchens in der Stadt.

Du lieber Gott, bald dankt' ich dir
Wohl nicht für deine Gabe:
Noch nie war mir's so ärgerlich,
Als in der großen Stadt, daß ich
Ein hübsch Gesichtchen habe.

Schon sechszehn Sommer trug ich es
Zu Haus, doch niemand nannte
So engelschön mein Angesicht,
Auch hatt' ich all' die Plagen nicht,
Als hier bei meiner Tante.

Kaum steh' ich auf, so bin ich schon
An's Putztischlein gebunden,
Der Tante Jungfer pudert, schmiert
Und glättet, nadelt, faltet, schnürt
Zwo lange, lange Stunden.

Die Tante will, es soll mein Kopf
Den Damenköpfen gleichen!
Da läßt sie meiner Wangen Roth,
Das du mir gabst, du lieber Gott,
Mit Mennig überstreichen.

Ich durfte sonst von Bauch hinein!
Und Brust heraus! nichts wissen;
Doch hier geh'n Mädchen ja so schwer,
So steif und schnurgerad' einher,
Als steckten sie an Spießen.

Wie frei konnt' ich zu Haus herum
Aus Feld und Anger gehen!
Hier gafft und schielet man nach mir,
Als wie nach einem Wunderthier,
Das man für Geld läßt sehen. –

Die Herren in Gesellschaft sind
Gar unverschämt im Scherzen,
Betheuern zuversichtlich mir,
Kupido säß im Auge hier
Und ziele nach dem Herzen.

Ich wüßte nicht, daß so ein Ding
Mir je ins Aug gekrochen,
Und doch behaupten Alle kühn,
Mit Pfeil und Bogen säß' er drin
Und habe sie gestochen.

Oft sehn' sie gar – Gott weiß, woraus
Sie solche Lügen saugen –
Aus meinen Wangen Rosen steh'n,
Auf meiner Stirne Lilien,
Und Sonnen in den Augen.

Da werd' ich kurios, beseh'
Im Spiegel mich, und finde
Von allem diesem keine Spur;
Gewiß, die Herren lügen nur,
Und lügen ist doch Sünde.

Gar unausstehlich ist's, wenn sie –
Sie nennen's glaub' ich – schmachten;
Da thun sie so erbärmlich klein
Ohrhängen, wie die Eselein,
Daß man sie muß verachten.

Da schneiden sie vor Liebesgram
Gesichter zum Erschrecken;
Und sind doch weiß und roth, wie ich,
Und lassen Trank und Speise sich,
Wie and're Menschen schmecken.

Oft kommen sie herangehüpft,
So recht, als wie die Hasen,
Und seufzen eins von Liebesqual,
Und wischen sich wohl hundert Mal
An meiner Hand die Nasen.

Doch kehret oft im Augenblick'
Ihr Muthwill' unvermuthet:
Dann spitzen sie das Züngelchen
Und schimpfen auf die Häßlichen,
Daß mir die Seele blutet.

Ist etwa mein Gesichtchen Schuld
An allen diesen Sünden,
Du lieber Gott! so mache, daß
Ich häßlich werde, oder laß
Die Herren all' erblinden.

*

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