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Gutenberg > Aloys Blumauer >

Gedichte. Erster Theil

Aloys Blumauer: Gedichte. Erster Theil - Kapitel 5
Quellenangabe
typepoem
authorAloys Blumauer
titleGedichte. Erster Theil
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung
seriesAloys Blumauer's gesammelte Schriften
volumeZweiter Theil
year1871
illustratorTh. Hosemann
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130902
projectida98e096f
wgs9151
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An die Weisheit.

Holde Himmelstochter, deren Klarheit
Jeden Geist, der frei ist, an sich zieht,
Allgetreue Führerin zur Wahrheit,
Die den Sterblichen bald äfft, bald flieht.

Licht, von dessen Strahl die Seele lebet,
Sonne der gesammten Geisterwelt,
Du, zu der der Adler in uns strebet,
Den die Hülle noch gefangen hält!

Du, die man seit Menschenangedenken
Als ein Weib im Ritterschmuck verehrt.
Das mit männlichfestem Ernst uns – denken
Und mit Weibesinbrunst – lieben lehrt!

Deren Schild die Schlangenbrut gedämpfet,
Die der schwache Mensch im Busen nährt,
Deren Lanze gegen Drachen kämpfet,
Die der blöde Geist auf Knieen ehrt!

Deren Aug', an Sonnenglanz gewöhnet,
Nie vor einem Strahl der Wahrheit bricht,
Und dem Geist, der zu erblinden wähnet,
Winkt: Blick' auf, die Wahrheit blendet nicht!

Dich, o Göttin, die wir Weisheit nennen,
Sucht sich unser reger Geist zur Braut;
Aber wird er dich erreichen können,
Dich, vor deren Höh' dem Blicke graut?

In dem Dunkel dieses Erdenlebens
Rangen Viele schon nach deinem Licht,
Aber ach! sie mühten sich vergebens,
Denn, wo sie dich suchten, warst du nicht.

Mit dir prangten Griechenlands Sophisten,
Glaubten sich bereits auf deiner Spur;
Aber ihre Kunst war Ueberlisten,
Wo du leuchtest, blendeten sie nur.

Um den Geist an deinem Blick zu sonnen,
Sperrte Diogen ins Faß sich ein;
Doch die Weisheit wohnet nicht in Tonnen,
Denn der Weise lebt nicht sich allein.

And're suchten dich in heißen Wüsten,
Streiften da den Menschen von sich ab,
Harrten, wachten, fasteten und büßten,
Und bereiteten dem Geist sein Grab.

Doch du wohntest nicht in einem Lande,
Wo der Geist mit Hirngespinnsten focht,
Und bliebst fern von einer trägen Bande,
Die der Menschheit nichts – als Körbe flocht.

And're suchten dich im Land der Sterne,
Gingen über Wolken hoch einher,
Und vergaßen in erträumter Ferne
Sich und andre Menschen um sich her.

Viele wähnten in der Hieroglyphen
Räthselhafte Nacht dich eingehüllt;
Doch sie irrten, denn vergebens griffen
Sie im Finstern nach der Sonne Bild.

Wir auch, Göttin, streben dir entgegen,
Wir auch folgen deiner lichten Spur,
Aber nicht auf allen diesen Wegen,
Aus dem off'nen Pfade der Natur.

Hör' uns, Göttin, wenn wir hier auf Erden
Auf zu dir um Selbsterkenntniß fleh'n.
Laß es Tag in unser'm Innern werden,
Daß wir alle uns're Flecken seh'n!

Laß der Menschen Herz sich uns entfalten,
Schütz' es vor Betrug und Heuchelei,
Daß der Mensch in allen den Gestalten,
Die Natur ihm gab, uns heilig sei?

Laß uns nie der Dummheit Tempel bauen,
Lehre der Gewalt uns widersteh'n,
Laß den Heuchler durch und durch uns schauen,
Und der Bosheit Schlangengang uns seh'n!

Laß uns hier, in einen Bund vereinet,
Helfen, wo der Mensch den Menschen plagt,
Laß uns hören, wo die Unschuld weinet,
Und die Schwäche über Stärke klagt!

Laß, o laß der Menschheit Wohl uns gründen,
Sie verehren in dem kleinsten Glied,
Und den Friedenszweig um's Haupt ihr winden,
Der in deinen Händen nie verblüht.

*

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