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Gutenberg > Johann Wolfgang von Goethe >

Gedichte. Ausgabe letzter Hand

Johann Wolfgang von Goethe: Gedichte. Ausgabe letzter Hand - Kapitel 320
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typepoem
authorJohann Wolfgang von Goethe
titleGedichte. Ausgabe letzter Hand
publisherArtemis-Verlag Zürich
editorErnst Beutler
year1949
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Zahme Xenien I

Ich rufe dich, verrufnes Wort,
Zur Ordnung auf des Tags:
Denn Wichte, Schelme solchen Schlags,
Die wirken immerfort.

*

»Warum willst du dich von uns allen
Und unsrer Meinung entfernen?«
Ich schreibe nicht, euch zu gefallen;
Ihr sollt was lernen!

*

»Ist denn das klug und wohlgetan?
Was willst du Freund' und Feinde kränken
Erwachsne gehn mich nichts mehr an,
Ich muß nun an die Enkel denken.

*

Und sollst auch DU und Du und du
Nicht gleich mit mir zerfallen;
Was ich dem Enkel zuliebe tu,
Tu ich euch allen.

*

Verzeiht einmal dem raschen Wort,
Und so verzeiht dem Plaudern;
Denn jetzo wärs nicht ganz am Ort,
Wie bis hieher zu zaudern.

*

Wer in der Weltgeschichte lebt,
Dem Augenblick sollt er sich richten?
Wer in die Zeiten schaut und strebt,
Nur der ist wert, zu sprechen und zu dichten.

*

»Sag mir, worauf die Bösen sinnen!«
Andern den Tag zu verderben,
Sich den Tag zu gewinnen;
Das, meinen sie, heiße erwerben.

*

»Was ist denn deine Absicht gewesen,
Jetzt neue Feuer anzubrennen?«
Diejenigen sollens lesen,
Die mich nicht mehr hören können.

*

Einen langen Tag über lebt ich schön,
Eine kurze Nacht;
Die Sonne war eben im Aufgehn,
Als ich zu neuem Tag erwacht.

*

»Deine Zöglinge möchten dich fragen:
Lange lebten wir gern auf Erden,
Was willst du uns für Lehre sagen?«
Keine Kunst ists, alt zu werden,
Es ist Kunst, es zu ertragen.

*

Nachdem einer ringt,
Also ihm gelingt,
Wenn Manneskraft und Hab
Ihm Gott zum Willen gab.

*

Den hochbestandnen Föhrenwald
Pflanzt ich in jungen Tagen;
Er freut mich so! – ! – ! – Man wird ihn bald
Als Brennholz niederschlagen.

*

Die Axt erklingt, da blinkt schon jedes Beil;
Die Eiche fällt, und jeder holzt sein Teil.

*

Ein alter Mann ist stets ein König Lear! –
Was Hand in Hand mitwirkte, stritt,
Ist längst vorbeigegangen;
Was mit und an dir liebte, litt,
Hat sich woanders angehangen.
Die Jugend ist um ihretwillen hier,
Es wäre törig zu verlangen:
Komm, ältele du mit mir.

*

Gutes zu empfangen, zu erweisen,
Alter! geh auf Reisen. –
Meine Freunde
Sind aus einer Mittelzeit,
Eine schöne Gemeinde:
Weit und breit,
Auch entfernt,
Haben sie von mir gelernt,
In Gesinnung treu;
Haben nicht an mir gelitten,
Ich hab ihnen nichts abzubitten;
Als Person komm ich neu.
Wir haben kein Konto miteinander,
Sind wie im Paradies selbander.

*

Mit dieser Welt ists keiner Wege richtig;
Vergebens bist du brav, vergebens tüchtig,
Sie will uns zahm, sie will sogar uns nichtig!

*

Von heiligen Männern und von weisen
Ließ' ich mich recht gern unterweisen;
Aber es müßte kurz geschehn,
Langes Reden will mir nicht anstehn.
Wornach soll man am Ende trachten?
Die Welt zu kennen und sie nicht verachten.

*

Hast du es so lange wie ich getrieben,
Versuche wie ich das Leben zu lieben.

*

Ruhig soll ich hier verpassen
Meine Müh und Fleiß;
Alles soll ich gelten lassen,
Was ich besser weiß.

*

Hör auf doch, mit Weisheit zu prahlen, zu prangen,
Bescheidenheit würde dir löblicher stehn.
Kaum hast du die Fehler der Jugend begangen,
So mußt du die Fehler des Alters begehn.

*

Liebe leidet nicht Gesellen,
Aber Leiden sucht und hegt sie;
Lebenswoge, Well auf Wellen,
Einen wie den andern trägt sie.

Einsam oder auch selbander,
Unter Lieben, unter Leiden,
Werden vor- und nacheinander
Einer mit dem andern scheiden.

*

Wie es dir nicht im Leben ziemt,
Mußt du nach Ruhm auch nicht am Ende jagen:
Denn bist du nur erst hundert Jahr berühmt,
So weiß kein Mensch mehr was von dir zu sagen.

*

Ins holde Leben wenn dich Götter senden,
Genieße wohlgemut und froh!
Scheint es bedenklich, dich hinaus zu wenden,
Nimm dirs nicht übel: allen scheint es so.

*

Nichts vom Vergänglichen,
Wie's auch geschah!
Uns zu verewigen,
Sind wir ja da.

*

Hab ich gerechterweise verschuldet
Diese Strafe in alten Tagen?
Erst hab ichs an den Vätern erduldet,
Jetzt muß ichs an den Enkeln ertragen.

*

»Wer will der Menge widerstehn?«
Ich widerstreb ihr nicht, ich laß sie gehn.
Sie schwebt und webt und schwankt und schwirrt,
Bis sie endlich wieder Einheit wird.

*

»Warum erklärst dus nicht und läßt sie gehn?«
Gehts mich denn an, wenn sie mich nicht verstehn ?

*

»Sag nur, wie trägst du so behaglich
Der tollen Jugend anmaßliches Wesen?«
Fürwahr, sie wären unerträglich,
Wär ich nicht auch unerträglich gewesen.

*

Ich hör es gern, wenn auch die Jugend plappert;
Das Neue klingt, das Alte klappert.

*

»Warum willst du nicht mit Gewalt
Unter die Toren, die Neulinge schlagen?«
Wär ich nicht mit Ehren alt,
Wie wollt ich die Jugend ertragen!

*

»Was wir denn sollen?
Sag uns, in diesen Tagen.«
Sie machen, was sie wollen,
Nur sollen sie mich nicht fragen.

*

»Wie doch, betriegerischer Wicht,
Verträgst du dich mit allen?«
Ich leugne die Talente nicht,
Wenn sie mir auch mißfallen.

*

Wenn einer auch sich überschätzt,
Die Sterne kann er nicht erreichen;
Zu tief wird er herabgesetzt,
Da ist denn alles bald im Gleichen.

*

Fahrt nur fort, nach eurer Weise
Die Welt zu überspinnen!
Ich in meinem lebendigen Kreise
Weiß das Leben zu gewinnen.

*

Mir will das kranke Zeug nicht munden,
Autoren sollten erst gesunden.

*

Zeig ich die Fehler des Geschlechts,
So heißt es: Tue selbst was Rechts.

*

»Du Kräftiger, sei nicht so still,
Wenn auch sich andere scheuen.«
Wer den Teufel erschrecken will,
Der muß laut schreien.

*

 

Hiob

Ihr wollet meiner spotten:
Denn, ist der Fisch gesotten,
Was hilft es, daß die Quelle fließt!

*

Was willst du mit den alten Tröpfen?
Es sind Knöpfe, die nicht mehr knöpfen.

*

Lass im Irrtum sie gebettet,
Suche weislich zu entfliehn;
Bist ins Freie du gerettet,
Niemand sollst du nach dir ziehn.

Über alles, was begegnet,
Froh, mit reinem Jugendsinn,
Sei belehrt, es sei gesegnet!
Und das bleibe dir Gewinn.

*

Ins Sichere willst du dich betten!
Ich liebe mir inneren Streit:
Denn, wenn wir die Zweifel nicht hätten,
Wo wäre denn frohe Gewißheit?

*

»Was willst du, daß von deiner Gesinnung
Man dir nach ins Ewige sende?«
Er gehörte zu keiner Innung,
Blieb Liebhaber bis ans Ende.

*

»Triebst du doch bald dies, bald das!
War es ernstlich, war es Spaß?«
Daß ich redlich mich beflissen,
Was auch werde, Gott mags wissen.

*

Doch zu dem Selbst-Verständnis
Ist auch wohl noch ein Rat:
Nach fröhlichem Erkenntnis
Erfolge rasche Tat.

*

Und wenn die Tat bisweilen
Ganz etwas anders bringt,
So laßt uns das ereilen,
Was unverhofft gelingt.

*

Wie ihr denkt oder denken sollt,
Geht mich nichts an;
Was ihr Guten, ihr Besten wollt,
Hab ich zum Teil getan.
Viel übrig bleibt zu tun,
Möge nur keiner lässig ruhn! –
Was ich sag, ist Bekenntnis
Zu meinem und eurem Verständnis.
Die Welt wird täglich breiter und größer,
So machts denn auch vollkommner und besser!
Besser sollt es heißen und vollkommner;
So sei denn jeder ein Willkommner.

*

Wie das Gestirn,
Ohne Hast,
Aber ohne Rast,
Drehe sich jeder
Um die eigne Last.

*

Ich bin so guter Dinge,
So heiter und rein,
Und wenn ich einen Fehler beginge,
Könnts keiner sein.

*

Das mag für lustige Jungen gehn;
Wir aber lassen es wohl beim alten,
Den Kopf wo möglich oben zu halten.

*

Die Deutschen sind ein gut Geschlecht,
Ein jeder sagt: Will nur, was recht;
Recht aber soll vorzüglich heißen,
Was ich und meine Gevattern preisen;
Das übrige ist ein weitläufig Ding,
Das schätz ich lieber gleich gering.

*

Ich habe gar nichts gegen die Menge;
Doch kommt sie einmal ins Gedränge,
So ruft sie, um den Teufel zu bannen,
Gewiß die Schelme, die Tyrannen.

*

Seit sechzig Jahren seh ich gröblich irren
Und irre derb mit drein;
Da Labyrinthe nun das Labyrinth verwirren,
Wo soll euch Ariadne sein?

*

»Wie weit soll das noch gehn!
Du fällst gar oft ins Abstruse,
Wir können dich nicht verstehn.«
Deshalb tu ich Buße;
Das gehört zu den Sünden.
Seht mich an als Propheten!
Viel Denken, mehr Empfinden
Und wenig Reden.

*

Was ich sagen wollt:
Verbietet mir keine Zensur!
Sagt verständig immer nur,
Was jedem frommt,
Was ihr und andere sollt;
Da kommt,
Ich versichr euch, so viel zur Sprache,
Was uns beschäftigt auf lange Tage.

*

O Freiheit süß der Presse!
Nun sind wir endlich froh;
Sie pocht von Messe zu Messe
In dulci jubilo.
Kommt, laßt uns alles drucken
Und walten für und für;
Nur sollte keiner mucken,
Der nicht so denkt wie wir.

*

Was euch die heilige Preßfreiheit
Für Frommen, Vorteil und Früchte beut?
Davon habt ihr gewisse Erscheinung:
Tiefe Verachtung öffentlicher Meinung.

*

Nicht jeder kann alles ertragen:
Der weicht diesem, der jenem aus;
Warum soll ich nicht sagen:
Die indischen Götzen, die sind mir ein Graus ?

Nichts schrecklicher kann den Menschen geschehn,
Als das Absurde verkörpert zu sehn.

*

Dummes Zeug kann man viel reden,
Kann es auch schreiben,
Wird weder Leib noch Seele töten,
Es wird alles beim alten bleiben.
Dummes aber vors Auge gestellt
Hat ein magisches Recht:
Weil es die Sinne gefesselt hält,
Bleibt der Geist ein Knecht.

*

Auch diese will ich nicht verschonen,
Die tollen Höhl-Exkavationen,
Das düstre Troglodyten-Gewühl,
Mit Schnauz und Rüssel ein albern Spiel;
Verrückte Zierat-Brauerei,
Es ist eine saubre Bauerei.
Nehme sie niemand zum Exempel,
Die Elefanten- und Fratzen-Tempel!
Mit heiligen Grillen treiben sie Spott,
Man fühlt weder Natur noch Gott.

*

Auf ewig hab ich sie vertrieben,
Vielköpfige Götter trifft mein Bann,
So Wischnu, Kama, Brahma, Schiven,
Sogar den Affen Hannemann.
Nun soll am Nil ich mir gefallen,
Hundsköpfige Götter heißen groß:
O, war ich doch aus meinen Hallen
Auch Isis und Osiris los!

*

Ihr guten Dichter ihr,
Seid nur in Zeiten zahm!
Sie machen Shakespeare
Auch noch am Ende lahm.

*

Im Auslegen seid frisch und munter!
Legt ihrs nicht aus, so legt was unter.

*

Was dem einen widerfährt,
Widerfährt dem andern;
Niemand wäre so gelehrt,
Der nicht sollte wandern.

Und ein armer Teufel kommt
Auch von Stell zu Stelle;
Frauen wissen, was ihm frommt,
Welle folgt der Welle.

*

»Ich zieh ins Feld!
Wie machts der Held?«
Vor der Schlacht hochherzig,
Ist sie gewonnen, barmherzig,
Mit hübschen Kindern liebherzig;
Wär ich Soldat,
Das wär mein Rat.

*

»Gib eine Norm zur Bürger-Führung!«
Hienieden,
Im Frieden,
Kehre jeder vor seiner Türe;
Bekriegt,
Besiegt,
Vertrage man sich mit der Einquartierung.

*

Wenn der Jüngling absurd ist,
Fällt er darüber in lange Pein;
Der Alte soll nicht absurd sein,
Weil das Leben ihm kurz ist.

*

»Was hast du uns absurd genannt!
Absurd allein ist der Pedant.«

*

Will ich euch aber Pedanten benennen,
Da muß ich mich erst besinnen können.

*

Titius, Cajus, die wohl Bekannten! –
Doch wenn ichs recht beim Licht besah,
Einer steht dem andern so nah,
Am Ende sind wir alle Pedanten.

*

Das mach ich mir denn zum reichen Gewinn,
Daß ich getrost ein Pedante bin.

*

Tust deine Sache und tust sie recht,
Halt fest und ehre deinen Orden;
Hältst du aber die andern für schlecht,
So bist du selbst ein Pedant geworden.

*

Wie einer denkt, ist einerlei,
Was einer tut, ist zweierlei;
Macht ers gut, so ist es recht;
Gerät es nicht, so bleibt es schlecht.

*

Von Jahren zu Jahren
Muß man viel Fremdes erfahren;
Du trachte, wie du lebst und leibst,
Daß du nur immer derselbe bleibst.

*

Wenn ich kennte den Weg des Herrn,
Ich ging' ihn wahrhaftig gar zu gern;
Führte man mich in der Wahrheit Haus,
Bei Gott! ich ging' nicht wieder heraus.

*

»Sei deinen Worten Lob und Ehre!
Wir sehn, daß du ein Erfahrner bist.«
Sieht aus, als wenn es von gestern wäre,
Weil es von heut ist.

*

Das Beste möcht ich euch vertrauen:
Sollt erst in eignen Spiegel schauen.

*

Seid ihr, wie schön geputzte Braut,
Bei diesem Anblick froh geblieben,
Fragt: ob ihr alles, was ihr schaut,
Mit redlichem Gesicht mögt lieben.

*

Habt ihr gelogen in Wort und Schrift,
Andern ist es und euch ein Gift.

*

X hat sich nie des Wahren beflissen,
Im Widerspruche fand ers;
Nun glaubt er alles besser zu wissen,
Und weiß es nur anders.

*

»Du hast nicht recht!« Das mag wohl sein;
Doch das zu sagen, ist klein;
Habe mehr recht als ich! das wird was sein.

*

Da kommen sie von verschiedenen Seiten,
Nord, Ost, Süd, West und anderen Weiten,
Und klagen diesen und jenen an:
Er habe nicht ihren Willen getan!
Und was sie dann nicht gelten lassen,
Das sollen die übrigen gleichfalls hassen.
Warum ich aber mich Alter betrübe?
Daß man nicht liebt – was ich liebe.

*

Und doch bleibt was Liebes immer,
So im Reden, so im Denken;
Wie wir schöne Frauenzimmer
Mehr als garstige beschenken.

*

 

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