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Gedichte

Carl Spitteler: Gedichte - Kapitel 2
Quellenangabe
titleGedichte
authorCarl Spitteler
typepoem
created20030509
publisherArtemis Verlag
senderprof.dienstbach@web.de
modified20170929
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Die drei Rekruten

              Bei strömendem Regen im Biwuak
Kampierten drei müde Rekruten.
Sie legten den Kopf auf den Mantelsack
Und zogen den Hals in die Kutten

Der Regen rauschte, sie merktens kaum,
Und sachte, vom Wunsch zum Gedanken
Begann in Bälde ein tröstlicher Traum
Vor ihren Augen zu schwanken.

Sie meinten in ihrer Phantasei,
Als wären sie schon Generäle,
Im Schlachtengetümmel und Feldgeschrei
Diktierend die barschen Befehle.

Gemeinsam dünkte den dreien vereint,
Man wolle sie überflügeln
Und unerschöpflich flute der Feind
Herab von den mörderischen Hügeln.

Und Adjutanten kämen gesprengt,
Bleichwangig, umblitzt von Granaten:
»Wir sind umzingelt und eingezwängt.
Man meutert. Man wähnt sich verraten.«

Da sprach der erste: »Ich hab einen Kern
Von Jägern und von Husaren.
Der Teufel ist ledig und Hilfe ist fern,
Jetzt gilt es, die Ehre zu wahren.«

Ingrimmig faßt er den Säbelknauf,
Ermahnte zur Pflicht und zur Ehre,
Dann vorwärts ging es in rasendem Lauf,
Als ob es der Sturmwind wäre.

Aus tausend Schlünden zischte der Tod,
Sie grüßten ihn ohne Bangen;
Die meisten färbten den Boden rot,
Er fiel und wurde gefangen.

Bewundernd pflegt ihn der edle Feind
Und schenkt ihm den rühmlichen Degen.
Er hatte seit Jahren nie geweint,
Jetzt spürt er im Auge sichs regen

Der zweite sprach: »Ich habe zur Hand
Ein Häuflein von Veteranen,
Ergeben Gott und dem Vaterland,
Gehorsam dem Winke der Fahnen.«

Rasch formt er das Viereck zum letzten Stoß.
»Brüder«, begann er begeistert,
»Gott ist uns dawider, der Feind ist zu groß,
Der Tod nur wird niemals bemeistert.

Heut heißt es bekunden, was einer wert,
Und ob den Vätern wir gleichen.
Wir kämpfen, so lange der Atem währt,
Und hemmen den Durchpaß als Leichen.«

»Hurra!« erscholl es wie Donnergebraus.
Dann rückten sie mit Gesange
Langsam aus dem schirmenden Hohlweg hinaus
Zum heiligen Todesgange.

Und als am Abend nach bitterem Streit
Man sah nach den Toten und Wunden,
Da ward von dem Samaritergeleit
Ein schaurig Schauspiel gefunden.

Zu Bergen starrte die tapfere Schar,
Leichnam auf Leichnam geschichtet,
Im Toden noch boten Trotz sie dar,
Das Antlitz feindwärts gerichtet.

Und Freund und Gegner entblößten sich stumm
Vor des Anblicks grausiger Schöne,
Und flüsternd gings in den Reihen um:
»Hier schaut man Heldensöhne.«

Doch der dritte schweigend die Karte las
Auf der Brüstung der Kirchhofmauer.
Mitunter hob er das Augenglas
Und nahm den Feind auf die Lauer.

Er spähte nach rechts und spähte nach links,
Die Augen funkelnd vor Tücke.
Wahrhaftig entdeckt er plötzlicherdings
Im Ring die erlösende Lücke.

Und eh einer wußte, wie das geschah,
Hatt er flugs in die Bresche geschmissen
Die Reserven alle von fern und nah
Und dem Feinde die Walstatt entrissen.

Der Regen plätscherte nach wie vor.
Da stieg auf verborgenen Stegen
Gewappnet ein riesiger Geist empor
Und schwebte heran durch den Regen.

Er nickte dem letzten: »Herr General,
Wir lernen uns näher kennen.
Ob früher, ob später, es wird einmal
Der Ruhm deinen Namen nennen.

Ihr andern beide, merkt euch den Satz:
Entschlagt euch das Oberbefehlen.
In jeglichem Regimente ist Platz
Für mutige Fähndrichsseelen.

Pflicht, Ehre, Begeisterung geb ich euch feil,
Sich bescheidend im Unterliegen.
Generäle brauch ich im Gegenteil,
Die nicht vergessen zu siegen.«

 


 

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