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Johann Gabriel Seidl: Gedichte - Kapitel 69
Quellenangabe
titleGedichte
booktitleAusgewählte Werke in vier Bänden - Zweiter Band
authorJohann Gabriel Seidl
editorDr. Wolfgang von Wurzbach
yearca. 1905
publisherMax Hesses Verlag
addressLeipzig
created20061215
sendergerd.bouillon
typepoem
modified20170929
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Waldsalon

                    Hinaus in deine Räume, frischer Wald,
Tret' ich, das Herz erfüllt von Überdruß.
Ha wie es mir entgegendampft und wallt,
Das nenn' ich wahren Freundesgruß und Kuß!

Das ist ein Kreis, wie er mir wohlgefällt,
Wo die Natur ihr Wort zu sprechen hat,
Wo keine Ziererei die Luft vergällt,
Kein Schein sich eindrängt an der Wahrheit Statt.

Wie stehn die alten Eichen würdevoll,
Nicht übertüncht den grauen Greisenbart,
Nein – ernst und kräftig, wie's das Alter soll,
Daß Jugend sich erbau' an dessen Art.

In ihren Zweigen rauscht's wie Bardenlied,
Des Waldes Ossiane stehn sie da,
Und lispelnd durch die Blätterharfen zieht
Der Geist der Zeit, die unsre Ahnen sah.

Und schlanke junge Tannen reihn sich dran,
Kraftjünglingen vergleichbar, edelstolz,
Und streben, markig, frisch, zum Himmel an,
Nicht so, wie unsre Jugend, faules Holz.

Doch friedsam und bescheiden senken sie
Die Arme nieder wie zum Schutz bereit
Für alles, was in bunter Harmonie
Sich um sie drängt voll Lieb' und Herzlichkeit.

Das ist der Blumen zartes Volk, das mild
Wie Fraun und Jungfräulein im Grünen lauscht,
Und Anmut hauchend auf das ernste Bild
Sich kosend neigt und flüsternd Reden tauscht.

Das wirft den Blick nicht lüstern frech umher,
Das rast nicht wild im Walzerrausch dahin,
Das summt nicht mit Geschwätz den Kopf uns schwer,
Aus frommen Augen atmet's hohen Sinn.

Und auch an Dichtern fehlt's im Kreise nicht;–
Zwar ist's kein selbstgefäll'ger Singetee,
Wo eitle Halbheit in Orakeln spricht,
Wo Bleichsucht auskramt ihr erheuchelt Weh;

Wo man aus unterdrücktem Gähnen weint,
Genüsse leidet und aus leerer Brust,
Wenn endlich die Erlösungsstund' erscheint,
Sich seufzend zuruft: »Heut' gab's eine Lust!«

Ja auch an Dichtern fehlt's dem Kreise nicht:
Das sind gar muntere Gesellen, frei
Wie Gottes Luft und klar wie Gottes Licht,
Bei aller Kunst doch der Natur so treu.

Brav, Meister Fink, – das nenn' ich mir ein Lied!
Aus welcher Schule? süddeutsch oder nord?
Schön, Nachtigall, wie's dir die Seele zieht! –
Nun fass' ich's, das sind – Lieder ohne Wort.

Und was dort aus der Quelle rieselnd klingt,
Ist's flüssige Musik? ein Elfenchor? –
Kein Meister, der die Tasten herrschend zwingt,
Ruft solchen Ton durch seine Kunst hervor.

Und alles – alles paßt mir da so gut,
Und alles – alles dünkt mich da so traut,
Mein Aug' wird heiter, ruhig wird mein Blut,
Und Fried' ist's, was auf mich herniedertaut.

Darum, du lieber Kreis, o nimm mich auf,
Schließ fest, recht fest mich in dein Dunkel ein,
Verbirg mich vor der Welt und ihrem Lauf:
Ich will ja nicht von ihr gefunden sein!

 


 

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