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Johann Gabriel Seidl: Gedichte - Kapitel 4
Quellenangabe
titleGedichte
booktitleAusgewählte Werke in vier Bänden - Zweiter Band
authorJohann Gabriel Seidl
editorDr. Wolfgang von Wurzbach
yearca. 1905
publisherMax Hesses Verlag
addressLeipzig
created20061215
sendergerd.bouillon
typepoem
modified20170929
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Am Fenster

          Ihr lieben Mauern, still und traut,
Die ihr mich kühl umschließt,
Und silberglänzend niederschaut,
Wann droben Vollmond ist,
Ihr saht mich einst so traurig da,
Mein Haupt auf schlaffer Hand,
Als ich in mir allein mich sah,
Und niemand mich verstand!

Jetzt brach ein andres Licht heran,
Die Trauerzeit ist um,
Und manche ziehn mit mir die Bahn
Durchs Lebensheiligtum;
Sie raubt der Zufall ewig nie
Aus meinem treuen Sinn:
In tiefster Seele trag ich sie,
Da reicht kein Zufall hin.

Du Mauer, wähnst mich trüb wie einst,
Das ist die stille Freud';
Wenn du vom Mondlicht widerscheinst,
Wird mir die Brust so weit.
An jedem Fenster wähn' ich dann
Ein Freundeshaupt, gesenkt,
Das auch so schaut zum Himmel an
Und auch so meiner denkt!

 


 

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