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Johann Gabriel Seidl: Gedichte - Kapitel 39
Quellenangabe
titleGedichte
booktitleAusgewählte Werke in vier Bänden - Zweiter Band
authorJohann Gabriel Seidl
editorDr. Wolfgang von Wurzbach
yearca. 1905
publisherMax Hesses Verlag
addressLeipzig
created20061215
sendergerd.bouillon
typepoem
modified20170929
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Die korinthische Säule

              Kallimachos, der Bildner, steht vorm Grabe,
    So der Geliebten teuren Rest umschließt:
Verew'gen möcht' er's, doch die ganze Gabe
    Wird eine Träne, die drauf niederfließt.
Kein Meißel kann's in Steingebilde prägen,
Kein Sänger kann's in seine Lieder legen,
    Was ihm die Brust beenget und durchwallt: –
    Für solche Glut ist diese Welt zu kalt.

Er schaut und glaubt begeistert zu verspüren,
    Ein Grab, das solchen Liebreiz inne hält,
Müss' an sich selbst ein leuchtend Merkmal führen,
    Verewigend für aller Enkel Welt.
Drum hängt sein Aug' am teuren Grabessteine;
Bedeutungsvoll erscheint ihm nun das Kleine;
    Und was an Schmuck der Zufall hergeliehn,
    Ein heil'ger Wink zur Feier deucht es ihn.

Es ruht das Grab auf einem Blumenhügel,
    Umarmt von üppig blühendem Akanth;
Darauf ein Korb, des Waltens treuer Spiegel,
    Wobei die Ruhnde sich einst heimisch fand;
Was ihr ein wertes Kleinod hieß im Leben,
Hat ihr die Liebe drinnen mitgegeben:
    Und auf des Korbes kleiner Mündung ruht,
    Beschwichtigend, ein Ziegelstein zur Hut.

Doch der Akanthos kann vom Blühn nicht lassen;
    Neugierig streckt er sich zum Korb empor,
Und krümmt zum Kranz die zack'gen Blättermassen,
    Daraus die Blüte ringelnd blickt hervor;
So sinnig hat Natur dies Werk erfunden,
Das, – wie zum Sinnbild deutungsreich verbunden, –
    Des Bildners Seele nimmt begeisternd ein,
    Zu seiner Liebe Denkmal es zu weihn.

Und um das Grab erhöht er kühne Säulen,
    Noch nie geschaut nach eigner Schöpfungskraft;
Gefühl und Pracht umgibt, zu gleichen Teilen,
    Den schönen Fuß und faltenreichen Schaft;
Doch wie die Jungfrau herrlich fleht im Leben,
Mit schlankem Wuchs, ihr Haupt vom Kranz umgeben,
    So hebt die schlanke Tempelsäul' ihr Haupt,
    Mit üppig blühendem Akanth umlaubt.

Und wie ums Körbchen dort die Blüt' am Grabe,
    So rankt sie hier, dreischichtig um den Knauf:
Und wie am Grabstein auf der teuren Gabe,
    So ruhet hier ein Ziegel obenauf. –
Aus solchem Born ist solch ein Werk entsprungen;
Daß – durch Jahrtausende noch nicht verklungen –
    Fort lebet der Korinthersäule Ruf,
    Wie sie der Lieb' allmächt'ger Geist erschuf!

 


 

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