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Johann Gabriel Seidl: Gedichte - Kapitel 28
Quellenangabe
titleGedichte
booktitleAusgewählte Werke in vier Bänden - Zweiter Band
authorJohann Gabriel Seidl
editorDr. Wolfgang von Wurzbach
yearca. 1905
publisherMax Hesses Verlag
addressLeipzig
created20061215
sendergerd.bouillon
typepoem
modified20170929
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Silversternacht

(1845)

             

Als einst aus meiner Heimat Auen,
Wo manches Freundesherz mir schlug,
Mein Schicksal mich zu fremden Menschen
In einem fremden Lande trug;
Als ich mir dort, was hier mir grünte,
Ein Freundeskleeblatt, das mich liebt,
Vom Keim erst wieder sollt' erziehen,
Da war mein Herz oft tiefbetrübt.

Des ersten Jahres Scheideabend
Sah ich mit banger Ahnung nahn
Den Abend, den wir sonst zu fünfen,
Dann – ach! zu vieren dämmern sahn;
Und nun am häuslich stillen Herde
Allein, zum erstenmal allein, –
Schwermütig blickt' ich durch die Scheiben
Empor zum klaren Sternenschein.

Da glänzt' ein Sternbild mir entgegen,
Der Wagen war's, ich kannt' ihn wohl,
Der Wagen, den wir uns erkoren
Als Einungszeichen und Symbol,
Der Wagen war's, – und meine Seele
Schwang sehnend sich zu ihm empor; –
Da war's, als flüstert' eine Stimme
Mir milde Trosteswort' ins Ohr.

Ich wandte mich, und süß erschrocken
Sah ich ein himmlisch Weib vor mir.
»Hast du denn meiner ganz vergessen?
Ich,« sprach sie, »finde dich auch hier!
Komm, wein dich aus an meinem Busen,
Erheitre dich an meinem Blick:
Was dir die Wirklichkeit entrissen,
Die Dichtung gibt es dir zurück!« –

Und leise bei der Hand mich fassend,
Führt sie zum kleinen Tisch mich jetzt,
Da steht ein Glas, da dampft die Bowle,
Doch sind drei Stühle nicht besetzt;
Jetzt aber fährt mit leisem Finger
Sie schmeichelnd übers Auge mir,
Und sieh, – die teuren, schwer vermißten,
Sie sind erschienen, sie sind hier!

Entstiegen sie des Bildes Rahmen,
Hat sie der Wagen mir gebracht –?
Ich weiß es nicht, – sie sind's, sie halten,
Wie sonst, mit mir Silvesternacht;
Ich stoße freudig an mit ihnen,
Ich finde sie noch treu und wahr,
Und übertrag', in süßer Täuschung,
Die alte Lieb' ins neue Jahr. –

Und also kam die Muse jährlich
Zur selben Stund' in jener Nacht,
Und so hat sie mir freundlich immer
Die Trennung fast zum Wahn gemacht. –
Da rief in meine Heimat wieder
Nach Jahren mich zurück mein Stern;
Voll Hoffnung war ich heimgezogen,
Doch – scheint's – die Muse blieb mir fern.

Erschrickt sie, als ein Kind des Lebens,
Vorm alten Kram, der mich umschließt?
Erschrickt sie vor schon grauen Haaren –?
Ich fühl's nur, daß sie kälter ist.
Fast kränken könnte mich die Kälte,
Wär' andrer Trost mir nicht bereit:
Weil mich die Poesie will meiden,
Naht wieder mir – die Wirklichkeit!

Jetzt faßt mich diese bei den Händen,
Zum Tische führt mich diese jetzt;
Da steht das Glas, die Bowle dampfet,
Und alle Stühle sind – besetzt;
Ja, weiter ist der Kreis geworden,
Und wer sonst sprach für sich allein,
Der stimmt nun ein vervielfacht Leben,
Für sich und seine Lieben ein.

Drum grüß' ich freudig diese Stunde,
Sie läßt mich heiter vorwärts schaun,
Sie gibt, nach manchem Kampf des Zweifels,
Mir wieder mutiges Vertraun.
Mit Unrecht nannte der vom Himmel
Verkürzt sich oder ungeliebt,
Dem Dichtung noch Ersatz – für Wahrheit,
Wahrheit Ersatz – für Dichtung gibt.

 


 

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