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Johann Gabriel Seidl: Gedichte - Kapitel 22
Quellenangabe
titleGedichte
booktitleAusgewählte Werke in vier Bänden - Zweiter Band
authorJohann Gabriel Seidl
editorDr. Wolfgang von Wurzbach
yearca. 1905
publisherMax Hesses Verlag
addressLeipzig
created20061215
sendergerd.bouillon
typepoem
modified20170929
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Nachtgesang im Walde

        Sei uns stets gegrüßt, o Nacht!
Aber doppelt hier im Wald,
Wo dein Aug' verstohlner lacht,
Wo dein Fußtritt leiser hallt!

Auf der Zweige Laubpokale
Gießest du dein Silber aus,
Hängst den Mond mit seinem Strahle
Uns als Lamp' ins Blätterhaus.

Säuselnde Lüftchen sind deine Reden,
Spinnende Strahlen sind deine Fäden;
Was nur dein Mund beschwichtigend traf,
Senket das Aug' und sinket in Schlaf.

Und doch – es ist zum Schlafen zu schön:
Drum auf! und weckt mit Hörnergetön,
Mit hellerer Klänge Wellenschlag,
Was frühbetäubt in Schlummer lag!

            Auf! Auf! –
    Es regt in den Lauben
    Des Waldes sich schon,
    Die Vöglein, sie glauben,
    Die Nacht sei entflohn;
    Die wandernden Rehe
    Verlieren sich zag,
    Sie wähnen, es gehe
    Schon bald an den Tag.

    Die Wipfel des Waldes
    Erbrausen mit Macht;
    Vom Quell her erschallt es,
    Als wär' er erwacht!

    Und rufen wir im Sange:
    »Die Nacht ist im Walde daheim,«
    So ruft auch Echo lange;
    »Im Walde daheim – daheim!«

    Drum sei uns doppelt hier im Wald
    Gegrüßt, o holde Nacht!
    Wo alles, was dich schön uns malt,
    Uns noch weit schöner lacht!

 


 

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