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Christian Schubart: Gedichte - Kapitel 5
Quellenangabe
titleGedichte
authorChristian Friedrich Daniel Schubart
typepoem
sendererich.adler@abc.de
created20020622
modified20170929
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An Gott

          Gott, wenn ich dich als Weltenschöpfer denke,
Am Meere steh', das deiner Faust entrann,
Und staunend mich hinuntersenke
In diesen Ocean;

Dann fühl' ich tief der engen Menschheit Schranken –
Wirst du mein Geist in Strudeln untergehn?
Wird die zertrümmerten Gedanken
Dein Sturmwind Gott verwehn?

Denk' ich die Myriaden Geister alle,
Die deine Hand aus Duft und Feuer hob,
Und hör', wie großer Donner Halle
Aus ihrem Mund dein Lob;

Und seh' die Sonnenmassen, die, wie Funken,
Auf dein Gebot in fürchterlicher Pracht
Des Lichtthrons letzter Stuf' entsunken,
Zu leuchten unsrer Nacht;

Seh' zittern auf dem Meere Regenbogen,
Und deinen Mond in stiller Majestät,
Wie er auf den bezähmten Wogen
Ein Feuerpfeiler steht;

Und seh' dich wandeln mit dein Eichenwipfel,
Und segentriefend schreiten auf der Au',
Und leuchten auf der Berge Gipfel
Und schimmern in dein Thau;

Denk' deiner Bildungen zahllose Heere
In tausendfach veränderter Gestalt,
Die Ungeheuer in dem Meere,
Die Bestien im Wald;

Und seh' des Wetters schwarze' Wolkehhülle
Und hör' die Stürme, heulend aus der Kluft;
und hör' des Donners Schreckgebrülle,
Der laut Jehovah! – ruft;

Und den' die feuerathmenden Vesuve,
Fühl' Erdenschau'r, von schneller Angst gepreßt,
Hör' kriegerischer Rosse Hufe,
Und seh' den Flug der Pest;

Seh', wie dein Arm hinwegwirft leichtre Ruthen,
Und grimmiger nach unsrem Erdball greift,
Ihn schüttelt, bis in schwarzen Fluthen
Die Sünderwelt ersäuft:

Und denk' ich dich des letzten Tages Richter,
Der Frevler all im Sturm zusammentreibt
Ausbläst des hohen Himmels Lichter,
Und unsern Ball zerreibt;

Dann die Empörer mit der hohen Rechte
Hinunterschleudert in der Höllen Gluth,
Daß durch ehtsetzenvolle Nächte
Sie brüllen ihre Wuth:

Dann sink' ich in die tiefste Tiefe, bebe
Durch alle Glieder; Schrecken packt den Geist;
Es tobt mein Herz, daß das Gewebe
Der Adern schier zerreißt.

Ich Staubgemächt, ich Wurm, bestimmt zum Grabe,
Mit diesem Theilchen Himmelsluft in mir,
Der ich so viel gesündigt habe,
Was bin ich, Gott, vor dir?

Vor dir, vor dir, du Schrecklicher, du Großer,
Du ewig Unerreichbarer von mir!
Jehovah! Schöpfer! Namenloser!
Was bin ich Wurm vor dir?

Doch hör' ich den, den alle Welten kennen,
Hör' deinen Sohn den Brüdern sagen: Wißt!
Ihr sollt den euren Vater nennen,
Der euer Schöpfer ist;

Seh' diesen Sohn, der Menschheit an der Spitze,
Wie er hinabstirbt seinen großen Tod,
Wo er für uns sein Haupt dem Blitze
Des Sündenrächers bot:

Dann zittr' ich auf vor Wonn' aus meinem Staube;
Blick' hin zu Gott mit heiterm Angesicht,
Und hör' es, wie in mir der Glaube
Sein Abba, Abba! spricht.

O! dessen Arme väterlich umfassen
Den Staub, den er aus Nächten kommen hieß,
Mich, Vater, solltest du verlassen,
Den alle Welt verließ?

Solltst mich nicht sehen auf dem Kerkerboden?
Nicht sehn die graue Thrän' im Staub?
Wegwerfen mich, wie einen Todten,
Der Geier-Wuth zum Raub?

Das thust du nicht, erbarmungsvolles Wesen!
So lang dein Geist in meinem Herzen spricht:
Wenn Mütter ihres Sohns vergäßen,
Vergäß' ich deiner nicht.

 


 

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