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Christian Schubart: Gedichte - Kapitel 36
Quellenangabe
titleGedichte
authorChristian Friedrich Daniel Schubart
typepoem
sendererich.adler@abc.de
created20020622
modified20170929
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Selmar an seinen Bruder

        O du – wie soll ich dich in meinen Qualen nennen?
Kann ich dich Bruder nennen? – Nein!
Du würdest sonst nicht Bruderblut verkennen
Und gegen mich ein Tiger sey!
Und doch beschwör' ich dich beim süßen Brudernamen!
Sey einmal Mensch, und höre mich!
Sind wir nicht aufgezeugt von Eines Vaters Saamen?
Trug meine Mutter nicht auch dich?
Ach denke dran, und blick in meine Kerkerhöhle,
Entzieh dich meinem Jammer nicht!
Und sieh einmal die Leiden meiner Seele
Im abgezehrten Angesicht!

Sieh diese dünnen, grauen Locken!
Und meiner Wangen Roth verbleicht!
Sieh dieses Aug' von langem Weinen trocken!
Und höre, wie mein Ach aus kranker Lunge keucht!
O, neunzehn bange Jahre leiden!
In menschenloser Einsamkeit
Vertrocknen zum Gefühl der Freuden;
Ist eine fürchterliche Zeit! –

Was hab' ich denn gethan? Sprich! Bin ich ein Rebelle,
Der mit gehobner Faust sein Vaterland verheert?
Bin ich ein Gottesfeind? Ein schwarzer Sohn der Hölle?
Hab' ich Religion und Wissenschaft entehrt?
Lebt' ich zur Schande unsers Adels?
War ich ein Sklav der niedern Sinnlichkeit?
War ich mit Recht der Vorwurf deines Tadels?
Und hab' ich je die Bruderpflicht entweiht?
Floß falsches Blut aus tückisch bösem Herzen?
War ich ein Heuchler feig und schlimm?
Empfand ich statt des Mitleids sanften Schmerzen
Des Misanthropen schwarzen Grimm?
O Bruder, nein! – zu laut zeugt mein Gewissen;
Ich kenne diese Frevel nicht.

Was unser Bruderband – dies heilige Band zerrissen,
War Leichtsinn – nicht verletzte Pflicht.

Wenn Traubengold im Krystallglase blinkte,
So trank ich oft – vielleicht ein Glas zu viel;
Und wenn die Liebe mir aus blauen Augen winkte;
So war ich nie ein Klotz, ein Hasser vom Gefühl.

Oft griff ich auch dem Trotzer an die Kehle,
Von jugendlichem Muth belebt,
Denn Feigheit haßte meine Seele,
Und weibisch hat sie nie gebebt.

Doch sprich! sind dies so schreckliche Verbrechen,
Die du an mir mit grausamem Verlust
Der Freiheit und des Lebens rächen,
Ach, so unendlich rächen mußt!

Sind neunzehn Jahre voller Kummer,
Zum Jammerberge aufgehäuft,
Sind Schauernächte ohne Schlummer,
Ein Bett mit Thränenfluth beträuft;

Sind Klagen, die um schwarze Wände fliegen,
Ist langsamer verbißner Gram;
Sind Seufzer, die der Brust entstiegen,
Seit deine Wuth mir alles nahm;

Sind dies die Strafen meiner Fehler?
Ist Leichtsinn solcher Qualen werth?
Und bist du selbst der fürchterliche Qualen,
Der, wie ein Geier, sich von meiner Leber nährt?

O Bruder glaub's, denn Gott hat's ausgesprochen!
Unmenschlichkeit – ist mehr, als meine Schuld;
Mit Donnern hat er oft den Bruderhaß gerochen,
Und Leichtsinn trug er meist mit schonender Geduld.

Und dennoch zweifelst du, dein hartes Herz zu zeigen,
Ob Reu' und Buße möglich sey?
Läßt deinen Bruderhaß zum höchsten. Gipfel steigen
Und spottest meiner Sklaverei.

Ja wäre Gottes Herz von deiner Eisenhärte,
So nähm' er nicht die Sünder an;
Er drohte nur mit seinem Flammenschwerte,
Und würgte, weil er würgen kann.

Doch ach, was klag' ich? – Meine Klagen
Sind doch umsonst! sie prallen ab von dir,
Wie Wellen sich an rauhen Klippen schlagen;
So hart und grausam bist du mir! –
O ist's dir möglich – so erbarme
Dich über meine lange Noth!
Beut mir dein Herz und deine Bruderarme,
Und komm, entreisse mich dem Kerkertod!

Ach laß mich Gottes freie Lüfte
Doch einmal wieder in mich ziehn,
Einathmen süße Frühlingsdüfte
Und an der Brust des Freundes wieder glühn.
Erlaube mir die letzten Reste
Des kurzen Lebens frei zu seyn;
Hol mich herab von meiner Veste,
Der langen Zeugin meiner Pein!
Laß mich einmal in jenem Grabe modern,
Wo unser Vater, unsre Mutter ruht!
Sonst wird dereinst ihr Schatten von dir fodern
Des Sohnes und des Bruders Blut!
Ach lern einmal des Mitleids Wonne schmecken!
Sey Bruder, und erbarme dich.
Doch sollen länger mich des Kerkers Qualen schrecken,
So schwinge deinen Dolch, und komm und tödte mich.

Dann bin ich doch einmal der langen Pein entrissen,
Der bangen, schreckenvollen Pein;
Denn, ach! das Glück der goldnen Freiheit missen,
Heißt mehr als todt, heißt ein Verdammter seyn.

 


 

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