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Christian Schubart: Gedichte - Kapitel 29
Quellenangabe
titleGedichte
authorChristian Friedrich Daniel Schubart
typepoem
sendererich.adler@abc.de
created20020622
modified20170929
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Neujahrswunsch

Auf dem Münster 1776

            Schau hinab, o Gott, auf deine Erde,
Sieh der Menschen ängstliches Gewühl.
Ach, da gibt's, du weißt's ja, viel Beschwerde,
Und des Stoffs zu Thränen gibt es viel.

Christen gibt es – die sich scheun zu sagen
Daß sie Christus, daß sie Gottes sind;
Weise gibt es, die die Thoren tragen,
Und mit ihren Seufzern spielt der Wind.

Tugendhafte – die den Strom der Laster
Fürchterlich vorüberziehen sehn
Auf dem Strome segelt ein verhaßter
Wütherich, taub zu der Menschheit Flehn.

Greise – die mit dünnen weißen Haaren,
Mit des Fluches schrecklichem Gewicht
Ach hinunter in die Grube fahren,
Denn ihr Enkel ist ein Bösewicht!

Unschuld – die am Todeshügel jammert,
Wo der Vater, wo die Mütter ruht;
Wie sie da das Todtenkreuz umklammert,
Wie sie ächzt: »Ach rettet euer Blut!«

Denn sie scheucht der Lüstling, der zum Raube
Im Gebeinhaus tückisch sich verbirgt:
Wie der Geier, der die fromme Taube
Selbst auf Tempelzinnen niederwürgt.

Patrioten – die am Eichenstamme
Mit gesenktem trübem Blicke stehn:
Ach sie sehn mit unterdrückter Flamme
Deutsche Sitt' und Freiheit untergehn.

Jünglinge – beim dumpfen Traurgeläute
Langsam schreitend zu der schwarzen Gruft,
Um die schönste, edelste der Bräute j
Jammert ihre Klage in die Luft.

Vater! alle diese Menschen unten
Müssen sterben – deine Engel nicht!
Sterben – ach mit heißen offnen Wunden,
Zittern vor Verwesung und Gericht.

Schöpfer! Vater, ach erbarm dich ihrer,
Sieh dies Wimmeln deiner Kinder an;
Alle brauchen Hülfe; sey ihr Führer
Auf des Lebens dornenvoller Bahn.

Sieh, auf dieses Thurmes luft'gen Höhen
Bitt' ich dich mit hoch gehobner Hand:
Wie die Eiche tiefgewurzelt stehen
Laß mein Vaterland, mein Vaterland!

Unsern Kaiser, laß die Fürsten leben
Dir nachahmend – ohne blut'gen Zwist;
Aber laß sie vor dem Donner beben:
Daß du Richter aller Fürsten bist.

Reiß dem Heuchler in der Wahrheit Lichte
Seine schwarze Larve vom Gesicht.
Aber ist die Larve vom Gesichte,
So beschäme – nur verdamm ihn nicht.

Wenn der Wald, wenn Felsen wiederschallen,
FrevIer, deinen Greul und deinen Spott;
O so tönen dieses Tempels Hallen:
»Eine feste Burg ist unser Gott!«

Gib uns Dichter, die von Tugend glühen,
Die, wie Klopstock, von der Ewigkeit
Kühn den Lichtgewebten Vorhang ziehen
Und von Deutscher Biederherzigkeit.

Dient das rasche Feuer kühner Jugend,
Dient die Himmelsflamme – das Genie
Nicht der Wahrheit, nicht der Schönheit, Tugend;
So verlösch' es! so vertilge sie!

Stärk den Müden, der des Lebens Plagen,
Seine Lasten duldet – friedsam still;
Donner sollen den Tyrannen schlagen,
Der des Schweißes Frucht ihm rauben will!

Gib dem Mangel Speise, Trank und Hülle,
Gib den Armen – ach mir bricht das Herz
Gib dem Armen von des Reichen Fülle,
Lindre du des müden Pilgers Schmerz.

O dann wölbt sich ruhig einst der Hügel
Meines Grabes über mir: o Glück!
Laß ich doch, beweht von Gottes Flügel,
Dich, du liebes Vaterland, zurück.

 


 

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