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Christian Schubart: Gedichte - Kapitel 27
Quellenangabe
titleGedichte
authorChristian Friedrich Daniel Schubart
typepoem
sendererich.adler@abc.de
created20020622
modified20170929
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Neujahrslied (2)

        Mit Todesschauer denken wir
Der Jahre schnellen Lauf
Und singen in dem Tempel hier
Ein Lied zu Gott hinauf.

Schnell, wie Gedanken, Schall und Licht,
Flieht hinter uns die Zeit,
Und vor uns drohet ein Gericht
Und eine Ewigkeit.

Und dennoch morden wir die Zeit
Und fürchten nicht den Tod?
Und fürchten nicht die Ewigkeit,
Die unsern Mördern droht?

Wer nicht an Jesum Christurn glaubt,
Und ihn nicht brünstig liebt,
Dem Schöpfer seine Ehre raubt
Und sie Geschöpfen giebt;

Wer wie ein Vieh aus Pfützen säuft,
Im Lasterkothe wühlt;
Wer Sünden wie Gebirge häuft,
Und doch den Berg nicht fühlt;

Und wer mit hündischer Begier
An seinen Gütern zerrt,
Vor einem Lazarus die Thür'
Mit großen Riegeln sperrt;

Wer eine blut'ge Thränenfluth
Aus Wittwenaugen preßt,
Und seinen fetten Wanst vom Blut
Zertretner Waisen mäst't;

Wer aussen wie ein Schaaf gekleidt,
Von innen wölfisch denkt,
Und wer das Glück der Ewigkeit
Für Erdenglück verschenkt;

Wer Brüdern nach dem Leben greift,
Mit Rache angethan;
Wer nur Beleidigungen häuft
Und nicht verzeihen kann;

Wer gähnend seine Pflicht vergißt
Und Zeitvertreibe sucht,
Und wenn die Zeit verflogen ist,
Auf ihre Schwingen flucht;

Wer unreif zu der Ewigkeit
Zum Tode sich nicht schickt:
Das ist der Mörder, der die Zeit
Mit eigner Hand erdrückt.

Sind solche Ungeheuer hier:
Herr, so bekehre sie!
Der ganze Tempel seufzt wie wir:
Ach Herr! bekehre sie.

Wie viele singen heute auf,
Noch unbekehrt und blind,
Die nach vollbrachtem Jahreslauf
Schon Staub und Moder sind.

Wie dunkle Schatten fahren sie
Zur Hölle dann hinab;
Zu der Tyrannin, die noch nie
Die Todten wieder gab.

Drum arme Seele denke heut
Mit Ernst an deinen Tod;
Denn jedes unsrer Jahre schreyt:
Gedenk an deinen Tod!

Zu dir – der seyn wird – ist – und war,
Steig unser Lied hinauf:
Ach Gott, nimm doch in diesem Jahr
Die Toten zu dir auf

Und du, Vertreter, rede laut,
Wenn uns der Richter droht;
Wenn Zorn aus seinem Auge schaut
Und aus der Stirne Tod. –

Geist Gottes, zeige deine Macht,
Wenn uns das Auge bricht.
In einer solchen Mitternacht,
Da brauchen wir ja Licht.

Wie kann der frommen Christenschaar
Der Tod nun schrecklich seyn?
Sie weihen ja das neue Jahr
Mit ihren Thränen ein.

 


 

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