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Christian Schubart: Gedichte - Kapitel 24
Quellenangabe
titleGedichte
authorChristian Friedrich Daniel Schubart
typepoem
sendererich.adler@abc.de
created20020622
modified20170929
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Die Linde

            Warst so schön, breitwipflichter Baum,
Als dir schwollen die Knospen,
Als du Blüthendüfte verhauchtest;
Warst so schön!

Dich umsummt' im Lenzabend der Käfer,
Geflügelte Ameisen schwärmten
Wie Mittagswölkchen, die die Sonne
Versilbert, um deinen Blüthenzweig.

Die Blüthe fiel; da warst du grün
Und stärktest mein Auge,
Das ans falsche Dunkel meines Kerkers
Gewöhnt, blinzt' im Sonnenstrahl.

Und nun bist du halbnackt;
Der Herbststurm blies um deinen Scheitel,
Und deinen Schmuck; die goldnen Blätter
Wälzt nun wogend der Odem des Sturms.

Die schwarzen Aeste starren traurend,
Ihrer Decke beraubt, in die Luft.
Dich flieht der Sperling, denn du bist
Ihm nicht mehr Hülle gegen den Sperber.

Einst knospete ich, o Linde!
Schöner, als du. Trug Blüthen
Des Knaben, des Jünglings, die süßer
Dufteten, als du im Frühlingsschmuck.

Meine geringelten Seidenlocken
Waren schöner, als dein grünes Haar.
Schöner, als deines Finken und Distelvogels,
Scholl mein Gesang und Flügelspiel.

Ich war ein Mann, breitwipflicht
Und lieblich im Sonnenstrahl spielend.
Meines Geistes Fittig deckte die Meinen, –
Wie dein schattender Wipfel den Pilger.

Aber ach! mein Herbst ist gekommen;
So früh ist schon mein Herbst gekommen!
Das Schicksal blies mit kaltem stürmendem Odem;
Und meine Blätter fielen.

Heiser ist mein Gesang;
Die geflügelte Rechte lahmt
Auf den braunen Tasten
Des goldnen Saitenspiels.

Meine Phantasie, der Riese,
Zuckt ausgestreckt, wie ein Geripp'
Im Staube. Mein Witz, die Rose,
Liegt entblättert, zerknickt.

Fern ist meine Liebe;
Meine Kinder sind ferne; –
Der schwarze, starre, enthaarte Ast
Vermag nicht mehr zu schatten die Lieben!

 


 

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