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Moritz Graf Strachwitz: Gedichte - Kapitel 80
Quellenangabe
titleGedichte
authorMoritz von Strachwitz
yearca. 1935
publisherDeutsche Hausbücherei
addressHamburg
created20011215
sendergerd.bouillon@t-online.de
typepoem
modified20170929
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Nun grüße dich Gott, Frau Minne!

   Ein Lied, ein Lied, der Tag verhallt,
    Die Wälder atmen sacht,
Und über die Tale wogt und wallt
    Das Ambrahaar der Nacht.
Die Erde wie tief, und um mich her
    Eine Fülle edler Gestalten,
Tief in der Brust ein flutend Meer
    Volltönender Gewalten;
Und hast du lange versteckt gewohnt,
    O freudige Kraft der Lieder,,
So schüttle heut in den silbernen Mond
    Dein silbernes Gefieder.

      Herr Walter war ein Ritter jung,
    Er hatte lang gestritten,
Bis ihm ein scharfer Schwertesschwung
    Ins freudige Herz geschnitten.

Herr Walter glitt in den blutigen Sand,
    Sein Hengst stob in die Winde,
Sie trugen ihn aus dem Sonnenbrand
    Unter die breite Linde.

Sie rissen entzwei den Fahnensaum,
    Zu stillen das Blut dem Degen;
Auf den Sterbenden vom Lindenbaum
    Fiel reicher Blütenregen.

Das war des Königs Töchterlein,
    Ihr Aug' in Tränen glühte,
Sie hielt ihm einen Becher Wein
    An des Mundes welkende Blüte.

Das war des Königs Töchterlein,
    Sie kniete zu ihm nieder,
Da drang ein schneller Rosenschein
    Durch die sinkenden Augenlider.

Es ging ein Schauer durch sein Mark,
    Ein Schauer jäher Wonne,
Er sah sie an, so voll und stark,
    Wie der sterbende Aar die Sonne.

Die Binden riß er, die er trug:
    »Nun rinne, mein Blut, o rinne!«
Er trank den Becher auf einen Zug:
    »Nun grüße dich Gott, Frau Minne!«


            In der Nacht, in der seligen Sommernacht,
    Wo niemand traurig bliebe,
Da hab' ich euch dennoch ein Lied gebracht,
    Ein Lied von blutender Liebe.
Verzeiht, es ist das alte Lied
    Von Seligkeit und Verderben.
Wenn der Dichter dem Himmel ins Auge sieht,
    Dann muß er jubelnd sterben.
Der Himmel ist fern und hoch und hehr,
    Nun rinne, mein Blut, o rinne!
Die Wunden brechen, der Becher ist leer,
    Nun grüße dich Gott, Frau Minne!

 


 

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