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Moritz Graf Strachwitz: Gedichte - Kapitel 68
Quellenangabe
titleGedichte
authorMoritz von Strachwitz
yearca. 1935
publisherDeutsche Hausbücherei
addressHamburg
created20011215
sendergerd.bouillon@t-online.de
typepoem
modified20170929
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Türkische Justiz

                  Ins Meer zum süßen Zeitvertreib,
Da fährt des Paschas Lieblingsweib. –
Es schwimmt auf lauer Düfte Flut
Ein Abend voller Farbenglut,
Wie ihn die Liebe gern durchdehnt,
Wie Ros' und Bülbül ihn ersehnt.
Die Sonne wälzt ihr sprühend Rad
Ins abendkühle Wogenbad
Und preßt den letzten Flammenkuß
Aufs feuchte Aug' des Bosporus.
Wie liegt sie reich und üppig da,
Die Kuppelstadt des Padischah,
Wie eine Braut voll Reiz und Scham,
Der man vom Aug' den Schleier nahm.
Es spiegelt sich auf ebner See
Der Silberhalbmond der Moschee,
Und zitternd auf dem Flutenbett
Wiegt Wimpel sich und Minarett. –
Gemächlich, wie ein sanfter Schwan,
Durchschwebt die Flut der bunte Kahn,
Wie am Gestad die Muschel schwimmt,
Darin die edle Perle glimmt.
Wie war sie schön vom Haar zum Fuß,
Die Rose aus dem Kaukasus!
Wie war ihr Auge blau und groß,
Ein unermess'ner Meeresschoß!
Wie war ihr Antlitz glanzbesonnt,
Ein ganzer Liebeshorizont,
So weiß und rot, so rot und weiß,
Wie Morgenrot auf Kasbecks Eis.
Ein Schwanenflaum der stolze Hals,
Ein Silberschaum des Wasserfalls,
Darauf die schwarze Locke lag,
Wie dunkle Nacht auf lichtem Tag.
Es floß der Kaftan himmelblau
Rings um den Antilopenbau,
Wie sich der Bätter wallend Kleid
Rings um den Wuchs der Palme reiht.
Sei war so voll und zart und schlank,
Ein fleischgewordner Saitenklang.
Ein Strahl aus Allahs Diadem,
Hell wie der Stern von Bethlehem.
Doch bei der Houri Mund an Mund,
Da sitzt ein junger Christenhund,
Die Rechte führt des Ruders Last,
Die Linke hält die Maid umfaßt.
So oft der Streich im Wasser rauscht,
So oft wird Kuß um Kuß getauscht.
So haben sie manch laut Nacht
Ins Meer die sel'ge Fahrt gemacht,
Indes der Pascha traumumnachtet
Nach seiner schönen Sklavin schmachtet. –
Es senkt die Nacht sich ernst und hehr,
Ein Riesenadler, übers Meer.
Und matter wird des Nachen Schuß
Und heißer wird des Franken Kuß,
Bis Land und Meer sich schwarz vermummen
Und Ruderschlag und Kuß verstummen. –

Und wieder taucht im Wellenlauf
Des Abends rosig Segel auf;
Er schüttelt aus den Falten frisch
Sein Rosenöl verschwenderisch.
Und wieder naht die süße Frist.
Am Ufer steht der junge Christ,
Die Arme zum Umschlingen fertig,
Die Seele heiß und lustgewärtig.
Es fliegt sein Puls, sein Atem kocht,
Sein Herz die Brandung überpocht,
Es ist ihm schwül und bang wie nie:
»Wo weilt sie denn, was zögert sie?!« –
Und horch, was plumpt so dumpf und schwer
Von jener Klippe in das Meer?
Es schlägt die Flut, als wär' es Blei,
Und horch, ein kurzer Weheschrei!
Es hält sich zappelnd auf den Wogen
Und schlägt im Wasser weite Bogen,
Aufschreit die See von beiden Seiten,
Das muß Entsetzliches bedeuten! –
Fest stemmt der Christ den Ruderschaft
Und stößt vom Sand mit Jugendkraft;
Der Nachen übern Spiegel schoß,
Als wie ein springend Perserroß,
Wild schäumt die Woge hier und drüben
Und scheint ihn wütend fortzuschieben.
Da schwimmt es noch, es sinkt, es sinkt!
Der Franke in die Wellen springt,
Er greift es mit entschloss'nem Pack,
Von Leder ist's ein schwerer Sack,
Den zieht er schaudernd in den Kahn
Und trennt ihn mit dem Yatagan.
Was er gesehn und was er fand,
Er hat es nimmermehr bekannt;
Im Ufersand zur selben Stund,
Da grub er ein den teuren Fund. –
Der Pascha ward nach wenig Wochen
Von eines Franken Dolch erstochen.

 


 

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