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Moritz Graf Strachwitz: Gedichte - Kapitel 62
Quellenangabe
titleGedichte
authorMoritz von Strachwitz
yearca. 1935
publisherDeutsche Hausbücherei
addressHamburg
created20011215
sendergerd.bouillon@t-online.de
typepoem
modified20170929
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Das Geisterschiff

            Die Nacht liegt wüst auf der Meereshöh',
    Der Sturm pfeift grimm und grell;
Du Nordsturm auf der Nordlandsee,
    Sei mir gegrüßt, Gesell!

Eine Geisternacht, eine Schauerstund',
    Eine Nacht für Nix und Elf;
Das Fahrzeug stöhnt wie todeswund,
    Der Steuermann ächzt: »Gott helf!«

Ich lehne mich über das Taffarell,
    Die Flut umspritzt mein Haupt:
»Nun sage mir, mein Schiffsgesell,
    Was kommt so wild geschnaubt?

Ein Riesenschiff, wie Bergeslast,
    Die Flut durchbraust es dumpf,
Die Segel schwarz und schwarz der Mast
    Und schwarz ist Spier' und Rumpf.

Wie rennt es vor dem Sturme schmuck,
    So schwarz und groß und schwer,
Muit ungeheurem Segeldruck,
    So schießt es übers Meer!«

Dem Steuermann bebt die Hand am Griff,
    Es schlottert sein Gebein:
»Das ist ein Wikings-Geisterschiff,
    Gott mag uns gnädig sein!

Wenn der Nordwind kommt aus kaltem Pol,
    Ihn treibt nach Südens Luft,
Da dringt sein scharfer Atem wohl
    In manche Hünengruft.

Wenn der Nordwind schüttelt den Distelstrauch
    Und kühlt der Toten Brust,
Das weckt sein wohlbekannter Hauch
    Die alte gewaltige Lust.

Die wilde Lust nach der wilden See,
    Nach Wikingsfahrt und Streit,
Und Wikingslust und Wikingsweh,
    Und Südlands Herrlichkeit.

Um Mitternacht am Meeresstrand,
    Da schreiten viel Helden stark
Aus Schweden und aus Gotenland,
    Aus Norweg und Dänemark.

Und wo sie's versenkt mit eigner Hand,
    Tief zwischen Bucht und Riff,
Da ziehn sie aus dem Meeressand
    Ihr schwarzbesegelt Schiff.

Wenn der Schiffer betend kappt den Mast,
    Den der Nordsturm krachend bog,
Dann fahren mit voller Segellast
    Die Geister durchs Gewog.« –

Und näher kam und größer ward
    Das brausende Phantom,
Es rissen die Masten bei der Fahrt
    Entzwei den Wolkendom.

Und wie's im Luv an unserm Bug
    Ankam mit Sturm und Flut,
Da trat aus kreisender Wolken Flug
    Die grüne Mondesglut.

Im vollen Lichte fuhr der Spuk,
    Hinüber späht' ich keck.
Wie funkelte vom Waffenschmuck
    Der Steven und das Deck!

Rings hing am Bollwerk sturmgewohnt
    Ein goldner Schildekranz.
Auf lichtem Helme schien der Mond
    Und blauer Panzer Glanz.

Das Steuer hielt ein Greis bewahrt,
    Sein Haupt trug Helm und Kron',
Ein Skald' mit weh'ndem Silberbart,
    Er saß am Gallion.

Der König griff ins Rad mit Kraft,
    Sein Aug' war weit gespannt,
Der Skalde rührte geisterhaft
    Die Harf' in seiner Hand.

Und hart an uns durch's Schaumgebrüll
    Ging's grimmig dicht vorbei,
Das stand mir Herz und Atem still;
    Doch halt! – es war vorbei!

Der schwarze Segler schwand im Süd,
    Sein Rumpf ward mählich dünn,
Noch einmal scholl des Skalden Lied
    Und starb und ward dahin. –

Dahin, dahin, der Frühwind pfiff,
    Mein Herz ist wandermüd.
Mein Herz, es wird zum Wikingschiff
    Und segelt frisch nach Süd.

Setz' Segel an, mein tapfres Herz,
    So viel du tragen kannst,
Und bringe mir fliegend nordenwärts
    Den Kuß, den du gewannst!

 


 

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