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Moritz Graf Strachwitz: Gedichte - Kapitel 61
Quellenangabe
titleGedichte
authorMoritz von Strachwitz
yearca. 1935
publisherDeutsche Hausbücherei
addressHamburg
created20011215
sendergerd.bouillon@t-online.de
typepoem
modified20170929
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Das Lied vom falschen Grafen

              Ich bring' euch wieder ein altes Lied
    Von schwerem Liebesleid:
Es liebte der Däne Walafried
    Eine Norwegs-Fischermaid;
Am Kreidegeklipp, wo sich bäumt die Flut
    In schäumender Ungeduld,
Da küßt' es sie oft mit falschem Mut
    Und schwur ihr ewige Huld.

Er schwur bei seines Schwertes Griff,
    Bei seines Mantels Kreuz,
Bei dem Sturm, der die heulende See durchpfiff,
    Bei der Dirne eigenem Reiz.
Er schwur ihr bei dem heiligen Meer,
    Bei seines Vaters Bart,
Bei Rittertreu und Ritterehr'
    Nach falscher Ritter Art:

»Eh schlinge mich ein der Woge Wut,
    Eh meine Treu zertaut!«
Es hörte den Schwur die Meeresflut,
    Sie brüllte wild und laut.
Der Fant die Maid in die Arme schloß,
    Fort ritt er mit leichtem Sinn,
Er ritt hinan auf das Felsenschloß
    Zu der jungen Königin.

Es ruhe mein Lied an dieser Stell',
    Die doch ein jeder weiß.
Der Markgraf war ein junger Gesell,
    Der König war ein Greis! –
»Auf der hohen See in den Wind hinaus,
    Da liegt mein Schiff zur Wacht;
In Jütland in meines Vaters Haus,
    Da schlafen wir morgen nacht!«

Es senkt auf die Wasser König Schlaf
    Sein Szepter schwer und matt,
Mit der Fürstin fährt der Dänengraf
    In das brausende Kattegatt.
Eine Fischerdirn' mit braunem Gesicht,
    Die rudert den Kahn mit Macht;
Der falsche Ritter kennt sie nicht,
    Zu finster ist die Nacht.

Sie sieht nicht auf ihn, nicht auf die Dam',
    Sie rudert für und für,
Sie stiert mit Blicken wundersam
    Auf das Kreidegeklipp vor ihr.
Und näher rückt die Felsengestalt,
    Wie ein Norwegs-Gletschergeist;
Des Dänen Arm mit süßer Gewalt
    Sein königlich Lieb umkreist:

»Sei ruhig, mein Lieb, dort liegt mein Schiff,
    Sei ruhig, bald ist's getan!«
Und näher kam das Felsenriff,
    Und rascher schoß der Kahn.
Zwei Ruderschläge mit wilder Eil',
    Die tat die braune Dirn',
Da stürmte der Nachen wie ein Pfeil
    Nach der weißen Felsenstirn.

»Eh schlinge mich ein der Woge Wut,
    Eh meine Treue zertaut!«
Es hörte den Schwur die rächende Flut,
    Sie brüllte höhnisch laut.
Ein Ruderschlag, und es borst der Kahn
    Mit wildem Gekrach entzwei. –
Die Woge, sie zog die alte Bahn,
    Und drunter lagen die drei!

 


 

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