Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Moritz Graf Strachwitz: Gedichte - Kapitel 55
Quellenangabe
titleGedichte
authorMoritz von Strachwitz
yearca. 1935
publisherDeutsche Hausbücherei
addressHamburg
created20011215
sendergerd.bouillon@t-online.de
typepoem
modified20170929
Schließen

Navigation:

Helges Treue

                              König Helge fiel im heißen Streit
Und mit ihm fiel die geliebte Maid,
      Sie fiel, was mochte sie leben?
König Helge, der Held, und die Maid Sigrun,
Sie mußte zu zwei im Hügel ruhn,
      Sein Hengst, der ruhte daneben.

Allvater saß auf Idas Feld:
»Es kommt fürwahr ein gewaltiger Held
      Noch heut von der Erde herüber;
Es heult mein Wolf und frißt nicht mehr,
Und Gjallars Brücke donnert sehr,
      Als ritt' ich selber darüber.«

König Helge trat in Odins Palast
In schwarzem Stahl, ein finstrer Gast,
      Durch die Helden schritt er stumm.
Er schritt hindurch ohne Gruß und Dank
Und setzte sich auf die letzte Bank
      Und sah sich gar nicht um.

Aufsprangen die Helden zu Spiel und Kampf,
Ha! Schildeskrachen und Hufgestampf,
      Wie wogt' es stählern und dicht!
König Helge saß, ihm scholl kein Horn,
Ihm sauste kein Speer, ihm klirrte kein Sporn,
      König Helge, der focht nicht.

»Wohl ist er hehr, Allvaters Saal,
Der Boden von Gold, das Dach von Stahl,
      Und silbern fließt die Luft.
Doch wäre der Himmel noch einmal so licht,
Den ganzen Himmel möcht' ich nicht
      Für Sigruns enge Gruft!«

Her trat mit Augen veilchenblau
Die schanenbusigste Schildjungfrau,
      Wie leuchtete ihr Gesicht!
Sie hielt das Hirn, sie trank ihm zu:
»Mein schlanker Held, nun trinke du!«
      König Helge, der trank nicht.

»Und liebten mich hundert Jungfrauen heiß,
Wie die Hirschkuh schlank, wie das Schneehuhn weiß,
      Ich höbe mein Auge kaum.
Du nimm dein Horn und laß mich nur,
Bist nicht halb so schön als Sigrunur,
      Bei Sigrun ist mein Traum!«

So sitzt er da und trotzt und schweigt,
Bis die Mitternacht niederblickt schwarzgeäugt,
      Dann ist frei der Geister Tun.
Dann flammt sein Aug' und rauscht sein Schwert,
Dann gürtet er sein goldrot Pferd,
      Dann geht es zu Sigrun.

Wie wild der Reiter, wie wild der Ritt,
Wie klangvoll hämmert des Hengstes Tritt,
      Es geht ja zu Sigrun!
Die Luft zerrinnt und die Erde birst,
Wenn niederreitet der Nordlandsfürst,
      Um bei Sigrun zu ruhn.

Wenn der Morgenwind kühlet des Rosses Schweiß,
Dann reitet er heim, er reitet's nicht heiß,
      Sein Ritt wie traurig und sacht!
Er reitet schweigend durch Wallhalls Tor
Und setzt sich nieder wie zuvor
      Und harrt auf Mitternacht.

 


 

 << Kapitel 54  Kapitel 56 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.