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Gedichte

Ernst Stadler: Gedichte - Kapitel 2
Quellenangabe
titleGedichte
authorErnst Stadler
typepoem
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008528-4
created19990712
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
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Baldur-Christus

1902

                Und wieder ward der zeugende Tropfen Bluts aus Baldurs Wundenmalen
Zu roter Blüte erlöst in der Seele eines Menschen.
Das war, als der südliche Mittag mit glühenden Lippen
Verdurstend an den Steppen sog von Palästina.
Heiß gärte ihr Blut, und von der trocknen Straße stieg
Ein Feueratem auf
Und wirbelte in braunen Flocken
Um sonnverbrannte, staubstarrende Gesichter,
Als sie ihn zum ersten Male sahen.
Der Sommerwind riß gierig Jubelrufe
Von ihrem Mund und schleifte sie die Gassen lang:
»Hosianna! Hosianna!«
Palmen schwankten und bunte Tücher,
Und ein Leuchten floß
Von ihm in alle Seelen
Und jauchzte durch die Welt . . .

Und es sank der Mittag hin, und das Lied verschwamm
In blauem Dämmern, das von den Bergen niederrollte.
Abendgluten rankten sich um Marmorsäulen,
Bluteten auf den weißgebauschten Mantel, zuckten
Um wutverzerrte, bleiche Züge,
Um geballte Fäuste,
Die sich empor warfen zur Terrasse, wo
Er träumend über ihre Häupter weg
Den Tag ins blaue Meer verklingen sah –
»Kreuzige ihn! Kreuzige ihn!«
Dumpfes Hämmern durch das schwüle Zwielicht.
Glühend starrt die Gier.
Die rostigen Nägel beißen sieh ins Fleisch.
Die Sehnen springen.
Dampfend quillt das Blut.
Ein Wimmern stirbt
Im trunknen Reigen, der von Blut und Gier berauscht
Das Kreuz umrast:
»Hilf dir, König der Juden!«

Und der Sturm stöhnt auf.
Schreiend verstiebt der Schwarm.
Falbe Blitze stechen nieder,
Rasen durch die Straßen der Stadt,
Die wie von schwarzer Asche verschüttet starrt,
Fern verdröhnend . . .
Dann weicher Regen . . .
Atmende Stille . . .
Die Palmen schauern sich
Den Rieseltau von feuchten Blättern.
Ein Windstoß reißt die Wolken auseinander . . .
Aus grauen Nebeln weiß
Der Mond.
Ein bleiches Leuchten rieselt den schwarzen Stamm hinab,
Der jäh sich auf reckt in die Nacht auf Golgatha.
Zittert auf geschlossnen Lidern
Und fahlen Wangen, über die
Vom Dornkranz, der mit Raubtierpranken
Sich tief ins Fleisch gekrallt,
Ein dünnes Rot hinsickert . . .
Dann wieder Nacht.
Und wieder stöhnt der Sturm . . .
Schwer sinkt ein schlaffes Haupt zur Brust herab.

 


 

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