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Gedichte

Karl Simrock: Gedichte - Kapitel 60
Quellenangabe
typepoem
booktitleAusgewählte Werke / Band I
authorKarl Simrock
year1907
firstpub1907
editorGotthold Klee
publisherMax Hesse
addressLeipzig
titleGedichte
created20130319
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
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Volksschule

1862.

            Das wollen nun Gymnasien heißen,
Wo Jugend sich versitzt, verhockt!
Soll an Vokabeln sie sich fleißen,
Bis ihr das Blut gerinnt und stockt?
Sie muß sich tummeln, muß sich rühren,
Ein menschlich Leben einst zu führen.
    Mein lieber Michel, laß dir sagen,
    Es mag dir oder nicht behagen:
    Ist dir ein Volk zu werden ernst,
    So sorge, daß du früh was lernst.
Sexta.
Wie ist dir, liebes Kind, geschehen,
Seit du hier sitzest auf der Bank?
Du kannst nicht gehen, kannst nicht stehen,
Mir nicht ins Auge sehen frank.
Kopf in die Höh', auswärts die Füße!
Dann schreite leicht daher und grüße.
    Ich muß dir, lieber Michel, sagen,
    Es mag dir oder nicht behagen:
    Ist dir ein Volk zu werden ernst,
    So sorge, daß du gehen lernst.
Quinta.
Von ἵππος wirst du hier noch lesen,
Von equites und phalerae,
Daß Rossetummler sind gewesen,
Sogar Zentauren waren eh'.
Sieh, dieses Tier ist Pferd geheißen,
Da steig hinauf, es wird nicht beißen.
    Ich muß dir, lieber Michel, sagen,
    Es mag dir oder nicht behagen:
    Ist dir ein Volk zu werden ernst,
    So sorge, daß du reiten lernst.
Quarta.
Du kannst nun gehen, kannst nun reiten,
Natare, nare, Knabe, nicht.
Wenn du nun sollst ein Schiff beschreiten
Was schneidest du für ein Gesicht?
Ein jeder liest in deinen Zügen,
Du kannst nicht selbst die Welle pflügen.
    Ich muß dir, lieber Michel, sagen,
    Es mag dir oder nicht behagen:
    Ist dir ein Volk zu werden ernst,
    So sorge, daß du schwimmen lernst.
Tertia.
Odysseus hat die Welt durchzogen,
Der Städt' und Menschen viel gesehn;
Am Ende spannt' er seinen Bogen:
Es wär' ihm übel sonst geschehn.
Ihr seid wie er so schlaue Füchse
Und könnt nicht laden eine Büchse?
    Ich muß dir, lieber Michel, sagen,
    Es mag dir oder nicht behagen:
    Ist dir ein Volk zu werden ernst,
    So sorge, daß du schießen lernst.
Sekunda.
Im Speerwurf groß war der Atride
Und Walther mit der starken Hand,
Im Ringen Erek und Enide
Und mit dem Schwerte Hildebrand.
Auf welche Kunst die Helden pochten,
Worin hast du dich, Freund, erfochten?
    Mein lieber Michel, laß dir sagen,
    Es mag dir oder nicht behagen:
    Ist dir ein Volk zu werden ernst,
    So sorge, daß du fechten lernst.
Unterprima.
Turnieren war die Lust der Väter,
Das Turnen macht die Enkel keck;
Uns stählen früher, stählen später
Die Glieder Barren, Bock und Reck.
Wir setzen über breite Gräben
Und lernen schwere Lasten heben.
    Mein lieber Michel, laß dir sagen,
    Es mag dir oder nicht behagen:
    Ist dir ein Volk zu werden ernst,
    So sorge, daß du turnen lernst.
Oberprima.
Und kann uns Pindars Lied entzücken,
Und singt Horaz uns froh bewußt,
Wir schlagen nicht das Spiel zu Stücken,
Wir singen selbst aus freier Brust;
Der deutschen Dichter schönste Lieder
Hallt uns der Zwerge Stimme wider.
    Mein lieber Michel, laß dir sagen,
    Es mag dir oder nicht behagen:
    Ist dir ein Volk zu werden ernst,
    So sorge, daß du singen lernst.
Entlassung.
Ja! gehen, reiten, schwimmen, ringen
Und schießen, turnen, wer das kann,
Dazu aus vollem Herzen singen,
Der heißt ein ganzer deutscher Mann.
Ist er auch so geschult im Geiste,
Was hindert, daß er Wunder leiste?
    Mein lieber Michel, laß dir sagen,
    Der wird fürs Vaterland sich schlagen.
    Ist dir ein Volk zu werden ernst,
    So sorge, daß du Mannheit lernst.

 


 

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