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Gutenberg > Karl Simrock >

Gedichte

Karl Simrock: Gedichte - Kapitel 53
Quellenangabe
typepoem
booktitleAusgewählte Werke / Band I
authorKarl Simrock
year1907
firstpub1907
editorGotthold Klee
publisherMax Hesse
addressLeipzig
titleGedichte
created20130319
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
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Am 28. August 1831

1. Vivat.

          Dich wollen alle feiern,
Drittletzter im August,
Den Preußen wie den Bayern
Bist du ein Tag der Lust.

Den Sachsen wie den Schwaben,
Hier sind sich alle gleich;
Von dir vernommen haben
Sie auch in Österreich.

So sprich, wodurch beglückte
Uns segnend deine Hand?
Wie einst du das zerstückte,
Zerrissne deutsche Land?

Du gabst ihm einen Dichter:,
Den jede Zunge preist,
Ihn Hohepriester, Richter
Im Reich des Schönen heißt.

Uns hält, seit er gesungen,
Was allwärts widerklang,
Das schönste Band umschlungen
In Wort und Hochgesang.

Des Reiches lose Glieder,
Das schon in Stücke fiel,
Hat ein Amphion wieder
Verbunden durch sein Spiel.

Durch dauernde Gedanken,
Durch süßer Lieder Macht
Sind Bayern, Schwaben, Franken
An einen Herrn gebracht.

Wie schön die Morgenröte
Des neuen Reiches glimmt!
Und tausend Jahre, Goethe,
Sind dir wie ihm bestimmt.

 

2. Vivam.

      Ein Tag wird heut begangen,
Der ist wohl feiernswert:
Euch alle, die ihn sangen,
Hat er die Kunst gelehrt.

Der Dichter, deren einsten
Sich Deutschland rühmen mag,
Den größten und den kleinsten
Verdanket ihr dem Tag.

Der größte, das ist Goethe,
Und bleibt es sicherlich;
Ich sag' es ohne Röte,
Der kleinste, der bin ich.

Auch ich ward heut geboren
Als Goethes Gegenstück,
Zum kleinsten auserkoren;
Auch dafür Dank dem Glück!

Ihr andern in der Mitte
Wollt große Leute sein;
Macht ihr auch Riesenschritte,
Ihr holt ihn doch nicht ein.

Der größte zeigt euch kleiner
Und wärt ihr noch so groß,
Drum denk' ich, ist man seiner
Im Kleinen beispiellos.

Und habt ihr schon des Großen
Mit Lied und Spruch gedacht,
So eilt noch anzustoßen:
Dem kleinen sei's gebracht.

 

3. Text.

        Du beschämst wie Morgenröte
Dieser Gipfel ernste Wand
Und noch einmal fühlet Hatem (sic!)
Frühlingshauch und Sommerbrand.
                                        Buch Suleika.

Konjektur.

        Nein, das ist nicht auszuhalten,
Was der Cotta Schnitzer druckt!
Blind hat sich an diesen Spalten
Der Korrektor nicht geguckt.

Morgenröte reimt auf Hatem!
Das kann nimmer richtig sein:
»Du beschämst wie Morgenatem« –
Nein, das will mir auch nicht ein.

Also reimt's auf Morgenröte?
Ja, ich hab' es gleich erkannt:
»Und noch einmal fühlet Goethe
Frühlingshauch und Sommerbrand.«

Kritiker, nun triumphiere,
Diesmal hast du nicht geleimt;
Der Beweis ist: alle viere
Sind die Strophen durchgereimt.

Scholion.

    Ganz gewiß hat der Konjektor
Dieses Mal nicht falsch gesehn;
Doch mit Recht ließ der Korrektor
»Hatem« hier im Texte stehn.

Denn uns machen holde Sagen
Aus des Dichters Zeiten kund,
Daß er noch in alten Tagen
Ward vom Pfeil des Gottes wund.

Was der Greis mit Jünglingsmute
Von Suleikas Schöne sang,
Nicht erheuchelt hat der Gute
Seiner Lieder Seelenklang.

Nein, man weiß, daß ihrer Fülle
Herzbezwingende Gewalt
Unter oriental'scher Hülle
Einem deutschen Mädchen galt.

Ihr hat er sich nicht verborgen
Und den Namen gern genannt,
Der vom Abend bis zum Morgen
Mit Verehrung füllt das Land.

Wir nur sollten nicht erfahren
Seiner späten Liebe Glück,
Aber noch nach tausend Jahren
Hallt's aus seinem Lied zurück.

Selber hat er sich verraten,
Stets verrät die Liebe sich:
Hatem-Goethe, Goethe-Hatem,
Einig sind sie ewiglich.

 


 

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