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Gedichte

Karl Simrock: Gedichte - Kapitel 38
Quellenangabe
typepoem
booktitleAusgewählte Werke / Band I
authorKarl Simrock
year1907
firstpub1907
editorGotthold Klee
publisherMax Hesse
addressLeipzig
titleGedichte
created20130319
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
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Die 9 in der Wetterfahne

          Hans Winkelsee, der Wilddieb, im Eschenheimer Turm,
Spricht zu der Wetterfahne, da sie bewegt der Sturm:
»Nun hast du neun Nächte mir den Schlaf geraubt
Mit deinem Drehn und Wirbeln immer über meinem Haupt.

Für das bißchen Schießen ist die Qual zu lang,
Und am Ende lautet's wohl gar auf den Strang.
Pfui, das leid'ge Zappeln ist ein schlechter Scherz,
Ich gönn' es keinem Tiere, ich treff' es mitten ins Herz.

Sie wissen nicht in Frankfurt, wie der Hänsel schießt,
Daß man zum Gesindel in den Turm ihn schließt.
Würd' ich heute ledig, ich ließe sie aus Gunst
Wohl eine Probe schauen meiner edeln Schützenkunst.

Ich weiß schon, wie ich's machte: in schlafloser Nacht
Bei ew'gem Fahnenschwirren hab' ich's ausgedacht.
Ja, in diese Fahne, zum Gedächtnis meiner Pein,
Mit neun Kugeln schöss' ich den schönsten Neuner hinein.«

Das hört der Kerkermeister und bringt es vor den Rat.
Der Schultheiß spricht: »Die Schützen, was nützen die dem Staat?
Er hat so viel geschossen! es ist wohl hängenswert;
Jedennoch soll es gelten, wenn er die Rede bewährt.«

Die Schöffen, Rät' und Bürger lassen es geschehn:
»Und ist es denn beschlossen, so mag es gleich ergehn.
Bringt ihm seine Büchse und sagt ihm ohne Hehl,
Unfehlbar müss' er hangen, geh' eine Kugel nur fehl.«

Der Hänsel nimmt die Büchse und küßt sie auf den Mund:
»Nun tu mir heute wieder die alte Treue kund.
Neun Tage nichts geschossen! so schieß nun eine Neun;
Ich hoff' es wett zu machen, es soll dich nimmer gereun.«

Hier standen die des Rates um welch ein Menschenspiel!
Er richtet seine Büchse und äugelt nach dem Ziel.
Ein Schuß, ein Schuß! Getroffen, und an den rechten Ort:
Seht ihr das runde Löchlein in der Wetterfahne dort?

Gib acht, da schießt er wieder; und auch nicht abgeblitzt!
Ich seh' ein zweites Löchlein, das bei dem ersten sitzt.
Ein drittes jetzt, ein viertes! der Hänsel blickt so frech:
Mit neun Kugeln schießt er den schönsten Neuner ins Blech.

Die Menge jauchzt, die Räte flüstern unter sich –:
»Hans Winkelsee, wir wissen ein schönes Glück für dich.
Uns fehlt ein Schützenhauptmann: willst du der sein, so sag's:
Du solltest dich nicht weigern, es gereut dich eines Tags.« –

»Stadtschützenhauptmann begehr' ich nicht zu sein:
Ich geh' durch die Wälder mit meiner Büchs' allein.
Auf den Dächern klirren die Wimpel mir zu sehr;
Ade, hier war der Hänsel, her kommt der Hänsel nicht mehr.«

 


 

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