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Gedichte

Karl Simrock: Gedichte - Kapitel 28
Quellenangabe
typepoem
booktitleAusgewählte Werke / Band I
authorKarl Simrock
year1907
firstpub1907
editorGotthold Klee
publisherMax Hesse
addressLeipzig
titleGedichte
created20130319
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
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Die Beichte

            Eine schwere Sünde begangen
Hatte Karl der Große.
Man sah ihn zittern und bangen,
Er sorgte, daß ihn Gott verstoße.

Er wollte sie niemand beichten,
Er wollte darin ersterben.
Die Gnadenmittel reichten
Nicht hin, ihm Heil zu erwerben.

Da kam der Einsiedel
St. Egidius nach Aachen,
Von dem die Blinden zur Fiedel
Sangen in allen Sprachen.

Da kniete vertrauend nieder
Der Kaiser vor dem Heiligen:
Er hoffte beichtend sich wieder
An Gottes Reich zu beteiligen.

Zuerst bekannt' er die leichtern;
Doch als er jetzt von der schweren
Gedachte das Herz zu erleichtern,
Da wehrten es Ströme von Zähren.

Die Zähren begannen so häufig
Ihm aus den Augen zu brechen,
Sonst war ihm Reden geläufig,
Jetzt konnt' er nicht reden noch sprechen.

Er wollte, Gott zu versöhnen,
So gern die Sünde bekennen,
Doch Schluchzen ließ ihn und Stöhnen
So große Untat nicht nennen.

Der Heilige sprach: »Was seh' ich?
Du weinst gleich einem Weibe;
Bist du der Worte nicht fähig,
So nimm die Feder und schreibe.« –

»St. Egidius, laß dir klagen,
Ich kann nicht schreiben, nicht lesen!
O wär' ich in jungen Tagen
Zu lernen fleiß'ger gewesen!

Da wollt' ich mit Jägern und Schalken
Das Wild zu Tode nur hetzen,
Da hatt' ich an Hunden und Falken
Und Rossen mein einzig Ergötzen.

Da wollt' ich nur kriegen und raufen;
Das nimmt ein Ende mit Schrecken!
Nun mögen die Hunde verschnaufen,
Im Stall sich ruhen die Schecken.«

Egidius sprach: »Es sei ferne
Das edle Weidwerk zu tadeln;
Was Hänschen nicht lernte, das lerne
Noch Hans, es kann ihn nur adeln.

Sonst war die Mühe geringer,
Mit größerer geht es noch heute,
So beichten deine drei Finger,
Was der Mund zu beichten sich scheute.

Zum Schreiben dienen drei Finger,
Drei Finger dienen zum Schwören;
Nicht schreiben sollten drei Finger,
Was drei Finger nicht mögen beschwören.

Es steht geschrieben, beileibe
Sollst du nicht unnütz schwören;
Viel unnützes Geschreibe,
Das will sich auch nicht gehören.

Das sollte wissen ein jeder,
Der Kaiser wiss' es vor allen;
Nun nimm zur Hand die Feder
Und laß sie heute nicht fallen.«

Er lehrt' ihn die Feder halten,
Er lehrt' ihn die Striche führen,
Er lehrt' ihn die Zeichen gestalten
Und die Namen, die jedem gebühren.

Er lehrt' ihn Laute verbinden,
Silben, Wörter und Sätze,
Wie wir durch Zeilen uns winden
Zu bergen die geistigen Schätze.

Erst zeigte die Hand sich schwierig,
Nur kundig des Schwerts und der Lanze.
Doch hatte sie lernbegierig
Zuletzt begriffen das Ganze.

»Nun kannst du schreiben, o Kaiser,
Die Kunst erlerntest du gründlich;
Doch erst versuch', es ist weiser,
Noch einmal zu beichten mündlich.«

Da kniete vertrauend nieder
Der Kaiser vor dem Heiligen:
Er hoffte beichtend sich wieder
An Gottes Reich zu beteiligen.

Zuerst bekannt' er die leichtern;
Doch als er jetzt von der schweren
Gedachte das Herz zu erleichtern,
Da wehrten ihm Ströme von Zähren.

Die Zähren begannen so häufig
Ihm aus den Augen zu brechen,
Erst war ihm Reden geläufig,
Jetzt konnt' er nicht reden noch sprechen.

Er wollte, Gott zu versöhnen,
So gern die Sünde bekennen,
Doch Schluchzen ließ ihn und Stöhnen
So große Untat nicht nennen.

Der Heilige sprach: »Aufs neue
Weinst du gleich einem Weibe;
Zu reden wehrt dir Reue,
So nimm die Feder und schreibe.«

Karl sprach: »Ich tu' es gerne,«
Und schrieb, was er begangen;
Der Heilige sah von ferne
Das Blatt die Zeichen empfangen.

Er schrieb's mit wenigen Worten,
Bat Gott, ihm Gnade zu senden.
Nun stand Egidius dorten
Und hielt das Blatt in den Händen.

Er mocht' es wenden und drehen,
Er fand da nichts geschrieben:
»Ist hier ein Wunder geschehen,
Oder hast du Spott getrieben?«

»Nicht hab' ich Spott getrieben,
Es ist ein Wunder geschehen!
Ich hatt' es deutlich geschrieben,
Und nun ist nichts mehr zu sehen.« –

»Du schriebst, ich kann es bewähren,
Und sieh, die Schrift ist verschwunden:
Dir haben die reuigen Zähren
Im Himmel Gnade gefunden.

Sie haben dein Herz von Sünde,
Dies Blatt von Sünde gereinigt.
Indem ich's ahnend verkünde,
Hat neue Schrift es bescheinigt.«

Der Kaiser sah erfreuet,
Da stand's mit himmlischen Zügen:
»Du hast die Sünde bereuet,
Gott läßt sich der Reue genügen.«

 


 

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