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Gutenberg > Karl Simrock >

Gedichte

Karl Simrock: Gedichte - Kapitel 26
Quellenangabe
typepoem
booktitleAusgewählte Werke / Band I
authorKarl Simrock
year1907
firstpub1907
editorGotthold Klee
publisherMax Hesse
addressLeipzig
titleGedichte
created20130319
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
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Berta die Spinnerin

            Pipin, der Franken König, war
Noch ohne rechten Erben.
Die Großen sprachen: »Die Gefahr
Bedenkt, Ihr könntet sterben.
Wer soll des Reichs Verwalter sein
Vom Mittelmeer zum Niederrhein,
    Wenn, Herr, ein Pfeil Euch träfe!

Ihr schlagt der Schlachten alsoviel
Mit Wasken und mit Sachsen,
Da steht Ihr stets dem Feind zum Ziel
Mit Euern blonden Fachsen.
Nun kiest Euch bald ein hold Gemahl
Und zeugt der Kinder eine Zahl,
    Dann haltet's nach Belieben.«

»Wär' ich wie Ihr,« begann geschwind
Ein edler Held aus Schwaben,
»So wollt' ich unser Königskind,
Die lichte Berta, haben.
Ihr saht Euch nie ein edler Bild,
Sie ist so gütig, ist so mild
    Und zählt erst vierzehn Winter.«

Da sprach Pipin: »Mir läßt der Feind
Zum Freien nicht die Weile;
Doch weil es not tut, wie ihr meint,
Betreib' ich's in der Eile.
Schickt mir ihr Bildnis, werter Gast,
Und einen Goldschuh, der ihr paßt,
    So läßt sich weiter sprechen.«

Da fuhr der Held aus Schwabenland
Zur Heimat mit Behagen
Und kam, von seinem Herrn gesandt,
Zurück nach kurzen Tagen.
Und daß man säh', wie schön sie sei,
Bracht' er des Mägdleins Konterfei
    Und Goldschuh', zwei für einen.

Und als Pipin das Bild ersah,
Der edle Fürst der Franken,
Er wußte nicht, wie ihm geschah
In Sinnen und Gedanken.
Er sprach: »Du liebes gutes Kind,
So rein wie Gottes Engel sind,
    Voll süßer Huld und Demut!«

Da nahm er eins der Goldschühlein
Und sprach in sich vergnüget:
»Das Füßchen muß wohl zierlich sein,
Dem solch ein Schuh sich füget.
Wie ist das gar ein knapper Raum:
Die kurze Spanne mißt er kaum
    Von Daum und Zeigefinger.«

Da nahm er auch den andern Schuh
Und maß ihn an dem einen:
»Noch kleiner der? Wie geht das zu?
Ich kann es nicht vereinen.
Da sonst doch Fuß dem Fuße gleicht,
Fehlt hier ein Teil, ein Zoll vielleicht,
    Dem linken zu dem rechten.«

Da sprach der Gast: »Herr König hehr,
Des laßt Euch nicht verdrießen:
Es kommt vom Spinnen. Saht Ihr mehr
Die feinen Fäden fließen,
So wißt Ihr, wie der rechte Fuß
Mit Tritt um Tritt sich mühen muß,
    Daß sich das Rädchen umschwingt.

Der linke mag derweile ruhn,
Der hat für nichts zu sorgen.
Doch sollt' Euch an den beiden Schuhn
Der Fehl sein unverborgen.
Es sei ein Fehl; doch wiegt ihn auf
Des Mägdleins Fleiß: drum dünkt der Kauf
    Mich eben gut, ja besser.«

Der König sprach: »Das dünkt auch mich,
Drum bin ich kurz entschlossen:
Sieh, heim geleiten heiß' ich dich
Drei meines Reichs Genossen.
Die lasset dort das Fräulein sehn:
Gleicht sie dem Bild, so mag's geschehn,
    Daß sie hier trägt die Krone.«

Da kor aus der Genossen Zahl
Pipin drei werte Männer,
Und sprach: »Ich weiß, ihr seid zumal
Bewährte Frauenkenner.
So fahrt dahin mit diesem Bild,
Und seht ihr sie so lieb und mild,
    So werbt sie mir zur Frauen.«

Die dreie waren bald bereit,
Zu fahren mit dem Gaste;
Doch einem füllte bleicher Neid
Das Herz, das gottverhaßte:
Der legt' es mit den andern an,
Und wäre, was er riet, getan,
    Weh Berta dann, dir armen!

Den roten Ritter hieß man ihn,
Dem eine Tochter blühte,
So jung und schön als, die Pipin
Bezwang Sinn und Gemüte.
Er sprach: »Wir haben Töchter auch:
Der Franken Fürst nach Frankenbrauch
    Soll keine fremde freien.

Der König kennt die Schwäbin nicht,
Noch kennt er unsre Kinder.
Wir bringen ihm ein blond Gesicht,
Ein schönes auch nicht minder.
Sie sterbe, die wir dort erfrein;
Wes Tochter Königin soll sein,
    Das laßt das Los entscheiden.«

Das war fürwahr ein schlimmer Rat,
Doch er gefiel den Schlimmen.
Sie hofften so den steilen Pfad
Der Ehren zu erklimmen.
»Wir sind uns alle nah verwandt:
Dein Kind soll herrschen, und dies Land
    Einst unserm Stamm gehorchen.«

Sie kamen bald zu König Flor
Und warben um die Schöne.
Der sprach mit Freuden: »Nur ein Tor
Haßt solche Schwiegersöhne.
Ich gäb' euch Berten heut' am Tag;
Doch harrt, bis ich beschicken mag
    Ein stattlich Brautgeleite.«

Sie sprachen: »Herr, es tut nicht not,
Wir haben selber Leute.
Zu eilen war des Herrn Gebot:
Drum gebt sie uns noch heute.
Die Hochzeit soll schon ehstens sein;
Geliebt es Euch, so stellt Euch ein,
    Wenn man Euch Boten sendet.«

Mit Weinen gab er hin die Braut,
Die weinend scheiden mußte:
Auch weinte Blanschflor leis' und laut
Ob ihres Kinds Verluste.
Ihr ging der Tochter Glück so nah;
Sie wußte nicht, was bald geschah
    So heißer Tränen würdig.

Von Vaterarmen, Mutterschoß
Riß man die Tränenblinde.
Die Boten fuhren mitleidslos
Hin mit dem Königskinde.
Und als sie kamen in den Wald,
Der Wölf' und Bären Aufenthalt,
    Da galt es, sie zu töten.

Der rote Ritter schwang das Schwert
Schon nach den goldnen Locken;
Sie sah die andern auch bewehrt
Und rief zu Gott erschrocken.
Zusammen brachen ihr die Knie,
Mit weißen Händen flehte sie:
    »Erbarmt euch eines Kindes!«

Der dritte spürt' in grimmer Brust
Des Mitleids einen Funken,
Als er sie sah wie unbewußt
Zu Füßen ihm gesunken.
Er sprach: »Sie ist uns anvertraut:
Wer töten will die zarte Braut,
    Der muß erst mich ertöten.«

Da deckt' er sie mit blanker Wehr
Vor der Gesellen Streichen.
Sie waren nicht so kühn als er
Und mußten endlich weichen.
Da ward ein Frieden ausgedacht:
»Wir lassen sie in Waldesnacht
    Zu Raub den wilden Tieren.

Wenn sie der Bär, der Wolf verschont,
Der Hunger wird sie töten:
Sie ist der Speise nicht gewohnt,
Die wilde Wurzeln böten.
Sie findet sich auch nicht heraus
Zu ihres Vaters Hof und Haus,
    Der Wald ist tief und öde.

Dein Mund, des schwör' uns Eide drei,
Soll Stand und Namen hehlen;
Was je mit dir geschehen sei,
Das sollst du nicht erzählen;
Zu deiner Heimat sollst du nie.« –
Sie schwur den Eid: da ließen sie
    Im Wald allein das Mädchen.

Ja öde war der Wald und tief,
Ihr Herz verzagt und traurig:
Wenn sie um Menschenhilfe rief,
Es widerhallte schaurig.
Auch war ihr Gott im Himmel taub;
Hier regte sich doch nicht ein Laub,
    Er konnt' ihr Flehn wohl hören.

Er hört' es nicht, kein Engel schwang
Sich von den Wipfeln nieder,
Kein Hifthorn klang, kein Vogel sang,
Sie zu ermut'gen, Lieder.
Verglommen war des Tages Schein:
Nun brach die schwarze Nacht herein
    Mit Schrecken und mit Grausen.

Die Nacht ist keinem Menschen hold,
Wär' sie's dem zarten Kinde?
Sie hört, wie fern ein Wetter grollt:
Es naht gepeitscht vom Winde.
Der Donner scheucht den Bären auf,
Der Eber schießt vorbei im Lauf,
    Die Augen glühn den Wölfen.

Und Nachtgevögel schwirrt umher,
Die Fledermaus, die Eule,
Die Stimme mischt der Kauz, der Häh'r
Ins wilde Sturmgeheule.
Von Regengüssen schwillt der Bach,
Des Waldes sichres Wetterdach
    Entlauben schwere Schloßen.

Nun Blitz auf Blitz und Schlag auf Schlag,
Zerschmettert kracht's zusammen,
Und rechts und links der dürre Hag
Glüht auf in hellen Flammen.
Nun ströme, Regen, Himmelsflut;
Doch nein, die Windsbraut schürt die Glut:
    Wohin entfliehn dem Brande?

Sie zwingt den müden Fuß zum Lauf,
Die Flamme folgt mit Zischen.
Sie muß entsetzt sich in den Hauf
Der Ungeheuer mischen.
Ihr droht des wilden Auers Horn,
Ihr seiden Kleid zerreißt der Dorn
    Und ritzt ihr tausend Wunden.

Dort wird es frei, die Krone beugt
Vereinsamt dort die Fichte;
Dahin den Lauf, das Feuer fleugt
Nicht hin aus Waldesdichte.
Sie eilt wie ein gehetztes Reh
Durch dürre Ginster, braunen Klee
    Und sinkt am Ziel ermattet.

Die Sinne schwanden, leblos liegt
Die Königin am Boden.
Die Schläfe starrte, weh, es biegt
Kein Hälmchen nur ihr Odem.
Die Krähe kreist und hackt nach ihr;
Die scheucht der Wolf, das grimme Tier,
    Und wirft sich auf die Beute.

Da schwebt ein heil'ger Engel sacht
Herab mit Glanzgefieder,
Der wehrt dem Wolf, hält treulich Wacht,
Gießt Leben in die Glieder
Und heilt die Wunden, fächelt Ruh'
Ihr mit den bunten Schwingen zu
    Und Labung süßen Schlummers.

Am Morgen, da es perlend taut,
Erwacht sie reich an Segen.
Wie duftet Gras und Heidekraut
Nach dem Gewitterregen!
Sie denkt der Schrecken nicht der Nacht,
Sie sieht den Wald in frischer Pracht
    Und ferne Strom und Wiesen.

Da springt sie auf, kniet wieder hin,
Dankt Gott dem Herrn von Herzen.
Ihr ist so leicht, so froh zu Sinn,
Als ging's zu Spiel und Scherzen.
Sie tanzt hinab den Bergeshang,
Sie folgt des Bächleins munterm Gang
    Und liest sich bunte Kiesel.

»Ihr klaren Wellchen frisch zu Tal,
Warum so eilig hüpfen?
Ihr lieben Vöglein allzumal,
Warum mir: stets entschlüpfen?
Ich tät' euch wahrlich doch kein Leid:
Mir schwimmt das Herz in Seligkeit
    Um Gottes Lieb' und Güte.

Er hat sein Kind am bösen Tag
Gar wunderbar erhalten;
Ich weiß, was seine Kraft vermag
Und laß ihn gerne walten.
Nach Kronen trag' ich nicht Begehr,
Ein Kranz von Blumen ziemt mir mehr,
    Die ich mir selber pflücke.

Du tiefer Wald, mein Aufenthalt,
Wo sind nun deine Schrecken?
Es mag in deiner Felsen Spalt
Kein Graus sich mehr verstecken.
Erfahren hab' ich deinen Grimm,
Der Waldbrand selbst ist nicht so schlimm,
    Und Mörder fühlen Mitleid.

Sieh, Sonne leuchtet durch das Grün,
Aufrauschen stolz die Kronen.
Du schöner Wald, ich mag wohl kühn
In deinem Schimmer wohnen.
Mir sind die wilden Tiere zahm,
Der Wolf ist nur dem Jäger gram;
    Wir tun uns nichts zuleide.

Und gestern hab' ich doch gezagt,
Das sollst du, Herr, vergeben.
Ich will hinfort als deine Magd
Ohn' alle Sorge leben.
Ich geh' getrost in deiner Hut,
Du nährst die junge Rabenbrut,
    Du weißt für mich auch Speise.

Dir wimmeln Erde, Luft und Strom
Von frohen, satten Gästen.
Du weihtest dir den Wald zum Dom,
Da ehrt man dich am besten.
Da schallt dir ew'ger Lobgesang
Den Berg empor, das Tal entlang
    Aus hunderttausend Kehlen.

Das Eichhorn hüpft von Baum zu Baum,
Kann dich nicht anders preisen;
Die Mücke tanzt im sonn'gen Raum,
Der Käfer summt dir Weisen.
So jauchzt dir alles, klein und groß;
Dem Menschen fiel das schönste Los:
    Und soll sein Dank verstummen?«

So ging sie freudig durch den Tann,
Gebet war all ihr Denken,
Sie fragte nicht (sie ging voran)
Wohin die Schritte lenken.
Doch Ruhe bot der moos'ge Fels,
Sie mocht' auch wohl des süßen Quells,
    Des wilden Honigs kosten.

Am Abend bot ein Buchenast
Gemach und süßen Schlummer.
So lebte sie als Gottes Gast
Sorglos und ohne Kummer.
Wohl eine Woche schwand ihr froh;
Sie hätte willig immer so
    Gelebt in grüner Wildnis.

Doch einst vernahm sie fernen Hall
Wie eines Beiles Schläge,
In ihrer Brust ward von dem Schall
Ein süß Verlangen rege.
»Fänd' ich ein menschlich Angesicht
Und schlichte Leute, sollt' ich nicht
    Sie um Gesellschaft bitten?«

Sie ging hinzu und fand den Mann,
Der junge Heistern fällte;
Ein weißblau Wammes hatt' er an,
Dem sie sich zugesellte.
Doch wunder nahm ihn ihrer Tracht:
»Wo kommst du her in solcher Pracht?«
    Sie schwieg und gab nicht Antwort.

Sie sah ihm zu und freute sich
An allen seinen Sitten,
Und als er müde heimwärts schlich,
Sie folgte seinen Schritten.
Vor einer Mühle stand er still:
Sie sprach: »O nimm mich auf, ich will
    Dir gar getreulich dienen.«

Der Müller, dem sie wohlbehagt,
Sprach: »Sei mir gottwillkommen.«
Die Königin als niedre Magd
Ward in sein Haus genommen.
Gern tat sie jegliches Geheiß;
Auch wirkte sie mit stillem Fleiß
    Am Rädchen und am Webstuhl.

Der Faden floß ihr gleich und glatt,
Sie webt' ein feines Linnen.
Sie bat den Müller, in der Stadt
Ihr Seid' und Gold gewinnen:
Sie stickte schöne Borten draus,
Die lobte man gar überaus
    Und zahlte sie auch reichlich.

Der Müller war des Kaufes froh
Und bot dem Schützling Ehre.
Nun hatt' er junger Töchter zwo,
Die nahm sie in die Lehre.
Da wirkten diese drei gesellt,
Und wirkten einst ein Kriegsgezelt
    Mit eingewebten Bildern.

Als das zur Stadt der Müller trug,
Da ward es viel bewundert.
Der Kronen bot man ihm genug,
Der funfzig, jener hundert.
Als das der Müller ward gewahr,
Er gab es nicht, bis man ihm bar
    Hinzählte tausend Gulden.

Das lassen wir ein Weilchen ruhn,
Vom König zu erzählen.
Dem will der rote Ritter nun
Sein eigen Kind vermählen.
Pipin ersah die falsche Braut
Und rief im Unmut überlaut:
    »Sie gleicht dem Bildnis wenig.

Die Goldschuh' sind ihr allzuklein,
Das sähe wohl ein Blinder:
Den linken zwingt sie nie hinein,
Den rechten noch viel minder.
Wohl hoch und hehr ist ihr Geschlecht,
Doch tat der König Flor nicht recht
    Mir Schönheit vorzuspiegeln.«

»Die Maler schmeicheln,« sprach der Fuchs,
»Und zählen sich's zur Tugend.
Daß sie den alten Schuhn entwuchs,
Das kommt von ihrer Jugend.
Und daß ihr gleich die Füße sind,
Das dünkt mich an dem Königskind
    Zu loben, nicht zu schelten.«

Da sprach der König: »Das ist wahr,«
Und nahm die falsche Schöne.
Nun hieß sie Berta und gebar
Dem König zwei der Söhne.
Da ward Pipin ihr hold und mild;
Doch konnt' er stets das edle Bild
    Der Schwäbin nicht vergessen.

Da bot man ihm das Kriegsgezelt
Zu Kauf, das jene webte.
Sie selber war da vorgestellt
Recht, wie sie leibt' und lebte,
Erst in des Vaters Haus und dann
Mit dreien Mördern in dem Tann,
    Die schon die Schwerter zuckten.

Der König sah des Zeltes Pracht
Und wägt' es auf mit Golde.
Da hat vor mancher Heidenschlacht
Auf ihn geblickt die Holde.
Das deucht' ihn alles wunderlich
Und dies zumal: der Mörder glich
    Dem roten Ritter einer.

Darauf im Frieden zog Pipin
Zur Karlsburg an dem Maine.
Man sah ihn oft den Wald durchziehn
Mit Jägern und alleine.
Da lockt' ihn einst ein weißer Hirsch
Tief in den Wald auf seiner Birsch
    Zum Müller in die Mühle.

Nun fügt' es sich, daß bei ihm war
Sein Arzt und Sternedeuter.
Der ging hinaus, der Mond schien klar,
Und suchte kräft'ge Kräuter.
Da sah er ob ihm einen Stern
Und lief zurück zu seinem Herrn
    Und sagt' ihm große Wunder:

»Ich seh' an des Gestirnes Pracht,
Sie kann mich nicht betriegen,
Ihr sollt noch heut in dieser Nacht
Bei Eurer Hausfrau liegen.
Davon empfängt die Frau ein Kind,
Dem Heiden einst und Christen sind
    In Furchten untertänig.«

»Du spottest,« rief er: »kann ich heunt
Zu meiner Hausfrau kommen?«
»Das sollt Ihr,« sprach der Sterne Freund,
»Der Stern ist hell entglommen.
Mir sagt es nicht mein wirres Hirn,
Kund tut untrügliches Gestirn,
    Sich heben große Dinge.

Ein neues Weltenjahr beginnt
Mit dieser Nacht zu laufen.
Das Ihr gewinnt, das Degenkind,
Wird einst die Sachsen taufen.
Wird allen Kaisern übergleich
Und gründet deutschem Volk das Reich,
    Das tausend Jahre währet.«

»So schick' den Müller zu mir her,
Er soll mir Wahrheit sagen.«
Der Müller kam, der König hehr
Begann ihn zu befragen:
»Hast du ein fremdes Weib bei dir?«
»Nein, Herr, kein Fraunbild findet Ihr
    Als meine beiden Töchter.«

Dem Meister winkt da Herr Pipin:
»Was sollten die mir frommen?«
Der sprach: »Wer weiß, laßt immerhin
Der Dirnen eine kommen.
Und ist sie Euch nicht angetraut,
Sie soll vielleicht einst Eure Braut
    Und rechte Hausfrau heißen.«

»Wohl, ihrer eine schick' herein,
Bei Tisch uns zu bedienen.«
Da war die ältre von den zwein
Alsbald vor ihm erschienen.
Sie deckte säuberlich den Tisch
Und brachte Brot und Fleisch und Fisch
    Und was das Haus vermochte.

Der Meister las die Himmelsschrift
Und sprach zum Herrn bescheiden:
»Ihr seid nicht auf der rechten Trift,
Hier dürftet Ihr nicht weiden.
Des lichten Sternes Glanz ward blind.« –
»So hast du Urlaub, gutes Kind:
    Doch schick' uns deine Schwester.«

Die eine ging, die andre kam
Und nicht mit leeren Händen.
Sie soll dem durst'gen Bräutigam
Zuvor den Nachttrunk spenden.
Sie bringt den edeln Leistenwein
Und schenkt den Gästen beiden ein
    Und spricht: »Den laßt euch munden.«

Der Meister, der zum Himmel schaut,
Hebt wieder an zu munkeln:
»Das ist noch nicht die rechte Braut,
Der Stern verbirgt sein Funkeln.«
Da spricht der König: »Habe Dank,
Du gutes Mädchen, für den Trank;
    Doch schick' uns her den Vater.«

»O Müller, Müller, wahr' den Leib,
Was hast du uns verhohlen?
Ich weiß, noch weilt ein ander Weib
In deinem Haus verstohlen.
Ich bin dein König, bin Pipin,
Gesteh' die Wahrheit auf den Knien
    Und bitt' uns ab die Lüge.«

Erschrocken fiel ihm vor den Fuß
Der Wirt und rief mit Flehen:
»Ich will gestehen, weil ich muß,
Was ich nicht soll gestehen.
Es kam zu mir vor sieben Jahr
Ein edel Mägdlein schön und klar,
    Doch hehr und keusch und spröde.«

»Die schick' herein, die wird es sein,
Die Hehre, die ich suche.«
Da fiel der Meister freudig ein:
»Ich les' im Himmelsbuche:
Gefunden ist das Königskind,
Gefunden, die Ihr lange minnt,
    Des großen Kaisers Mutter.«

Der Müller ging; da währte lang
Dem König noch ihr Kommen.
Ihm schlug das Herz so freudig bang,
Von Lieb' und Angst beklommen.
»Ob sie dem schönen Bilde gleicht?
Wär' es ein ander Weib vielleicht?
    Wie kann mir die gefallen?«

Wär' ihm die Ungeduld gekürzt!
Noch regt sich nichts im Hause,
Nur draußen auf das Mühlrad stürzt
Die Flut sich mit Gebrause.
Doch horch! es naht, das ist die Maid.
Sie tritt herein im schlichten Kleid',
    Die Haube birgt das Goldhaar.

Ein Linnen hängt ihr überm Arm,
Sie trägt geschickt die Wanne.
Die setzt sie nieder ohne Harm
Vor dem erstaunten Manne.
»Ihr habt Euch heute müd' gejagt,
Erlaubt Ihr,« sprach die reine Magd,
    »So wasch' ich Euch die Füße.«

Da sprach der König: »Ach, Ihr wollt –«
Nicht weiter mocht' er sprechen.
Schon ist er ihr von Herzen hold,
Mag sich des nicht entbrechen.
Sie gleicht dem Bilde Zug um Zug,
Das er so lang' im Sinne trug,
    Das ihn im Traum entzückte.

Da kniet sie hin und hilft gewandt
Des Schuhwerks ihn entkleiden.
Die Füße wäscht ihm linde Hand,
Das muß er alles leiden.
Dann trocknet mit dem weißen Lein
Ihm Fuß um Fuß das Mägdelein
    Und fügt ihm Strümpf' und Schuhe.

»Ich komme wieder,« sprach sie, »dort
Dem andern Herrn zu dienen.«
Und geht mit Wann' und Linnen fort
Schnell, wie sie war erschienen.
Pipin fuhr auf wie aus dem Traum:
Da sah er sich im öden Raum
    Allein mit seinem Meister.

Der Meister sprach: »Sie kommt zurück,
Die Füße mir zu waschen.
Doch laßt nicht wieder fliehn das Glück,
Ihr müßt die Stunde haschen.
Euch ist sie günstig und der Welt;
Seht, wie der Stern die Gluten hellt
    Und spielt in tausend Farben.«

Da sprach Pipin: »Sie ist mein Weib,
Gott weiß, seit sieben Jahren.
Sie darf den wundersüßen Leib
Nicht länger vor mir sparen.
Die Stunde drängt, die Zeit verrinnt:
Doch weh, wo säumt das schöne Kind?
    Will sie nicht wiederkehren?

Ein Zweifel freilich bleibt mir noch,
Den muß ich erst zerstreuen.
Ich darf mich jetzt des Glückes doch
In ihrem Arm nicht freuen.
Ist sie mein Weib, wer ist denn die,
Der sie bis heut den Namen lieh?
    Doch horch, sie kommt gegangen.«

Sie kam und brachte reine Flut
Dem Meister hingetragen.
Der Meister sprach: »Du bist zu gut,
Ich darf kein Fußbad wagen.
Ich weiß mich jetzt nicht so gesund;
Das hätt' ich dir gesagt zur Stund',
    Allein du warst zu eilig.«

»Nimm selbst das Fußbad,« sprach Pipin,
»Dir wird es wohl bekommen.
Trag' nicht das Wasser wieder hin,
Das du vom Quell genommen.
Du gutes Kind, du pflegtest mein;
Laß mich nun deinen Diener sein,
    Daß Dienst den Dienst vergelte.«

Sie sah den Herrn befremdet an:
Er schien doch nicht zu scherzen:
Er war ein ernster, strenger Mann,
Sein Wort ging ihr zu Herzen.
Doch sprach sie, eine scheue Maid:
»Habt Dank, daß Ihr so gütig seid,
    Der Diener wär' zu kostbar.«

Der Meister, der den Herrn verstand,
Begann ihr zuzusprechen:
»So züchtig ist des Königs Hand,
Sie wird sich nichts erfrechen.
Auch hielt er immerdar den Brauch,
Wer ihn bedient, dem dient er auch:
    So darfst du dich nicht weigern.«

Betroffen stand sie bei dem Wort,
Das sie vernommen hatte.
Die Ahnung flüstert' ihr sofort:
So wär's Pipin, mein Gatte!
Jetzt hebt sich stolz der Jungfrau Brust;
Sie sprach des eignen Werts bewußt:
    »Herr, tut, wie Euch geliebet.«

Sie saß; ihn sah man vor ihr knien,
Den edeln Herrn der Franken,
Die Nestel lösen, niederziehn
Den Strumpf vom Fuß der Schlanken,
Und wie sie ihn ins Wasser taucht
Und bald den andern, seht, was braucht
    Der König mehr zu wissen?

Er hatt' ihr unterm Schirm der Flut
Die Füße bald gemessen.
»An diesem,« sprach der König gut,
»Ist schier ein Zoll vergessen:
Das ist gar seltsam, liebes Kind.
Wie kommt's, daß sie so ungleich sind?«
    Sie sprach: »Das kommt vom Spinnen.«

»Vom Spinnen? Mir aus Schwabenland,
Eh' ich ein Weib genommen,
Hat man ungleiche Schuh' gesandt;
Sollt' auch vom Spinnen kommen.
Doch gleicht nun Fuß dem Fuß genau;
Auch hab' ich nie bei meiner Frau
    Ein Spinnrad noch gefunden.«

Da so der König sprach, Pipin,
Ihr tagt' es klar und lauter.
Sie weiß den Gatten vor ihr knien,
Ihr Herr ist's, ihr Getrauter.
Da füllt ihr Lust und Leid die Brust;
Doch fragt sie noch wie unbewußt:
    »Seid Ihr Pipin, der König?«

»Ich bin es; aber tu mir kund,
Wer du bist, Wundersüße:
Verrät dich nicht dein roter Mund,
Verraten dich die Füße.
Ja Berta bist du, Blanschflors Kind,
Du bist mein Weib, du bist, die spinnt
    Und webt mir Kriegsgezelte.

Du schweigst und weinst, laß diesen Fuß,
Laß mich sie beide küssen.
Nur einen Blick, ein Wort zum Gruß!
Und wehr' den Tränengüssen.
Sprich, daß du bist, die man mir stahl,
Und sei mein Weib, mein süß Gemahl
    In dieser hehren Stunde.«

Die Rede war ihr gar versagt
Vor Schluchzen und vor Zähren.
Da schloß er in den Arm die Magd,
Die sich nicht darf erklären.
Erwidern darf sie seinen Kuß,
Sie darf ihm Liebesüberfluß,
    Die höchste Gunst gewähren.

Der Meister schlich sich still hinaus
Und ließ die zwei beisammen.
Er sah die Sterne vor dem Haus
In Brunst und glühen Flammen.
Er sprach: »Das Weltenjahr beginnt.
So Heil dir, Deutschland! Königskind
    Liegt nun in Königsarme.«

Und drinnen sprach sie zum Gemahl:
»Eins laß dir, König, sagen:
Ob ich es bin, die man dir stahl,
Das darfst du mich nicht fragen.
Ich folge dir auch nicht hinaus:
Mein Reich ist in des Müllers Haus;
    Sonst tu ich deinen Willen.

Ich will dich lieben arm und schlicht,
Des laß dich, Herr, genügen.
Nach fernen Dingen forsche nicht,
Es würd' uns Unheil fügen.
Drei Siegel schließen mir den Mund,
Und drängst du mich, zur selben Stund'
    Hat mich der Wald verschlungen.«

Pipin vernahm das ernste Wort,
Das ihm die Sorg' erneute;
Doch bannt' er sie für heute fort,
Der holden Glücks sich freute.
Er hielt im Arm so süßen Leib:
»Wie sie nun heißt, sie ist mein Weib,
    Mein Weib allein auf ewig.

Lieb, willst du nicht aus diesem Wald,
Das gibt ein bitter Scheiden.
Das Heerhorn ruft den König bald
Zum Kampf mit wilden Heiden.
Wer weiß, wann ich dich wiederschau;
Doch dieser Stunde, süße Frau,
    Gedenk' und unsrer Schwüre.« –

Und scheidend spricht er, als es tagt,
Zum Müller unverhohlen:
»Die nichts dem König hat versagt
Sei deiner Hut befohlen.
Sie ist mein Weib und ist es nicht:
Mich bindet jetzt noch andre Pflicht,
    Doch trägt sie einst die Krone.

Sei, wenn sich füllt der Wochen Zahl,
Der Pflege treu beflissen.
Trägt mir ein Kind mein hold Gemahl,
Das laß den Vater wissen.
Es sei lebendig oder tot,
So sollst du reiches Botenbrot
    Aus Königshand empfangen.

Und liegt mir nach dem langen Weh
Ein Mädchen in der Windel,
So komm, daß ich ein Zeichen seh,
Mit Rocken und mit Spindel.
Doch hüpft ein Knäblein ihr im Schoß,
So wird die Freude doppelt groß,
    Kommst du mit Pfeil und Bogen.«

Da zog mit seinem Meister hin
Pipin, der Fürst der Franken.
Gehoben war ihm Herz und Sinn
Zu herrlichen Gedanken.
Und als ihn bald das Heerhorn rief,
In seinem Kriegsgezelte schlief
    Er manche Nacht als Sieger.

Wenn morgens auf ihn niedersah,
Die es mit Fleiß gewoben,
Die Bilder prüfend blickt' er da
Gar unverwandt nach oben.
Da macht' ihm eins das andre klar,
Und was noch unverstanden war,
    Blieb ihm kein Rätsel länger:

»Drei Siegel schlossen ihr den Mund,
Die Siegel sind drei Eide.
Das Bildwerk tut es deutlich kund,
Wie ich mich jetzt bescheide.
Drei Mörder staben ihr den Stahl,
Sie kniet und schwört das erstemal
    Aufs Schwert dem roten Ritter.

Die andern zwei erkenn' ich auch,
Sie, die ich mit ihm sandte.
Hat sie verführt der rote Gauch?
Sie sind ihm Nahverwandte.
Doch wer ist sie, die man mir hat
Vermählt an der Geliebten Statt?
    Das bleibt mir noch verborgen.«

Nun zog es ihn der Mühle zu;
Doch mußt' er sich's versagen.
Die Heiden ließen ihm nicht Ruh',
Viel Schlachten mußt' er schlagen.
So eilt' er fort von Krieg zu Krieg;
Dem letzten endlich setzte Sieg
    Ein Ziel im fünften Sommer.

Da kehrt' er freudig an den Main
Zur Karlsburg, seiner Feste;
Er saß in seiner Krieger Reihn
Bei Tisch am Freudenfeste.
Da trat heran ein Bauersmann:
Der Franken König blickt' ihn an
    Und sah erfreut den Müller.

Die Spindel bracht' er nicht ins Haus,
Das sah Pipin gewogen.
Dreijährig Knäblein sprang voraus,
Das trug ihm Pfeil und Bogen.
Das Knäblein schoß, ein Becher stand
Mit Wein gefüllt bis an den Rand
    Vor des Verräters Tochter.

Der Becher fiel, der Wein war all
Verschüttet und vergossen.
Der Kön'gin kam der rote Schwall
Aufs seidne Kleid geflossen.
Die Falsche rief mit Zürnen aus:
»Wer ist der Kerl? Werft aus dem Haus
    Ihn samt dem bösen Buben!«

»Wie heißt der Knabe?« frug Pipin.
Er sprach: »Er kann schon laufen;
Kein Name ward ihm noch verliehn,
Bis Ihr ihn wollet taufen.«
Mit Lächeln sprach Pipin zuhand:
»Wohlan, man hat dich Kerl genannt,
    So sei er Karl geheißen.

Ein Kerl, ein Karl, das ist ein Wort,
Er wird es bald erweisen.
Laß mir ihn hier, er soll hinfort
An dieser Tafel speisen.
Du nimm den Becher hin zum Sold,
Bis an den Rand mit rotem Gold
    Soll ihn der Kämmrer füllen.«

Das hört' die Königin mit Neid;
Wie zürnt sie dem Gemahle!
Sie ging mit dem begossnen Kleid
Verdrossen aus dem Saale.
Der rote Ritter schlich ihr nach;
Pipin vernahm es, wie sie sprach:
    »Wer hilft uns von dem Bankert?«

Da dacht' er: »Komm' ich nicht zuvor,
Sie töten mir den Knaben.«
Mit Boten sandt er ihn zu Flor,
Der König war in Schwaben.
Die Boten meldeten dem Herrn:
»Der Frankenkönig säh' Euch gern,
    Und Berta beide Eltern.«

Da sprachen Flor und Blanscheflor:
»Wir wollen gerne kommen.
Wir haben Botschaft nie zuvor
Von unserm Kind vernommen.
Zur Hochzeit lud uns niemand ein:
Nun sieht man uns gar bald am Main
    Mit unserm lieben Enkel.«

Das ward der falschen Berta kund,
Da galt es Rat zu pflegen.
Der rote Ritter riet zur Stund':
»Mußt dich zu Bette legen,
Als wärst du krank, zum Tode schwach;
Und niemand laß in dein Gemach,
    Das dunkle, selbst Pipin nicht.«

Da kamen Flor und Blanscheflor
Und wurden wohl empfangen.
Zwei Enkel führt' man ihnen vor,
Rotköpf'ge, freche Rangen.
Die Kön'gin sieht sie an und spricht:
»Sie gleichen meiner Tochter nicht;
    Wo ist, wo bleibt denn Berta?«

– »Ihr ist nicht wohl.« – »Erkrankt mein Kind?
Laßt gleich mich zu ihr führen.«
Da sprach der Rote: »So geschwind
Will das sich nicht gebühren.
Heut läßt sie sich vor niemand sehn.«
Sie sprach: »Herr Eidam, laßt uns gehn!
    Die Mutter hat doch Zutritt.«

Am Arm des Königs schritt sie hin:
Die Fenster sind verhangen:
Doch liegt die falsche Königin
Im Schweiß vor Angst und Bangen.
Sie grüßt auch nur mit halbem Ton,
Und gleich ruft Blanscheflor: »Herr Sohn,
    Das ist nicht Bertas Stimme.«

Ins Bette fährt sie mit der Hand
Und greift ihr nach den Füßen.
Und als sie beide gleich befand,
Die Schuld'ge muß es büßen.
»Wir sind betrogen!« ruft sie laut;
»Heraus mit dir, du falsche Braut,«
    Und rauft sie bei den Haaren.

Sie gab im Zorn ihr manchen Schlag
Und riß sie aus dem Bette.
Der König läßt hinein den Tag,
Daß sie Gewißheit hätte.
»Hinaus mit dir, wer du auch seist!
Wo blieb mein Kind? Herr König, weist
    Mir Berta, meine Tochter.«

Der König sprach: »Es soll geschehn,
Fahrt nur mit mir zu Walde.
Den Enkel habt Ihr schon gesehn,
Die Tochter seht Ihr balde.« –
Noch heute ward die Fahrt vollbracht:
Da gab es eine frohe Nacht
    Beim Müller in der Mühle.

Das war ein Fest! Der Jubel scholl
Das Rad zu übertäuben.
Die Küsse sah man hier so voll
Wie dort die Tropfen stäuben.
Schön Berta mußt' unmüßig sein:
Die andern küßten sie allein,
    Sie Eltern, Kind und Gatten.

Am Morgen sprach Pipin erfreut,
Von liebem Arm umwunden:
»Mein traut Gemahl, du wirst uns heut
Des Eides noch entbunden.
Was alles du gelitten hast,
Darf dann dein Mund in süßer Rast
    Wie einst dein Bild erzählen.«

Zuhand berief er seinen Rat,
Und als ihm alle kamen,
Erzählt' er seiner Boten Tat
Und nannte keinen Namen.
»Was ist der wert, der das getan?«
Beim Sohn des Roten hub er an:
    »Du sollst das Urteil finden.«

Der Jüngling sprach: »Ich bin ein Kind;
Soll ich das Recht Euch weisen?«
»Die Frage, die bei dir beginnt,
Sie endet bei den Greisen.« –
»So sprech' ich, Herr, auf meinen Eid,
Ein solcher ist den Menschen leid
    Und Gott verhaßt im Himmel.

Er schaue nicht der Sonne Glanz,
Nicht mehr der Erde Wonnen.
Man bind' ihn Rossen an den Schwanz;
Die Leiche sei verbronnen.« –
Da fragt' er auch den andern Sohn;
Ihm teilte der den gleichen Lohn,
    Und all' die andern folgten.

Die drei Verräter saßen stumm;
Doch kam es an die Schlimmen:
Der König sprach: »Ich frug herum,
Nun habt noch ihr zu stimmen.«
Da knien sie hin und flehn um Huld:
»Herr, wir gestehen unsre Schuld,
    Wir sind's, die Euch verrieten.«

Der König sprach: »Ihr habt bekannt,
So brauch' ich keine Zeugen.
Das Urteil gelte, das man fand,
Ich will das Recht nicht beugen.
Doch erst entbindet von dem Eid,
Den euch geschworen hat die Maid,
    Mein Weib, die rechte Berta.«

Des Eids entbunden ward die Braut,
Da sprach sie sel'gen Mutes:
»Der Ritter, den Ihr dort erschaut,
Der tat mir eitel Gutes.
Ich lebte nicht, wenn er nicht war;
Ihr sollt mit der Genossen Schar
    Ihm alle Strafe schenken.

Die andern haben übeln Mut;
Doch dürft Ihr sie nicht töten.
Wollt Ihr mit Eurer Kinder Blut
Die keusche Erde röten?
Ihr selber büßtet solch Gericht;
Entgehen sie der Strafe nicht,
    So bannt sie aus dem Reiche.«

Das tat Pipin und hieß alsbald
Die edle Berta krönen.
Gern zog sie in den schönen Wald
Hernach mit ihren Söhnen.
Man baut' ihr bei der Mühl' ein Haus,
Und Karl der Große baut' es aus,
    Ihr Sohn, und hieß es Karlstatt.

Drum soll ein Mädchen fleißig sein
Mit Spinnen und mit Weben;
Kann sie noch sticken obendrein,
So ward ihr viel gegeben
Ihr schönster Schatz ist reiner Sinn:
Das bleibt ein ewiger Gewinn
    Hier und in jenem Leben.

 


 

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