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Joseph Freiherr von Eichendorff: Gedichte - Kapitel 204
Quellenangabe
titleGedichte
authorJoseph von Eichendorff
modified20170815
typepoem
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Ratskollegium

Der Vorsitzende:

          Hochweiser Rat, geehrte Kollegen!
Bevor wir uns heute aufs Raten legen,
bitt' ich, erst reiflich zu erwägen,
ob wir vielleicht, um Zeit zu gewinnen,
heut sogleich mit dem Raten beginnen,
oder ob wir erst proponieren müssen,
was uns versammelt und was wir alle wissen? –
Ich muß pflichtgemäß voranschicken hierbei,
daß die Art der Geschäfte zweierlei sei:
Die einen sind die eiligen,
die anderen die langweiligen.
Auf jene pfleg' ich cito zu schreiben,
die anderen können liegen bleiben.
Die liegenden aber geehrte Brüder,
zerfallen in wichtge und höchstwichtge wieder.
Bei jenen – nun – man wird verwegen,
man schreibt nach amtlichem Überlegen
more solito hier, und dort ad acta,
die Diener rennen, man flucht, verpackt da
der Staat floriert und bleibt im Takt da.
Doch werden die Zeiten so ungeschliffen,
wild umzuspringen mit den Begriffen,
kommt gar, wie heute, ein Fall, der eilig
und doch höchstwichtig zugleich– dann freilich
muß man von neuem unterscheiden:
ob er mehr eilig oder mehr wichtig. –
Ich bitte, meine Herrn,verstehn Sie mich richtig!
Der Punkt ist von Einfluß. Denn wir vermeiden
die species facti, wie billig, sofort,
find't sich der Fall mehr eilig als liegend.
Ist aber das Wichtige überwiegend,
wäre die Eile am unrechten Ort.

Meine Herren, Sie haben nun die Prämissen.
Sie werden den Beschluß zu finden wissen.

 


 

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