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Ferdinand Freiligrath: Gedichte - Kapitel 8
Quellenangabe
titleGedichte
authorFerdinand Freiligrath
modified20170815
typepoem
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An das Meer

            O Meer, verliehst du nicht den brennendroten Saft
Den heil'gen Purpur, draus man Kön'gen Mäntel schafft,
Den Männern von Beryt und Tyrus?
O finstres Meer, lag nicht in deiner grauen Flut
Die dunkle Röte die mit königlicher Glut
Umfloß den Heldenleib des Cyrus?

O du, des schwärzlichen Meergottes farb'ger Sohn,
Purpur, bedecktest du nicht Alexanders Thron
Im Land der Inder und der Skythen? –
O Meer, dein dunkler Schoß verbirgt ein Labyrinth
Von Wundern; – ist nicht auch die Perl', o Meer, dein Kind?
Gebarst du nicht selbst Aphroditen?

Ja, du bist reich! Ich sah bis auf den Grund dich, Meer!
Wie dem von Sidon du die Muschel gabst, daß er
Den Purpur auf die Wolle drücke:
So hast du meinem Blick dein Innres aufgetan,
So ließest du im Geist mich deine Pracht empfahn,
Auf daß sie meine Lieder schmücke.

Die alten Schätze, die auf deinem Boden ruhn;
Die Horte, die man einst in dich versenkt, die Truhn,
Die durch das blaue Wasser blitzen;
Die Drachen, deren Mund blutrote Flammen speit,
Die, Zepter in den Klaun, im Scharlachschuppenkleid
Das anvertraute Gut beschützen;

Die Schlange, deren Leib, gleichwie ein Meridian,
Die halbe Welt umspannt, die keines Augen sahn,
Als meine, die mit sieben Zungen
Das Eis des Nordpols leckt (- es schmilzt von ihrem Hauch,
Die Gleichersonne sengt durchs Wasser ihren Bauch,
Den Südpol hält ihr Schweif umschlungen);

Die Städte, die dein Mund in seine Tiefe riß –
(Als Wächter stehn am Tor und fletschen das Gebiß
Meermänner mit blutgier'gen Blicken –) :
Den Seepolypen, der mit haar'gen Armen zuckt;
Den Leviathan, der den Mond dereinst verschluckt,
Wenn er vom Himmel fällt in Stücken:

Das Grab Neptuns – in das, als er gestorben war,
Als ihn kein Steuermann mehr rief in der Gefahr,
Als jeder sich an Heil'ge wandte,
An Fischefänger auf dem See Genezareth,
Und nicht an ihn mehr, dem der Äthiop das Fett
Von hundert Stieren einst verbrannte –

Sein Grab, in welches ihn ertrunkne Römer und
Hellenen – sie auch, die der rotgefärbte Sund
Von Salamis verschlang – begruben,
Sich drüber legten, und – oh, welch ein Leichenstein! –
Aus ihrem eigenen verwitterten Gebein
Dem toten Gott ein Mal erhuben;

Die Flaschen, die der Ring des Salomo verschloß,
Die seit Jahrtausenden dein Wasser schon umfloß;
Die Krüge, gläsern oder irden,
In denen Geister sind, entsetzlich von Gestalt,
Die losgelassen dich, o Weltmeer, wie Asphalt
In lichte Flammen setzen würden: –

All hab ich es gesehn! – Du hast dich mir gezeigt,
Auf daß mein Mund von dir und deinen Wundern zeugt,
Uraltes Meer, vor meinem Sterben.
Du reichst den Purpur mir: mein Lied ist das Gewand,
Auf dem er glühen soll; ich tauche mit der Hand
In deine Flut, mein Lied zu färben.

Sieh, wie es funkelt! Sieh, schon glänzt es purpurrot!
Schon glüht es farb'ger als die Flagge, die das Boot
Aus China schmückt vor Surabaya!
Schon geht es, buntgeschuppt, in seiner Pracht einher:
Dem Goldfisch ist es gleich, dem blitzenden, wenn er
Sich sonnt im Busen von Biskaya.

 


 

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