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Ferdinand Freiligrath: Gedichte - Kapitel 32
Quellenangabe
titleGedichte
authorFerdinand Freiligrath
modified20170815
typepoem
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Im Hochland fiel der erste Schuß

    Im Hochland fiel der erste Schuß –
Im Hochland wider die Pfaffen!
Da kam, die fallen wird und muß,
Ja, die Lawine kam in Schuß –
Drei Länder in den Waffen!
Schon kann die Schweiz vom Siegen ruhn:
Das Urgebirg und die Nagelfluhn
Zittern vor Lust bis zum Kerne!

Drauf ging der Tanz in Welschland los –
Die Scyllen und Charybden,
Vesuv und Ätna brachen los:
Ausbruch auf Ausbruch, Stoß auf Stoß!
– »Sehr bedenklich, Euer Liebden!«
Also schallt's von Berlin nach Wien,
Und von Wien zurück wieder nach Berlin –
Sogar den Nickel graut es!

Und nun ist denn auch abermals
Das Pflaster aufgerissen,
Auf dem die Freiheit, nackten Stahls,
Aus der lumpigen Pracht des Königssaals
Zwei Könige schon geschmissen;
Einen von ihnen gar geköpft –
Und drauf du lang genug geschröpft
Dein Volk, o Julikönig!

An rückt die Linie: Schuß auf Schuß!
Und immer frisch geladen!
Doch dies ist ein Volk wie aus Eisenguß,
Stülpen Karren um und Omnibus –
Das sind die Barrikaden!
Stolze opferfrohe Reihn,
Singen sie, in der Hand den Stein:
»Mourir pour la patrie!«

Die Kugel pfeift, der Kiesel fliegt,
In Lüften wallt die Fahne!
Ein General am Boden liegt –
Ça ira, ça ira, die Bluse siegt,
O Vorstadt St. Antoine!
Massen auf Massen! Keiner wankt –
Schon hat der Guizot abgedankt,
Bleich, zitternd mit den Lippen.

»Vive la Réforme! Le Système à bas!«
O treffliche Gesellen!
Der Birne Schütteltag ist da!
Die halbe Linie, ça ira!
Und Amiens sind Rebellen!
Keine neue Kriegsmacht naht:
Das Volk zerstörte Schien' und Draht –
Bahnzug und Telegraphen!

Was weiter wird: – noch harren wir!
Doch wird's die Freiheit werden!
Die Freiheit dort, die Freiheit hier,
Die Freiheit jetzt und für und für,
Die Freiheit rings auf Erden!
Im Hochland fiel der erste Schuß,
Und die da niederdonnern muß,
Die Lawine kam ins Rollen!

Sie rollt – sie springt – o Lombardei,
Bald fühlst auch du ihr Wälzen!
Ungarn und Polen macht sie frei,
Durch Deutschland dröhnen wird ihr Schrei,
Und kein Bannstrahl kann sie schmelzen!
Einzig in der Freiheit Wehn
Mild und leis wird sie zergehn,
Des alten Zorns Lawine!

Ja, fest am Zorne halten wir,
Fest bis zu jener Frühe!
Die Träne springt ins Auge mir,
In meinem Herzen singt's: »Mourir,
Mourir pour la patrie!«
Glück auf, das ist ein glorreich Jahr,
Das ist ein stolzer Februar –
»Allons enfants« – »Mourir, mourir,
Mourir pour la patrie!«

London, 25. Februar 1848

 


 

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