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Ferdinand Freiligrath: Gedichte - Kapitel 15
Quellenangabe
titleGedichte
authorFerdinand Freiligrath
modified20170815
typepoem
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Ein Lied Memnons

        Vergangen ist die Nacht! Weiß dampft es auf dem Nile;
Auf rafft sich Pharao von seinem Purpurpfühle;
Schlaftrunknes Murmeln füllt die Hekatompylos.
Wie Fackeln, licht und schlank da stehnd im dunkeln Tale,
Blutrot im ersten Sonnenstrahle,
Glühn Obeliskus und Koloß.

Nach Westen weithin fällt ihr ungeschlachter Schatten;
Die Sphinxe werden wach auf ihren Marmorplatten,
Und schauen träg empor an Turm und Säulenknauf.
Der Ibis schickt sich an, um ihre Stirn zu schweben;
Sie aber recken sich, und geben
Sich gähnend ihre Rätsel auf.

Der Geier flattert schwer nach ihren Fußgestellen;
Gleichwie ein Tempelwart von ihren glatten Fellen
Streift mit dem Fittich er der Wüste nächt'gen Staub.
Leis flüsternd grüßen sich die dorn'gen Palmenbäume;
Sich zu erzählen ihre Träume,
Bewegen sie der Kronen Laub.

Und laut und lauter wird's in Thebens alten Mauern,
Auf deren Zinnen ernst gegoßne Löwen kauern;
Vom Schall des Morgens dröhnt mein einstig Königshaus.
Das Herz Ägyptens pocht in seiner ehrnen Hülle,
Und rieselt seines Blutes Fülle
Nach allen seinen Gliedern aus.

Es sprudelt und es gärt und sprengt die hundert Pforten;
Es bricht sich brausend Bahn und flutet allerorten,
Wo sich die Wüste dehnt und wo die Nilflut rollt.
Das nenn ich heißes Blut: Kriegsheere, Karawanen!
Es pulst einher in sand'gen Bahnen
Und schwemmt zurücke Ruhm und Gold.

So grüßt Ägyptenland, du Strahlender, dein Kommen!
Bald übern Strom schon ist dein Spiegelbild geschwommen;
Die Wüste fährt empor, dich jubelnd zu empfahn.
Und ich auch, der ich nur ein Wächter bin im Sande,
Ertöne, seh ich dich am Rande
Des Felsgebirgs im Osten nahn.

Denn wie ein Kriegesfürst im Lande der Araben,
So lässest du einher die mut'gen Rosse traben,
Die flackerndes Gestrahl aus ihren Nüstern sprühn.
Dein Herold Morgenwind führt eine Golddrommete;
Dein Frühzelt ist die Morgenröte,
Dein Abendzelt des Westens Glühn.

Und wie ein Emir auch kannst du die Feinde drängen!
Wenn du zu Wagen steigst, den Himmel zu durchsprengen,
Mit ihren Schatten dann entweicht die dunkle Nacht.
So schier weiß Pharao ein Mohrenheer zu jagen,
Wenn er auf goldnem Sichelwagen
Einherbraust übers Feld der Schlacht.

Und wie sein Arm befreit die Völker und die Lande,
Und wie sein blutig Schwert sich öffnen heißt die Bande,
In die des Feindes Grimm die Kriegsgefangnen schlug:
So auch zerschmetterst du, anspornend deine Pferde,
Die Fesseln, deren Wucht die Erde
Auf das Geheiß des Dunkels trug.

Sieh da, sie öffnen sich! Sie springen und sie schmelzen!
Die Erde war ein Grab; – doch du, den Stein zu wälzen
Von seiner Türe, nahst! – Hin fällt er und zerbricht.
Ich aber grüße dich in deiner Kraft und Schöne;
Vernimm die Summe meiner Töne
In einem einz'gen Worte: Licht!

 


 

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