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Ferdinand Freiligrath: Gedichte - Kapitel 10
Quellenangabe
titleGedichte
authorFerdinand Freiligrath
modified20170815
typepoem
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Anno Domini ...

                Hört mich, Kleingläubige! – Wie vormals im Gefilde
Der Marne bei Chalons die Sünderin Brunhilde
Durch Knechte binden ließ mit ihrem grauen Haar
An einen wilden Hengst, daß an dem dichten Schweife
Er galoppierend sie durchs Frankenlager schleife,
Der Sohn des Chilperich, der andere Chlotar;

Der Hengst riß wiehernd aus; die Hinterhufe schlugen
Das nachgeschleppte Weib; verrenkt in seinen Fugen
Ward jedes Glied an ihr; um ihr entstellt Gesicht
Flog ihr gebleichtes Haar, die spitzen Steine tranken
Ihr königliches Blut, und schaudernd sahn die Franken
Chlotars, des Zürnenden, erschrecklich Strafgericht;

Jetzt auf ihr Antlitz, das blutrünst'ge, fiel der roten
Wachtfeuer Glut, die da vor jedem Zelte lohten;
Jetzt wusch mit eis'gem Guß den Staub von ihrer Stirn
Ein Arm des Marnestroms; weit vorgequollen stierte
Ihr Aug', und das Kamel, drauf man sie morgens führte
Durchs ganze Heer, ward jetzt bespritzt von ihrem Hirn:

So wird dereinst, hört mich, ihr Kalten und Verständ'gen,
Der Herr ein feurig Roß, das flammend in unbänd'gen
Kourbetten schießt durch den Abgrund des Raumes hin,
Den feurigsten von den Kometen wird er senden,
Und wird an dessen Schweif mit seines Zornes Händen
Die Erde fesseln, die bejahrte Sünderin.

Aus ihrer Bahn, die sie sklavisch hat wandeln müssen
Vom Anbeginn, wird sie durch seine Kraft gerissen;
Sie muß ihm folgen als Trabant; tief in den Raum
Schleift er sie mit sich fort; er schnaubt, und Funken sprühen
Durchs All; sein Schweif durchweht es stolz; denn mit sich ziehen
Die Erde darf er – Gott verhängte seinen Zaum.

Wer hält den Rasenden? Die Sonne tritt zurücke,
Und steht zuletzt so fern, daß sie nicht eines Blicke
Mehr sichtbar ist; dann wird es kalt und finster sein,
Und je zuweilen nur, wenn sie den Grenzen neuer,
Entfernter Sonnen nahn, wird, wie des Lagers Feuer
Dem Antlitz der Brunhild, so dieser Sonnen Schein

Dem zuckenden Gesicht der Erde, der halbtoten,
Ein flackernd gräßlich Licht zuwerfen; im blutroten
Gewande steht alsdann der Himmel; siedend zischt
Die See. Vorüber schießt der Wilde, von der Hitze
Gejagt. Nacht folgt aufs neu' dem momentanen Blitze;
Schwarz wird die Erde, gleich der Kohle, die erlischt,

Und bebt vor Kälte; bis, wenn lange Zeit verronnen,
Sie wieder deine Glut fühlt, mildeste der Sonnen,
Einst ihre Mutter du! Bei deinem ersten Strahl
Zuckt sie vor Lust; das Eis zerschmilzt, die Quellen rinnen
Wie Freudentränen; doch zum andern Mal von hinnen
Reißt sie das Flammenroß, und neu wird ihre Qual.

Doch endlich wird geleert sein deines Zornes Schale,
O Herr! – Du winkst! – Sie brennt! Sie glüht zum ersten Male
In eignem Licht, doch ist es eines Dochtes Brand,
Der sich durch Glühn verzehrt. Die Schöpfung sieht mit Staunen
Das Sterben einer Welt; alsdann hört man Posaunen,
Und die Waagschale schwebt in des Weltrichters Hand.

Ein Flammengürtel blitzt und wallt von Pol zu Pole;
Die Berge stürzen sich mit Zischen in die Sole
Des Meers; bis an den Mond weht Lohe, Schaum und Rauch
Und – doch, dann will ich mich empor im Grabe richten,
Und will, wenn ich es kann, dies Lied zu Ende dichten –
Ich zittre; mit der Hand bedeck ich Stirn und Aug'.

 


 

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