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Gedichte

Max Dauthendey: Gedichte - Kapitel 21
Quellenangabe
titleGedichte
authorMax Dauthendey
modified20170815
typepoem
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Festliches Jahrbuch

Ein Bruchstück (Achter und neunter Gesang)

Achter Gesang

        Des Himmels großer Löwe sitzt bei mir und rollt das goldne Auge durch den Tag.
Ich wohne in dem alten Geisterhaus, das an den Berg gewachsen uralt steht,
Fern unten bei dem Fluß liegt meine Stadt mit einundzwanzig ungeheuren Kirchen,
Aus allen Glockenstühlen ziehen stündlich Adler und kommen aus den Türmen auf den Berg
Und schweben dunkel um das Haus.

Schon schenkt der Pfau den sommeralten Schmuck dem Staub und den entlegenen Wegen,
Des Abends gleiten Schnuppen unbekannter Sterne wie helle Zungen durch den nächtigen Raum,
Und röter neigen sich von Tag zu Tag die reifen Äpfel auf die reife Erde.
Ich sah den Hirten heute dicke Schafe über die Stoppelfelder treiben, den Hirten, der ein starker, stolzer Greis,
Der mit der Erde sprechen kann und mit der Leere.
Sein Hund bellt nie, und niemals blöken seine Schafe,
Und selten eine Silbe spricht der Greis.
Wenn er an mir lautlos vorübertreibt, dann werden plötzlich uralt alle Blätter,
Und alle Blumen in den Feldern werden Stein, und Stein wird alles, steinalt wie die Erde,
Die mit ihm lautlos fremde Zeichen tauscht.
Der Hirte scheint mir oft wie jene fremden Fischer, die ich im fernen Wikinglande sah, dort an den ahnungsreichen, stummen Küsten.
Sie liegen Tag und Wochen in den Booten draußen, allein im Meerkreis bei den Fischen, wie längst Gestorbene.

Die Boote liegen wie die Särge dunkel und senken
Garne in die stillen Gründe, doch mehr als arme
Fische ziehen die zähen Garne aus der fremden Tiefe.
Seltsam ist dort das Gesicht der Erde, durch schwere
Inseln geht das Meer in Gassen,
Es hocken in den geisterhaften Klippen auf Holz und
wenig Pfählen Hütten, blutrotbemalt,
An ihren kleinen Fenstern glänzt viel bitteres Salz;
sie sagen, daß im Spätjahr und im Frühling des
Sturmes wilde Männer zu den Hütten steigen
Und Nächte durch an jenen Scheiben weinen, doch
drinnen wohnen treue stumme Fischerleute,
Die große sanfte Königsherren sind im Reiche einer
unbeirrten Stille.

Im kalten Vorfrühling kam ich in jenes Land, und
wie ein starker Wal brach unser Schiff das Eis.
Die Nebelhörner stöhnten Tag und Nacht, und aus
dem ungeheuren Nebelstall heulten des Meeres blinde
Ruhe uns entgegen.
Am Abend fielen alle Nebel schnell,
vom Meer unheimlich rasch verschluckt,
und brandrot standen große Klippen frei.
Stark aufgerichtet prunkte der Granit, daran in roten
Strömen Eisen klebte, wie frischgestürztes Blut.
Es war noch in der Nacht auf jener Klippe, wo groß,
wie ich es niemals sah zuvor, die Sterne wuchsen
und lebendig standen.
Ich hörte auch, dem vollen Nachtmeer nah, zum erstenmal den Meergrund mächtig reden.
Er sprach von einem allgewaltigen Land: es war vor
dem Beginne einer Schlacht, wenn zum Gebet die
schweren Heere und Menschenmassen niederknien,
Inbrünstig rufen starke erzne Orgeln, und mit den
vollen Glocken tönen Dome ...
Ich stand im Schatten eines großen Eisenturme, auf
dessen Spitze hell ein Wachthaus glänzte,
Der große Turm, er zitterte, so mächtig sprach das Meer.

Ich ging dann langsam durch die Insel, und mit mir
gingen alle schweren Sterne
Und hingen tief und dicht bei mir, so daß ich meinte
manchesmal, ich würde mich verirren in den Sternen.

Gern steige ich zum Schacht der tieferlebten Dinge,
denn seltsam festlich ist es bei den Toten,
Sie legen um uns sanft die Binde des hohen, feier-
lichen Schauens und nehmen dafür unser waches Leben.

Vom andern Morgen will ich noch erzählen, wie ich
die Inselhöfe erst und dann die große Küste fremd betrat.

Am Morgen schieden von uns alle Möven, die einen Tag und eine Nacht Geleit gegeben.
Das Schiff zog in die geisterhaften Gassen. Granitne Wände stiegen herrschend hoch, nur wenig Meer und wenig Himmel blieb.

Das Schiff drang langsam in ein Wirrsal langer
Gänge; so düster dehnten sich die Steine, daß alles Licht weit fortgerückt
Und Meer und Morgenhimmel kaum noch leuchten wollten. Die Gänge wurden bald wie Höfe weit,
Doch dichter stand um uns die Stille und die Kälte, wie Blicke einer fremden Gottheit, die töten will.
Uralte Möwenvölker saßen in den Mauernischen, den längst versteinerten Gebilden gleich, und Schnee beleuchtete die langen Reihen der Schweigenden.
Doch mächtig hob sich Leben schnell in allen Mauern, als ein sehr großer Vogel in die Inseln flog und warnend rief.

Sie sagen, daß, mit hehrer Scheu behütet, ein Heiligtum tief in den Inseln steht,
Darinnen junge Helden mit den schönsten Frauen den Gott der stoßen Einsamkeit verehren;
Da Ungeweihte nahen, mahnen mächtig die Hörner der verborgenen Wächter . . .
Das Schiff durchging den letzten größten Hof, und stand dann an der hohen Küste still.

Zu jenen Menschen kam ich, die seit tausend Jahren
auf feierliche Inseln schauen und in stille Gründe.
In ihre Augen hat das graue Meer einen gar seltsam grauen Kreis gezogen, der steht mit Stärke streng in jeder Iris.

Wie eine Kette geht der Kreis von Aug' zu Aug' und ist unsichtbar in das Meer geschmiedet
Entflohen schienen alle Wälder, alle Bäume in dem Land, nur schwarze Felsen, wie die Stücke einer alten Nacht, die lagen weit zerstreut.
In Wüsten des Granites lag ein hölzern Haus, und eines Wikingstammes letzte Fürsten waren die Menschen dort.

Ein Alter und sein Sohn. Von jungen Helden einer
war der Sohn, der gern zum Heiligtume in die Inseln zog
Und mit den Freunden und den Frauen den Gott der stolzen Einsamkeit verehrte.
Vom Vater und vom Sohn empfangen, trat ich ein.
Das Haus lag frei nur in Granit und Himmel, es wohnte eine fremde Sonne in dem Saal,
Und auch die Seele eines toten Liedes ging mit der Sonne durch den hohen Raum.
Die Stille in dem Saal versammelte noch andere Wesen, als die Menschen sind,
Auch schien ein stetes stummes Fest dadrinnen fern aller Zeit.
Es war ein stolzes Mahl, das man im Hause aß, auf Eisen und Granit wuchs hart das Korn,
Das malmte in der Mühle nur der Sturm, die Mägde buken es in einem alten Feuer,
Das Feuer wurde nie im Herd gelöscht, sein Leben war den großen Nächten heilig.

An einem Morgen breiteten die Mägde viel frische Leinwand in den gelben Schnee,
Sie saßen dann in kahlen Apfellauben und sangen, daß die Sonne warm erscheine.
Geruch zog süß ins Haus wie Sommerhonig, "Nun kommt der Balder", lobten froh die Mägde,
Und in der Nacht ertönte tief das Meer, und eine fremde Frau in Kindesnöten, die ächzte auf den öden Steinen draußen.
Sie sagen, niemand darf das Haus verlassen, am Morgen steht die Frau an jeder warmen Tür
Und zeigt den jungen Balder allen Augen.
Mit Balder kommt die Liebe groß und vornehm auch
Zu dem letzten ärmsten Stein des Landes.
Die Heide blühet rot, und tägliches Erröten steht blutjung in den toten Klippen. Die Dirnen träumen in den weißen Betten,
Daß Balder hochgewachsen in die Kammer komme, die Dielen duften süß vom Holz der Rosen.
Neun Blumen locken ihn, am Abendweg gepflückt, doch darf der Jungfrau Mund nicht lachen und nicht plaudern,
Auf daß die Kammer sich zum Garten wandle, darin sie Göttin werde der fremden Nacht.

Gar festlich tanzet Laub an allen Birken, und Balder
steht im Gras und küßt den Baum, den er vor allen andern Bäumen liebt.
Auch gibt er schöne Namen allen Blumen, doch es erfährt die schönen Namen nur, der bei den vielen schönen Blumen schläft.

Des Hauses Sohn entdeckte mir auf mancher Klippe die Tafeln, die verborgen leben
Und nur geheimnisvoll nach jedem Regen mit jeder neuen Sonne dort erscheinen.
Ein reiner Stift aus ungemischtem Silber grub einst in dunkle platten Schiff und Schilde.
Die Sonne liebt die stillen Heldenmale, die Sonne kann die Helden nie vergessen, denen sie einst Geleit und Ruhm gegeben.
Auch stehen ernst im Kreise Steine aufgerichtet und waren einst Getreue und Berater der Könige,
Die Treue ließ die Männer niemals sterben, sie stehen noch wie damals aufgerichtet im Ratring, stolz und Stein,
Die Männer schauen auf den Dom des Meeres, wo klar, wie nur die Seelen ihrer Könige, die Wellen
Zu den fernen Inseln wallen ...

Auch eine böse rote Würgeblume, die wuchert nah den
ehrlich grauen Steinen, sie liegt wie Lokes Kralle am Gestein,
Die Frauen, stolz der Leibesfrucht, sie fürchten sehr den Blick der starken Blume.

Hastig, wie er sich selbst gebar, so hastig stirbt er auch, der reiche Balder.
Darum wagt sich die Sonne kaum zu trennen, es wird nie eine Nacht auf jener Frühlingserde,
Es wagen auch die Veilchen kaum zu duften, denn Salz fällt schon in Knospen, die noch schlafen.

Doch immer liegt die Stille aufgeschlagen wie unerschüttert ein gewaltig Runenbuch,
Beim Anfang aber und beim Ende steht die Schöpfungsrune: der Ruß von unergründlich roten Lippen.
Doch glaube mir, du stirbst in jenem fremden Lande, denn dich verschlingt die große Stille dort,
Und jene Stille wird es auch, die dich mit mächtigen Augen wiederum gebiert.
Dann aber bist du Bruder jener Erde, Geschwister sind dir Wolken und die Berge,
Sie sind dir Sänger auch und schöne sanfte Frauen; die Stille in den Klippen schafft dich sehend.

Tief sehend fand ich einen Mann, weit hinter allen Inselbergen, auf letzter Klippe in dem Kattegat.
Sein hölzern Haus steht wie ein Stein erstarrt, es hat nie Gras und keinen Baum gesehn.
Das Meer geht wie ein großes Tier ums Haus, und stetig zittern alle Dielen und die Wände,
In jeder Kammer ticken laute Uhren, und jede Uhr
Schlägt eine andere Stunde, es gehen alle Zeiten durch das Haus,
Mir war bei Tag und Nacht, als ob man hinter den Wänden Särge schließt und eilig hämmert.
Durch seine Zimmer geht der alte Mann, sein Aug' scheint stark im starken Licht des Meeres,
Mit Liebe sieht er und mit Herrscherernst über den großen Ring des weiten Wassers.
Er sieht dort Länder, die er selbst bevölkert, und lebt bei Menschen, die er selbst erschafft.
Von ihrem Schicksal spricht er laut mit sich und läßt die Menschen sterben, wenn sie sehr gealtert.
Doch kommen mit dem Herbst die fürchterlichen Nächte, wo hilferufend Meer und Steine schreien,
Und liegen draußen im verstörten Morgen sehr weiße Leichen an dem Fuß der Steine und strecken tote Arme aus der Flut,
Dann sitzt der Alte in dem Tang und weint, wie nur die Kinder weinen ohne Atem.

Noch eine Klippe ist der letzte Stein im Meer, es wohnen keine Menschen da, nur Möwen nisten.
Ich hörte dort die Möwenmütter, die von den Eiern aufgeflohen wie Geister in den Lüften klagen.
Am hohen Mittag lag ich auf den Steinen, die waren warm wie junge Menschenkörper,
In blauen Stufen stieg das Meer zur Sonne, und draußen schlugen sich in Brunst die Schwäne,
Des Meeres wunderliche Sterne hingen verirrt und bleichten an den Steinen,
Die Wellen trugen roten Tang herbei, und rote Kränze fielen auf die Insel.
Sie sagen es, auf diesem letzten Stein wird einst der letzte Mensch geboren,
Und seine Seele steht im tiefen Himmel, und seine Seele liegt im tiefen Meer,
Und festlich gehen Wolken und die Sonnen und alle Wellen in ihm auf und nieder.
Ich hatte mich auf einem öden Stein geglaubt und wurde es gewahr, es lebt noch um den letzten Stein ein Fest.

Neunter Gesang

                Die Nebel eines fremden Schlafes stehen
Mit jedem Morgen dichter vor der Tür.
Wir sind im sachten Monat des September.

Die Blätter lebten nie so groß und lautlos.
Ein jedes Blatt sieht um die ganze Erde,
Und diese Erde liegt im Himmel still.

Es lockt mein Herz, von einer Liebessage zu erzählen,
Die mir in Träumen kam und bei mir blieb:

Vom edlen Steinportale einer Kirche wölbte
Der Wind den roten Teppich,
Der rollte seinen Purpur auf die leere Straße.

Unter dem bloßen Bogen stand zum erstenmal
Die Frau, die vorbestimmt
Und nun zum ewigen Leben zu mir kam.

Sie schien vor jener dunklen Schwelle
Wie eine hohe junge Flamme
Und sah zur Welt wie eine Wandlerin,
Die auf den blauen Dächern schreitet ohne Erde.

Dann wieder kam die ferne Frau zu einem Abendfest
In meinen Saal, es lag auf ihrem adeligen Haar
Aus altem Königssgold und schwergegossen eine Krone.

Es staunte niemand, als vor ihrer Krone
Die Kerzen auf den Silberarmen
Und alle Lampen auf den Schalen löschten.

Viel toter Schnee ging draußen um die Erde,
Und alle Menschen drängten in den Saal.

Der Schnee schien durch die Fenster auf die Menge,
Er macht die Gesichter fern.
Ich konnte keinen Freund um mich erkennen.
Doch blieb im Saal mit warmem Haupt
Die goldne Frau, sie schritt mit schwerem
Krug von Mund zu Mund.

Sie war wie eine königliche Magd,
Und unerschöpflich
Schien der schwere Krug.

Bald drang Musik aus den erwachten Mauern,
Es lagen Teppiche im Ahorngarten und
Teppiche auf den Altanen.

An meiner Hand erschien die schöne Frau
Und frisch geschmückt von einem Regen leiser Perlen,
Der Perlen, die in Meeren tief geboren und blind.

Wir traten sacht in meines Himmels großen Wagen,
Sie goß auf weiche Kissen noch ihr weiches Haar.

Und Lippe süß auf Lippe, fuhren wir die heilige Straße.
Die Pferde schlugen sich durch lauter Sterne.
Wir sagten uns ins Ohr den Wunsch der Erde.
Sehr lautlos wie auf Milch eilte der Wagen.

Am Morgen, da ich wunschlos ganz erwachte,
Hielt ich die Frau warm wie mein Herz bei mir.
Sie sitzt nun täglich still an meinem Herd.
Ihr dient die mächtige Gestalt des Feuers.

 


 

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