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Matthias Claudius: Gedichte - Kapitel 6
Quellenangabe
titleGedichte
authorMatthias Claudius
modified20170815
typepoem
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Frau Rebekka mit den Kindern,
an einem Maimorgen

        Kommt Kinder, wischt die Augen aus,
    Es gibt hier was zu sehen;
Und ruft den Vater auch heraus...
    Die Sonne will aufgehen!

Wie ist sie doch in ihrem Lauf
    So unverzagt und munter!
Geht alle Morgen richtig auf,
    Und alle Abend unter!

Geht immer, und scheint weit und breit
    In Schweden und in Schwaben,
Dann kalt, dann warm, zu seiner Zeit,
    Wie wir es nötig haben.

Von ohngefähr kann das nicht sein,
    Das könnt ihr wohl gedenken;
Der Wagen da geht nicht allein,
    Ihr müßt ihn ziehn und lenken.

So hat die Sonne nicht Verstand,
    Weiß nicht, was sich gebühret;
Drum muß Wer sein, der an der Hand
    Als wie ein Lamm sie führet.

Und der hat Gutes nur im Sinn,
    Das kann man bald verstehen:
Er schüttet seine Wohltat hin,
    Und lässet sich nicht sehen;

Und hilft und segnet für und für,
    Gibt jedem seine Freude,
Gibt uns den Garten vor der Tür,
    Und unsrer Kuh die Weide;

Und hält euch Morgenbrot bereit,
    Und läßt euch Blumen pflücken,
Und stehet, wenn und wo ihr seid,
    Euch heimlich hinterm Rücken,

Sieht alles was ihr tut und denkt,
    Hält euch in seiner Pflege,
Weiß was euch freut und was euch kränkt,
    Und liebt euch allewege.

Das Sternenheer hoch in der Höh,
    Die Sonne die dort glänzet,
Das Morgenrot, der Silbersee
    Mit Busch und Wald umkränzet,

Dies Veilchen, dieser Blütenbaum
    Der seine Arm' ausstrecket,
Sind, Kinder! »seines Kleides Saum«,
    Das ihn vor uns bedecket;

Ein »Herold«, der uns weit und breit
    Von ihm erzähl' und lehre;
Der »Spiegel seiner Herrlichkeit«;
    Der »Tempel seiner Ehre«,

Ein mannichfaltig groß Gebäu,
    Durch Meisterhand vereinet,
Wo seine Lieb' und seine Treu
    Uns durch die Fenster scheinet.

Er selbst wohnt unerkannt darin,
    Und ist schwer zu ergründen.
Seid fromm, und sucht von Herzen ihn,
    Ob ihr ihn möchtet finden.

 


 

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