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Gedichte

Richard Dehmel: Gedichte - Kapitel 7
Quellenangabe
titleGedichte
authorRichard Dehmel
modified20170815
typepoem
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Ein Märtyrer

                      Jetzt sollt ihr hören ein rauhes Lied,
von Frieden und Erbarmen leer!
Der Winternachtsturm schreit im Ried
und peitscht das Schilf wie Heu umher;
vor seinem Schnauben erstarrt das Moor,
zerknicken die Binsen, zerbricht das Rohr.

Ein Häuschen umheult er am Heiderand
und schüttelt die Pfosten der rissigen Wand
und reißt an den Haspen und Sparren,
daß sie kreischen vor Frost und knarren
und drinnen am Ofen die Kinder erschauern
und dichter zum Schoße der Mutter kauern.

Die streckt, von Ängsten dumpf gerührt,
zum Vater, der finster mit hastiger Faust
Flugschriften zu Stößen und Ballen schnürt,
die bittenden zitternden Hände:
»Ach Mann, geh nicht durchs Moor! mir graust.«
Doch Er, aus dem Ballen ein Blatt gezaust,
weist ihr die Worte am Ende:

Mensch preßte den Menschen in Schmach und Acht,
weil jeder nur immer sich selber bedacht.
So habt ihr euch selber zu Knechten gemacht.
Drum schart euch, ihr Schwachen, zusammen!
Stützt Rücken an Rücken zum rettenden Heer,
so schwellen die Wellen zum donnernden Meer,
die Fünkchen zu sausenden Flammen!

Die Backen zucken ihm, und er spricht:
Drum bettle nicht! drum quäl mich nicht!
ich hab's den Genossen geschworen.
Der Wahlruf muß heut noch hinüber ins Dorf,
sonst geht der Sieg uns verloren.

»Geh nicht, geh nicht! was schiert der Sieg
dein Weib und die jammernden Kleinen!
Geh nicht, geh nicht! Die zweite Nacht
erst steht das Eis; o Gott, es kracht,
es bricht! o sieh mich weinen!

Es schreit zum Himmel! dein Leben ist mein!«
Da braust er auf vor Zorn und Pein:
schrei lieber zu Teufel und Hölle!
und hebt mit grimmiger Wucht die Last
und fragt, schon tritt er die Schwelle:

Hat's etwa dein Herrgott zu Dank dir gemacht,
daß ich tagtäglich in den Schacht
meine Knochen für 'n Hungerlohn trage!
und sollte mein Leben nicht Eine Nacht
für Glück und Gerechtigkeit wagen?!

Leb wohl! – Ins Schloß die Klinke knallt.
Die Windsbraut stöhnt und ächzt im Schlot.
Vom fahlen Horizont her droht
des Mondes Stirne blank und kalt.
Der Bergmann glüht; er trieft von Schweiß.
Der Mond legt übers dunkle Eis
eine bleiche Straße.

Der Bergmann glüht, der Bergmann keucht.
Doch bald: dann hat er das Ufer erreicht,
schon schimmern – da knistert's, da biegt es sich sacht.
Ein Hilfegestammel. Da knirscht es und kracht
und schollert; ein Aufschrei verbrodelt im Moor.
Schrill winselt's im Schilf, hohl röchelt's im Rohr.
Hui! zischt es und pfeift's in den Binsen.

O rauher, o rauher, mein rauhes Lied!
kein Witwengewimmer! kein Waisengestöhn!
nach Opfern schreit der Sturm im Ried.
Doch bald: dann kommt der Frühlingsföhn,
dann schießt in Halme die junge Saat,
der Tag der Auferstehung naht!

Dann schmilzt im Sturm das morsche Eis,
dann wühlt er die Opfer empor vom Grund,
die Helden alle, die niemand weiß;
und jedes Toten vermoderter Mund
wird klaffend nach Rache blecken
und tausend Lebendige wecken!

 


 

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